Xia Xao muss gesund bleiben. Deshalb raucht und trinkt sie nicht. Deshalb zieht sie sich im Winter warm an und geht nie bei Rot über die Straße. Die Chinesin weiß, dass ihre Existenz bedroht wäre, wenn sie nicht ständig Vorsicht walten ließe. Denn sie ist illegal in Österreich und hat keine Krankenversicherung. Heute ist sie trotzdem beim Arzt. Bei AmberMed , einer Einrichtung der evangelischen Diakonie und des Roten Kreuzes, ist die Behandlung anonym und kostenlos. Zwei Mediziner verarzten jeden Tag in dem Sozialambulatorium im Süden Wiens bedürftige Patienten. Hier fragt niemand nach der E-Card oder dem Namen. "Ich habe Angst wegen meiner Krampfadern", erklärt die 39-Jährige der Ärztin. Blau und verästelt drücken die Blutgefäße durch die blasse Haut, als Xia Xao ihre Leggings herunterrollt.

Draußen im Wartezimmer sitzen Diabetiker, Schwangere und Patienten mit Tropenkrankheiten. Neben Chinesen kommen auch Afrikaner, vereinzelt Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien und so mancher Österreicher. Leute ohne Papiere, zum Teil ohne offizielle Existenz. Menschen, die durch alle sozialen Netze gefallen und nicht mehr krankenversichert sind. 100.000 von ihnen gibt es laut Armutskonferenz in Österreich.

Zu den Unversicherten zählen nicht nur illegale Einwanderer wie Xia Xao. Es sind auch Obdachlose oder psychisch Kranke darunter – und immer mehr Menschen auf dem Scheideweg zwischen Ausbildung und Arbeitswelt. "Sie alle sind aus verschiedenen Gründen nicht versichert", sagt Martin Schenk, Sprecher der Armutskonferenz. "Gemeinsam ist ihnen nur ein geringes Einkommen." Zwar bemüht sich der Staat, für möglichst viele Sorge zu tragen. Die Einführung der Mindestsicherung im September 2010 ermöglichte laut Schenk rund 30.000 Menschen wieder, in das System der Krankenversicherung zurückzukehren. Auch Asylwerber sind im Rahmen ihrer Grundversorgung versichert. In Europa gehört Österreich zu den Ländern mit den meisten Versicherten. Außen vor bleibt jedoch trotz allem eine Gruppe, deren Größe der Einwohnerzahl von Klagenfurt entspricht.

Die Chinesin Xia Xao hatte ihren Job in einer Fleischverarbeitungsfabrik in Peking verloren. Mit der Hilfe eines Schleppers war sie nach Österreich gekommen. Ihre junge Tochter ließ sie bei der Oma in China zurück. Sie ist ein klassischer Wirtschaftsflüchtling. Wollte sie sozialstaatliche Leistungen in Anspruch nehmen, müsste sie ein Asylverfahren anstreben – und weil sie in ihrer Heimat keiner Verfolgung ausgesetzt war, hätte das wohl eine Abschiebung zur Folge. Damit das nicht passiert, lebt sie wie ein Schatten. Unauffällig, ohne jegliche Sicherheit. Die Frau mit den langen Haaren und den getuschten Wimpern sagt, sie hätte gerne eine E-Card, endlich Ruhe. Aber sie muss weitermachen wie bisher und kann nur hoffen, dass ihr nichts passiert.

Im Vergleich dazu führt Robert vordergründig ein normales Leben. Der 29-Jährige jobbt neben seinem Studium. Der groß gewachsene Niederösterreicher mit schwarz umrandeter Brille sitzt im Café Tachles am hippen Karmeliterplatz in Wien-Leopoldstadt und trinkt ein Krügel Bier. Er gehört zur urbanen und hoch qualifizierten Generation Erasmus, die allen Anforderungen der Globalisierung gerecht wird, spricht fünf Sprachen, arbeitet viel und ist flexibel. Eigentlich müsste man meinen, dass ein Typ wie Robert ein angstfreies Leben führen sollte. Stattdessen ist er permanent darauf bedacht, möglichen Gefahren für die Gesundheit aus dem Weg zu gehen.

Seit Langem schon lässt Robert sein Rad stehen, denn Radfahren sei zu gefährlich für jemanden, der nicht krankenversichert ist, findet er. Die Unfall- und Haftpflichtversicherung, die er durch das Zahlen seines Pflichtbeitrags an die Hochschülerschaft hat, deckt nur Schäden ab, die im Rahmen des Studiums entstehen. "Bei einem schweren Unfall mit hohen Folgekosten hätte ich sofort 150.000 Euro Schulden", fürchtet er. Er will anonym bleiben. Auch seine Eltern haben keine Ahnung, dass ihr Sohn nicht versichert ist. Zu unangenehm ist ihm die Sache und zu schwierig zu erklären in einer Gesellschaft, für die Sicherheit das höchste Gut bedeutet.