Die Demokratie der Piraten ist eine Dauerdemokratie. Die Bürger sollen permanent mitreden und nicht nur alle vier Jahre wählen gehen. Ihre Meinung soll so viel zählen wie die Meinung der Abgeordneten. Alle sollen gleich sein, Wähler und Gewählte. Es ist eine Demokratie, in der das Programm nie fertig formuliert ist und die Partei keine Organisation ist, sondern ein Netzwerk. Die Piraten wollen diese Utopie verwirklichen, indem sie als transparente Politiker den Parlamentarismus von innen revolutionieren. Das ist ihre Vorstellung von sich selbst.

Mit jedem Abgeordneten, den die Piraten entsenden, merken sie, wie schwer ihre Ideale umzusetzen sind. Wenn alle gleich viel zu sagen haben, wer übernimmt dann Entscheidungen? Wenn alles öffentlich ist, wo werden dann vertrauliche Gespräche geführt? Wenn sich niemand zu sehr in den Vordergrund stellen darf, wer macht dann Politik? Im Berliner Abgeordnetenhaus lähmen sie sich gegenseitig mit ihren basisdemokratischen Entscheidungsprozessen. Sie sind es gewohnt, technische Probleme zu lösen, aber nicht, politisch zu arbeiten oder zu denken. Die Frage ist, ob sie das System verändern werden oder das System sie verändern wird.

Dieses System, das die Piraten so veraltet finden, ist im Grunde ziemlich flexibel. Es lässt neue Parteien aufkommen und andere sterben. Vielleicht werden die Piraten feststellen, dass etwas richtig ist an dem, was sie den anderen Parteien als falsch vorwerfen: mehr Hierarchie zum Beispiel. Vielleicht schauen sich die anderen Parteien von ihnen etwas ab, das sie schon längst verworfen hatten: mehr Basisdemokratie zum Beispiel. Ob die Piraten nächstes Jahr in den Bundestag gewählt werden, ist nicht die entscheidende Frage. Die Frage ist, ob die Piraten schon jetzt etwas verändert haben, bei den Wählern und bei den Parteien. Die Antwort ist ja.

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