In der Mythologie ist die Revolution der Männer genau fixiert. Sie wurde durch den Freispruch vollzogen, den Athene Orest für seinen Mord an seiner Mutter Klytämnestra gewährte. Diese hatte zuvor ihren aus Troja heimkehrenden Gatten Agamemnon um ihres Buhlers Ägistos willen erschlagen. Orest rächt seinen Vater. Darauf wird er von den Erinnyen verfolgt, und die Frage ist, welcher Mord größere Schuld erzeugt habe. Für Orest ist das die Tat seiner Mutter, denn sie tötete ihren Gatten sowohl wie seinen Vater. Die Erinnyen sehen das als minder schwer gegenüber dem Muttermord: Schließlich war Klytemnästra dem Mann, den sie erschlug, nicht blutsverwandt. Im Mutterrecht ist der Mord in der Familie der zuletzt sühnbare. Und zur Familie gehört der Gatte nicht. Apollo, der Orest zur Tat aufgefordert hatte, verteidigt ihn vor Gericht. Die Schöffen stimmen in gleicher Zahl für und gegen ihn ab, sodass der Richterin Athene die Entscheidung überlassen ist. Mit ihrem Freispruch hat sie das Matriarchat als einzige Ordnung gebrochen: Erstmals wird die Beziehung zwischen Vater und Sohn überhaupt anerkannt.

Das Patriarchat entwickelte, wo es sich durchsetzte, die für die Ideen des Menschen bekannten aberwitzigen Übertreibungen, bis die amerikanische und die Französische Revolution Frauen eine neue Handhabe gaben. Olympe de Gouges formulierte 1791 die Rechte der Frau. Wegen Paranioa reformatoria wurde die Französin allerdings hingerichtet, und ihre Nachfolgerinnen kämpfen, obwohl ihre Rechte theoretisch längst gelten, noch immer um die letzte politische und materielle Gleichberechtigung.

Auch mit ihrem Männerbild hat sich Olympe de Gouges so weitgehend durchgesetzt, dass man es im frühen 21. Jahrhundert nicht nur auf einem Bürgeramt noch antrifft, sondern auch im Kindergarten, den der Sohn eines Freundes besucht. Dort wurde händeringend nach einem männlichen Erzieher gesucht. Aus guten Grund: Der Junge, der Männer als zuwendungsbereite, sorgende Menschen erlebt, hat es später leichter, selbst ein solcher zu werden. Als ein Erzieher gefunden war, wollten die Eltern keinen Mann im Umgang mit ihren Töchtern dulden. Der Mann konnte nicht eingestellt werden.

Der Mann sei wunderlich, hatte de Gouges 1791 geschrieben, blind, aufgebläht und entstellt von seiner Wissenschaft. Er fiele in gröbste Unwissenheit zurück und glaube despotisch über ein Geschlecht verfügen zu können. Der Mann als Verfüger: Das ist auch das Thema in zwei von drei Krimis der Öffentlich-Rechtlichen.

Dabei galt bis ins 18. Jahrhundert gerade die weibliche Sexualität als die zügellose. Erst zu dieser Zeit entwickelte sich die Vorstellung, Frauen könnten ihren Sexualtrieb kontrollieren. Und noch im 19. Jahrhundert ging man überall gegen die unsoliden Frauenzimmer vor, die die öffentliche Ordnung störten. In der moralischen Bewertung der Sexualität hat sich der Mann seitdem genauso immer weiter zurückdrängen lassen, wie er es seit einigen Jahrzehnten des vitalen Feminismus in der Beziehung zu seinen Kindern geschehen ließ. In diesem zentralen Punkt ist der Feminismus auf paradoxe Weise gescheitert: Mit tödlicher Verve behindert er den Ausgleich zwischen den Geschlechtern.

Das Verhältnis des Vaters zum Kind ist nie gut entwickelt worden. De Gouge hatte auch das Recht auf Bekanntgabe einer Vaterschaft gefordert, aber Paragraf 340 des Code Civil verbot dann das Erforschen einer solchen. Vater war per Gesetz immer der Ehemann der Mutter, während es im Zweifel eben keinen Vater gab. Mit dem Paragrafen 314 war das Feststellen einer Mutterschaft dagegen explizit zugelassen. Das bürgerliche Gesetzbuch des Deutschen Reiches bestimmte gar, dass ein uneheliches Kind und sein Vater nicht verwandt waren. Das kommt den heutigen Vätern ohne Sorgerecht sehr bekannt vor: In der Beziehung zwischen Eltern und Kind ist nie etwas anderes gewesen als Matriarchat. Spiegelbildlich zu materieller und politischer Gleichberechtigung der Frauen müssen Männer jetzt endlich die volle familiäre Rehabilitation einfordern. Das Instrument ist der Vaterschaftstest.

Eine schwedische Studie stellt fest, dass Männer, die sich nach Geburt ihres Kindes mehrere Monate freinehmen, länger leben. Das fügt sich gut zur Erkenntnis, dass Verheiratete länger leben als Ledige. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für den Mann aber nicht nur so schwierig wie für die Frau. Sie ist noch weniger ein Thema, wie es die jüngst so getaufte Männergesundheit ist, der man sich erst jetzt zuwendet, um die nach dem Zweiten Weltkrieg weiter angewachsene Diskrepanz in der Lebenserwartung von Frauen und Männern zu verringern.

Durch die berühmte Klosterstudie von Marc Luy ist schon lange bekannt, dass diese Diskrepanz fast nur aus der Lebensführung resultiert. Daher muss man sagen, dass etwa die Frauenquote in Dax-Vorständen nur ein oberflächliches Problem ist. Sie ist nicht mehr als eine Folge sehr viel tiefer liegender Asymmetrien, deren Verlierer der Mann ist, falls wir das Leben selbst als unser höchstes Gut begreifen. Je mehr aber der Mann in der Familie ankommen darf, desto mehr seiner ach so begehrten Positionen werden zwangsläufig vakant. Aber die Damen sollten sich nicht täuschen: Die meisten Männer haben nur einen blauen Overall und etwas Werkzeug anzubieten im Tausch gegen die Zeit, in der sie mit den Kindern auf den Spielplatz gehen.

Von Ralf Bönt erschien gerade das Buch "Das entehrte Geschlecht: Ein notwendiges Manifest für den Mann" (Pantheon Verlag)