Christian Bernhardt striegelt gerade ein Pony, als ihn der Krieg einholt. Er steht auf einer Koppel am Stadtrand von Berlin , in Brandenburg , an einem warmen Tag im Frühjahr 2011, Anfang Mai. Ein Summen am Himmel in der Ferne ... es steigert sich zu einem Knattern. Bernhardt blickt hoch, und obwohl er nichts sehen kann, zieht er den Kopf zwischen die Schultern, erstarrt.

Es ist ein Hubschrauber. Christian Bernhardt nimmt ihn nicht wahr. Er ist in Kuwait , in der Wüste. Da sind die Raketen, das Giftgas, die Angst vor dem Tod. Der Schweiß bricht ihm aus. Minutenlang steht er regungslos da, dann hat das Pony genug vom Warten und trottet davon.

Bernhardt, 35 Jahre alt, schmal, fast zwei Meter groß, wirft die Bürste in einen Eimer und lässt sich auf die Bank unter dem Kirschbaum fallen. Bienen und Hummeln summen über ihm. Er braucht jetzt eine Zigarette, zittert aber so stark, dass er sie kaum anstecken kann.

»Das war’s«, sagt er, sichtlich mitgenommen, »der Tag ist gelaufen.«

Vor wenigen Wochen hatte er noch heftiger reagiert, wenn er Flugzeuglärm oder Sirenen hörte . Dann warf er sich auf den Boden und suchte Deckung. An ganz schlechten Tagen legte er sich zu Hause in die leere Badewanne. Zweimal wollte er sich das Leben nehmen. Nun, seit Ende März 2011, ist er in Behandlung, in Jühnsdorf in Brandenburg, bei der Pferdetherapeutin Claudia Swierczek und ihren Tieren.

Todesangst, als die ersten Raketen einschlugen

Neun Jahre zuvor, am 21. März 2003, hatte Bernhardt zu einem Kontingent der Bundeswehr gehört, das nach Kuwait entsandt wurde, zur ABC-Abwehr. Die Einheit sollte das amerikanische Camp Doha vor Angriffen mit Massenvernichtungswaffen schützen. In Deutschland war diese Mission wenig bekannt. Der damalige Kanzler Gerhard Schröder hatte offiziell die Teilnahme der Bundesrepublik am Irakkrieg abgelehnt.

Es kostet Bernhardt große Überwindung, über seinen Einsatz in Kuwait zu reden. Einen Kaffeebecher und das Handy umklammernd, presst er seine Sätze hervor. Saddam Husseins Irak hatte 2003 keine chemischen oder biologischen Waffen, aber der Soldat Bernhardt konnte das damals nicht wissen. Als die ersten Scud-Raketen in der Nähe des Feldlagers in Kuwait einschlugen, litt er Todesängste.

Schutzanzüge und Masken, die nicht passten

»Womit schießt Saddam?«, fragte er sich, Deckung suchend. Seine Truppe hatte nur veraltete Schutzanzüge und Gasmasken, die ihm nicht richtig passten. Einmal musste er stundenlang im Bunker ausharren. Die Angst und die Hitze trieben den Schweiß, seine Uniform war klatschnass, in der Gasmaske sammelte sich das Wasser, es stieg bis zur Unterlippe. Er atmete durch die Nase. Das Wasser stieg bis zur Oberlippe. Er geriet in Panik. Sollte er die Gasmaske herunterreißen, verseuchte Luft einatmen? Oder am Wasser ersticken? Da endete der Alarm.

Nach 47 Tagen verließ der Stabsunteroffizier Bernhardt das Camp in Kuwait. Am 8. Mai 2003 landete er in Köln-Wahn. Seine Freundin begrüßte ihn stürmisch. Aber er war nicht mehr der, den sie gekannt hatte. Er war ein kranker Mann, der unter PTBS litt, einer Posttraumatischen Belastungsstörung . Überfallene und Vergewaltigte können diese psychische Krankheit bekommen, Erdbebenopfer, Rettungssanitäter und Soldaten.

Acht Jahre nach dem Einsatz erhält Christian Bernhardt endlich eine Therapie. Die Pferde sollen ihm helfen, seine Ängste zu überwinden. »Wenn ich bei den Tieren bin, geht es mir besser«, sagt er.