Brics? Das soll in die Reihe der großen weltpolitischen Abkürzungen eingehen wie Nato oder Uno? Brics heißt: Brasilien , Russland , Indien , China , Südafrika . Ein Begriff aus der Expertensprache, der die großen Schwellenländer des frühen 21. Jahrhunderts unter ein Etikett bringt. Diese Woche veranstaltet die Gruppe in Delhi ein Gipfeltreffen.

Fünf Nationen, vier Kontinente, 43 Prozent der Weltbevölkerung, ein Viertel der Weltwirtschaft, aber ohne historischen Zusammenhalt, mit konkurrierenden politischen Systemen und entgegengesetzten geostrategischen Interessen – was soll das? Kürzlich haben Indien und Südafrika für eine regimekritische Syrien-Resolution des Weltsicherheitsrates gestimmt, Russland und China aber dagegen . Brics – ein Chaosklub?

Nicht, wenn man Sunjay Joshi zuhört. Der Leiter der Observer Research Foundation in Delhi ist von der indischen Regierung beauftragt, dem Brics-Prozess Leben einzuhauchen. In seinem Institut waren gerade 60 führende Ökonomen und Ministerialbürokraten aus den fünf Ländern zu Gast. Joshi: "Vor drei Jahren haben wir mit Brics angefangen und uns nichts zu sagen gehabt. Alles war pure Symbolik. Heute aber eint uns eine neue Erkenntnis. Sie lautet: Unsere jeweiligen Erfahrungswerte sind für unsere Politikbetriebe wertvoller als westliche Konzepte."

Das klingt theoretisch, doch sollen jetzt praktische Schritte folgen. In Delhi werden die Brics-Staaten in dieser Woche eine Entwicklungsbank ins Leben rufen, die nur noch mit Krediten in den Währungen der Brics-Länder handelt. Die Bank soll Entwicklungskonzepte zum Beispiel aus China oder Indien nach Indonesien oder Nigeria exportieren – als Alternative zu den Rezepten der Weltbank. "Wir bauen Parallelinstitutionen auf", sagt Joshi.

Aus den Erfahrungen der anderen lernen

Vorerst wird die neue Bank nur ein paar Milliarden erhalten, bald aber könnten es schon umgerechnet 150 Milliarden Dollar aus China, 50 Milliarden aus Indien und noch einmal so viel aus Brasilien sein , sagen Insider. Gleichzeitig wird jetzt in Delhi ein Börsenabkommen unterzeichnet: Bald soll jeder Chinese in seiner Währung Aktien in den übrigen vier Brics-Staaten kaufen können, ohne Umtausch in eine westliche Weltwährung. Das gilt dann umgekehrt genauso für Inder, Russen, Brasilianer und Südafrikaner.

Aber Joshi und seine Kollegen in der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften (CASS), die Brics auf chinesischer Seite begleiten, wollen auf mehr hinaus: Sie glauben, dass das globale Nachdenken über Entwicklung bisher durch westlich dominierte Institutionen wie die Weltbank oder die großen amerikanischen Universitäten ungut vereinfacht wurde. Jetzt wollen sie direkt aus der komplizierten Realität jener Länder lernen, die gleiche Erfahrungen machen.

Beispiel Urbanisierung: Die Brics-Länder brauchten keine geordnete Städteplanung nach westlichem Modell, dafür sei es zu spät, denn die Millionen Arbeitsmigranten ohne Wasser und Strom befänden sich heute schon in den Städten. Viel wichtiger sei, was man mitten in Dreck und Müll noch tun könne. Beispiel Armutsbekämpfung : Die Brics-Länder wollen den Erfolg der Familienförderung in Brasilien und der neuen indischen Software für die Armenregistrierung vergleichen. Möglicherweise lässt sich beides miteinander kombinieren.