Dort, wo die Straße so breit wie nirgends im ganzen Land ist, stoppt Kyaw Zin Min sein Moped. "Zwanzig", sagt er und zeigt auf den Boden, "zwanzig", und als er sieht, dass ich immer noch nicht reagiere, steigt er ab. Er geht über die Straße und bleibt auf der Fahrbahn stehen. Der Wind bläst staubige Luft über den Teer. Kein Auto ist zu sehen. "Sieh", ruft er und lächelt das erste Mal auf dieser Fahrt. "Zwanzig Spuren. Nur für uns."

Der Highway in Birmas Hauptstadt Naypyidaw ist wie ein Strich durch braches Land. Eine Stadtautobahn ohne Stadt. Zwei Mopeds knattern vorbei. Ein Lastwagen, der Zementsäcke geladen hat. Dann lange nichts. Wir zählen die Fahrbahnen. Eigentlich sind es nur vierzehn, wer die Standstreifen dazunimmt, kommt auf sechzehn. "Es sind sechzehn", sage ich. "Ja", sagt Kyaw Zin Min und nickt. "Es sind zwanzig." Als wir wieder vor dem Moped stehen, schlüpft er aus seiner rechten Sandale. An seinem Fuß wächst ein sechster Zeh. "Sechs", sagt er und zeigt auf seinen Fuß. "Zwanzig", und deutet auf die Straße. "Zwanzig. Sechs." Dann lacht er wieder.

Birmas Hauptstadt ist eine Stadt, die nur die Übertreibung kennt. Es war um die Jahrtausendwende, als das Militärregime des südostasiatischen Landes den Bau eines neuen Regierungssitzes befahl. Die neue Metropole sollte größer, sicherer und sauberer sein als all die Städte, die bisher gebaut wurden. Vor allem aber sollten die Pläne ein Geheimnis bleiben. Denn das Fundament dieser Stadt war vermutlich nackte Angst. Nichts fürchteten die Generäle mehr als einen Einmarsch der USA , nichts beunruhigte sie stärker als ein Aufstand der Bevölkerung.

Es heißt, ein Astrologe habe dem obersten General geraten, das leicht einzunehmende Rangun am Meer zu verlassen und im Landesinneren eine neue Stadt anzulegen. Wie die Herrscher früherer Dynastien schuf sich die Junta ihren Traum. Auf einem Gebiet, achtmal so groß wie Berlin , wuchsen in Rekordzeit Regierungsgebäude, Shoppingcenter, Wohnviertel, ein Zoo und natürlich mehrere Golfplätze für das liebste Hobby der Generäle. Grundstücksbesitzer wurden enteignet. Zwangsarbeiter sollen für die Bauten herangezogen worden sein. In einem Land, in dem die Menschen im Schnitt mit 250 Euro im Jahr leben müssen, wurden Milliarden Euro in das Wolkenkuckucksheim der Generäle investiert. Trotzdem blieb die Stadt lange nicht mehr als ein Gerücht.

Am 6. November 2005 machte sich um 6.37 Uhr in Rangun eine Karawane der Regierungsbeamten auf den Weg. Der Astrologe hatte offenbar auch die exakte Uhrzeit für den Umzug bestimmt. Die Welt war überrascht. Selbst die Beamten wurden erst im letzten Augenblick informiert. Es soll ihnen nur wenig Zeit zum Packen geblieben sein. Einige Tage später gab man den ausländischen Botschaftern im Land eine Faxnummer, unter der sie die Regierung von nun an erreichen konnten. Birma hatte eine neue Hauptstadt. Sie nannten sie Naypyidaw – die Stadt der Könige.

Ich kann dir diese Stadt zeigen, hatte Kyaw Zin Min früh am Morgen am Busbahnhof gesagt und dabei auf einen zweiten Motorradhelm gedeutet. "Lass uns fahren." Die Sonne war noch nicht aufgegangen, die Busfahrer saßen im grellen Lampenlicht einer Garküche auf weißen Plastikstühlen und aßen gebratenen Reis und tranken Tee. Den Zoo, die Einkaufszentren, die Pagode wolle er zeigen, aber nicht die Regierungsgebäude. "Police", sagte er und fasste sich nacheinander an die Handgelenke, als würden ihm Handschellen angelegt. "Es ist eine große Stadt, es wird teuer", meinte Kyaw Zin Min noch und reichte den Helm.

Die Fahrt geht über die endlosen Straßen der Stadt, flankiert von Laternen, die nachts ohne Unterbrechung leuchten. Einmal wendet Kyaw Zin Min, weil er Polizisten an einem Kontrollpunkt erkennt. Dann wird die Stadtautobahn deutlich schmaler, ist jetzt ein begrünter Boulevard mit breitem Fußgängerweg, an dessen Ende das Gold der Uppatasanti-Pagode schimmert. Die, die den Atem haben, steigen die breiten Treppenfluchten aus weißem Stein hoch. Die Schwerfälligen bringt ein verglaster Fahrstuhl zum Eingang.

99 Meter ist der Stupa hoch. Ein Meisterwerk. Aber nur auf den ersten Blick. Wer sich der Pagode nähert, merkt schnell, dass er dies alles schon mal gesehen hat. Uppatasanti ist ein Nachbau des größten Heiligtum Birmas, der Shwedagon-Pagode in Rangun . Das Original in der alten Hauptstadt wurde vor 2.500 Jahren gebaut, die Replik ist drei Jahre alt. Das kopierte Heiligtum ist ohne Leben. Einige Fußballspieler einer Armeemannschaft in roten Trainingsanzügen sehen sich um. Zwei Mönche ruhen sich aus. Nur das Spiel der Glöckchen im Wind an der Spitze der Pagode ist zu hören. 

Eigentlich liegt der Tempel mitten in der Stadt. Aber wer von hier oben auf Naypyidaw blickt, sieht vor allem Felder, Baustellen und nur wenige Gebäude. Knapp eine Million Menschen wohnt inzwischen offiziell hier. Aber niemand hält diese Zahl für wahr. Es sollen nicht mehr als 200.000 sein, schätzen Oppositionelle. Selbst das fällt schwer zu glauben.