Einfall des Bösen – Seite 1

Erik Seignier ist ein kumpelhafter Typ, irgendein Scherz fällt ihm immer ein. An diesem Montagabend nicht. Der gedrungene Mittfünfziger ist für die Sicherheitstechnik der jüdischen Schule Ozar Hatorah verantwortlich; er hat den ganzen Tag für die Polizei die Videoaufnahmen bearbeitet, die den Mörder von Toulouse zeigen. "Ja, auch die fürchterlichste Szene", sagt er und macht eine Pause.

Und hebt noch einmal an: "Da hatte der Mann schon den Religionslehrer und seine beiden Kinder ermordet. Kaltblütig geht er ein paar Schritte weiter, packt mit der einen Hand die kleine Myriam an den Haaren, mit der anderen setzt er ihr die Waffe an die Schläfe und drückt ab."

Das war kurz nach acht Uhr morgens. Zu diesem Zeitpunkt wurde ein Freund Seigniers von seinem Sohn angerufen: "Papi, wir sitzen im Keller, es wird geschossen, wir müssen alle sterben!"

Die Mordwaffe war ein Colt.45 , ein schweres Gerät von großem Kaliber. "So ein Ding hat einen enormen Rückstoß", sagt Seignier, "aber die Hand des Mörders blieb ruhig."

Danach schoss der Täter noch einen Jugendlichen nieder, der nun um sein Leben ringt, ging zu seinem Motorroller zurück und fuhr davon. "Sie müssen sich das einmal vorstellen", sagt Seignier, "da waren die Sträßchen im Viertel noch verstopft von Autos, die Eltern brachten gerade ihre Kinder zur Schule. Und trotzdem konnte der Mann fliehen, er kannte jeden Winkel."

Die Schule liegt im Stadtviertel La Roseraie, das ist ganz hübsch und vor allem ruhig. Einfamilienhäuser, eine Rentnersiedlung. Just deshalb hatte die jüdische Gemeinde mitten im Viertel eine Schule eingerichtet, hinter Büschen und großen weißen Sichtblenden versteckt, an allen Ecken von Kameras überwacht. Pierre Bernard lehrt hier Mathematik. "Dies ist eine kleine, unauffällige Schule, nur 200 Schüler. Jedenfalls tritt die Gemeinde sehr leise auf, setzt sich nicht in Szene. Es hat sie trotzdem getroffen." Nein, darüber, was er mit den Schülern bespricht, will er keine Auskunft geben, "und bitte stellen Sie mir keine persönlichen Fragen". Jemand, der ihn kennt, sagt: "Pierre ist am Boden zerstört."

Der 33-jährige Axel Fourdrinier unterrichtete an derselben Schule bis zum vergangenen Herbst Philosophie. "Die Eltern schicken ihre Kinder dorthin, damit sie geschützt sind", berichtet er: "Vor Versuchungen der nichtreligiösen Welt und vor Anfeindungen aller Art. Da gibt es auch Schüler aus den Banlieues, denen die Eltern eine behütete Jugend bieten wollen, ohne Gewalt und Drogen." Die Schule ist eben etwas Besonderes – und damit wider Willen doch exponiert. Seit der Untat ist die Straße, die zur Schule führt, schwarz von Polizeiuniformen. Ermittler gehen von Haus zu Haus. Die Nachbarn meiden die Straße. Über dem Viertel kreist ein Hubschrauber.

"Wir haben schon seit Jahren alle denkbaren Gefahrenlagen durchgespielt", sagt Yvan Lévy, ein leiser Mann; er vertritt das jüdische Sozialwerk von Toulouse und gibt nun den Medienleuten, die aus aller Welt in großer Schar eingeflogen sind, mit Engelsgeduld Antwort. "Wir geben viel Geld für die Sicherheit aus, schließlich werden wir immer wieder bedroht. Aber so etwas, diese Kaltblütigkeit, das haben wir uns nicht ausdenken können. Das Geschehen ist auch in meinem Kopf noch nicht richtig angekommen, mir fehlt die Vorstellungskraft. Mit der kleinen Myriam habe ich kürzlich noch den Sabbat gefeiert."

"Sie schießen auf die Juden", sagt ein Mädchen. "Warum nur auf die Juden?"

Lévy steht in der großen Synagoge von Toulouse, in die am späten Montagnachmittag Juden und Nichtjuden sonder Zahl geströmt sind. "Schauen Sie sich um", fügt er hinzu, "ich hätte Wut erwartet, sehen Sie hier Wut?" Nein, Ratlosigkeit. "Sie schießen auf die Juden", sagt ein junges Mädchen, "warum nur auf die Juden?" Ein alter Mann spricht von Algerien , vom Krieg: "Da hatte ich das letzte Mal diese Angst." Und ein Schüler meint, "ich glaube, dass wir uns noch nicht eingestanden haben, wie sehr wir verletzt sind und eigentlich auch wehrlos."

Der Täter hat ganz Toulouse getroffen. Der Schrecken verbreitete sich über die Kinder, die Eltern, die Lehrer, über Handys und Facebook und das Fernsehen. Er hat jede Familie erreicht. Und wer ihn vergessen möchte, wird von den Parabolantennen der Fernsehwagen und den allgegenwärtigen Schlagzeilen in die Realität zurückgeholt, und von einem enormen Polizeiaufgebot, das an allen Bahnhöfen und in der Métro wacht, vor allen jüdischen und muslimischen Einrichtungen.

Sarkozys Herausforderer macht eine Schweigeminute zum Medienevent

 

Schon kursieren erste Äußerungen von Politikern und Intellektuellen, die Frankreichs Gesellschaft attestieren, nicht gegen Hass immun zu sein; der Politologe Dominique Reynié zitierte am Dienstag im Radio eine Umfrage, derzufolge mindestens ein Viertel aller der Franzosen ein "negatives Gefühl" hätten, wenn sie an Juden und Muslime dächten. Es wird, nach einer Phase der Trauer, eine Debatte über das Zusammenleben in Frankreich einsetzen, ganz unabhängig davon, was die Fahndung nach dem Massenmörder ergibt.

Erschwert wird die Diskussion dadurch, dass sich Frankreich im Wahlkampf befindet . Einen Vorgeschmack gibt, wie immer, das erregbare Internet: Hatte nicht Nicolas Sarkozy kürzlich behauptet, es gäbe "zu viele Ausländer auf Frankreichs Territorium"? Diese Äußerung, die auch von der rechtsradikalen Kandidatin Marine Le Pen hätte stammen können , wird nun im Netz zitiert, als habe der Präsident dem Verbrechen den Boden bereitet. Übertreibungen dieser Art sind auch eine Form, sich Luft zu verschaffen; sie könnten freilich die Atmosphäre vergiften.

Der Staatspräsident steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss seine Rolle würdig und effizient ausfüllen, nicht zuletzt, weil er wieder gewählt werden will. Also fand er sich am Montag schon zur Mittagszeit in Toulouse ein – so soll es sein. Aber zu viel darf er auch nicht von sich geben, sonst heißt es, er wolle den Schmerz politisch ausmünzen. Vor allem aber muss er nun schnell den Täter präsentieren! Sein Innenminister Claude Guéant ist zeitweilig von Paris nach Toulouse umgezogen und mit ihm zweihundert Ermittler; die operative Leitung liegt bei Fachleuten für den Kampf gegen Terroristen.

Sarkozy hat sich selbst eine bis zu diesem Donnerstag währende Wahlkampfpause verordnet. Richtig so, auch wenn sie ihm politisch nützt – als Präsident bleibt er schließlich weiterhin sichtbar, während der sozialistische Kandidat, der nun ebenfalls alle Termine absagen musste, aber kein bedeutendes Amt innehat, für ein paar Tage unsichtbar wird.

Wirklich unsichtbar? Nicht so ganz. Hollandes Pressestab sorgte dafür, dass der Kandidat bei seiner Teilnahme an einer Schweigeminute von sechs schreibenden Journalisten, zwei Fotografen, zwei Radioteams und drei Fernsehteams begleitet wurde. Und seine sozialistische Mitstreiterin Ségolène Royal twittert noch immer munter ihre Parolen in die Netzwelt . Man wird die Kandidaten auch daran messen, ob sie ein Gefühl für den richtigen Moment haben. Jetzt wird getrauert, öffentlich und privat. In Paris soll am Sonntag ein Schweigemarsch die jüdischen und muslimischen Gemeinden vereinen, das wäre ein kleines Wunder, vielleicht gelingt es ja.

Die ermordeten Soldaten sind dann schon beerdigt, in Frankreich, und die Opfer vom Montag in Israel . Am Dienstagabend startete ein Flugzeug von Toulouse nach Paris, Reiseziel Jerusalem . An Bord vier Särge, die Opfer waren israelische Staatsbürger, und unter den Passagieren eine Frau, die am Montag früh noch ihrem Mann und den beiden Kinder Adieu gesagt hatte. Kurz darauf hatte sie alles verloren.