ZEIT: Das habe ich nicht gesagt. Sie haben einen unglaublichen Willen.

Müller: Das allein reicht nicht. Ich muss vielleicht doch noch ins Feld führen, dass ich eine ziemlich schnelle Auffassungsgabe habe. Man kann nicht ganz auf den Kopf gefallen sein, wenn man wie ich eine too big to fail-Vorlage vertritt. Da musste ich mit einem Fachmann am Tisch sitzen und habe in der ersten halben Stunde nur Bahnhof verstanden – aber in der vierten Stunde konnte ich so fragen, dass der Fachmann Respekt zeigte. Aber, da haben Sie recht, man muss wollen und sehr viel arbeiten. Ich habe auch schon das Steuergesetz mit in den Urlaub genommen. Und meine damalige Frau sagte: "Spinnst du?" Ich sagte: "Wir haben eine Steuergesetzrevision. Ich will wissen, was wir da machen." Für mich ist das halt eine spannende Lektüre.

ZEIT: Wieso opfern Sie Ihr ganzes Leben der Politik und diesen Ordnern? Sogar Ihre Ehe ist an Ihrer Arbeitswut zugrunde gegangen.

Müller: Chabis! Unsere Scheidung war ein Prozess von mehreren Jahren. Ich komme heute mit meiner Frau besser aus als früher. Wir gehen öfter zusammen abendessen. Aber ich muss sagen: So ein Interview habe ich noch nie erlebt. Mir gefällt das!

ZEIT: Erklären Sie mir jetzt bitte, warum Sie Ihr Leben Ihrer Arbeitswut opfern.

Müller: Es stimmt einfach nicht. Nach der Rekrutenschule bin ich zum Beispiel nicht gleich ins Arbeitsleben, sondern nach Amerika.

ZEIT: Um gegen den Vietnamkrieg zu demonstrieren.

Müller: Das hat sich ergeben. In den USA hat man mich überfallen, ich hatte kein Geld mehr, war blank, musste nach Hause. Und dort musste ich das Gipsereigeschäft meines Vaters übernehmen. Er hatte 200.000 Franken Schulden, 100.000 bei der Bank, 100.000 beim Baumaterialhändler in Aarau. Die Frage war: Geht der Vater in Konkurs?

ZEIT: Wie konnte das passieren?

Müller: Er hatte einen Kompagnon, der ihn über den Tisch gezogen hat. Er wäre in Konkurs gegangen, das wollte ich auf keinen Fall.

ZEIT: Warum nicht?

Müller: Weil es mein Vater war. Also habe ich den Laden saniert. Daneben habe ich 23 Jahre lang Motorsport gemacht, zehn Jahre davon auf einem professionellen Niveau. Bis Ende 1996, dann wurde ich in den Aargauer Großen Rat gewählt, auch wenn ich gar nicht wollte. So war es immer.

ZEIT: Nach dem gleichen Prinzip werden Sie jetzt FDP-Präsident. Keiner will, also macht’s der Müller. Aber mit Vollgas.

Müller: Vergangenen Dezember habe ich Leute fürs Präsidium gesucht. Wir haben gute Leute, Martin Schmid etwa, Ständerat aus Graubünden, früherer Regierungsrat, ein ganz cleveres und blitzgescheites Bürschchen. Das wäre der ideale Präsident für die FDP. Oder eine Karin Keller-Sutter. Ich habe mit beiden gesprochen, x-mal. Sie wollten einfach nicht.

ZEIT: Sie sagen: "Der Kunde muss wissen, dass es uns überhaupt gibt. Wir haben ein Imageproblem." Das ist falsch. Sie haben ein inhaltliches Problem.

Müller: Nein.

ZEIT: Sie müssten die größte Partei der Schweiz sein, weil sie Staat und Wirtschaft wie keine andere Partei vereinen. Sie sind aber so klein geworden, weil Ihr Uranliegen, eine liberale, wirtschaftsfreundliche Gesellschaft, schon lange erfüllt ist.

Müller: Liberal ist heute jeder, das stimmt. Aber Freiheit bleibt nicht einfach bestehen, man muss sie sich täglich erkämpfen.

ZEIT: Was heißt denn für Sie heute "liberal"?

Müller: Liberal heißt für mich "Freiheit". Das ist banal. Jetzt sind Sie sicher enttäuscht.

ZEIT: Nein. Ich frage: Welche Freiheit meinen Sie?

Müller: Die persönliche Freiheit des Bürgers, die jeden Tag weiter eingeschränkt wird, durch immer mehr Gesetze. Unser neues Präventionsgesetz zum Beispiel ist nicht liberal. Die FDP soll als die Partei der Freiheit wahrgenommen werden.

ZEIT: Und welche Rolle spielt der Staat?

Müller: Der Staat muss so aussehen wie ich: schlank und fit. Ich will keinen Bodybuilder-Staat, der sich mithilfe von Anabolika aufbläst.

ZEIT: Einen schlanken Staat haben wir. Die Schweiz hat eine der niedrigsten Staatsquoten der Welt.

Müller: Wenn die FDP im Verbund mit anderen bürgerlichen Kräften aber nicht ständig dabei wäre, Blödsinn zu verhindern, sähe es ganz anders aus.

ZEIT: Nur merkt das niemand. Sie müssen also zu einem Joachim Gauck werden, der das Thema Freiheit brillant verkauft.

Müller: Ich bin kein Joachim Gauck. Bei den Wahlen 2011 wurden wir abgestraft, weil wir nicht so wahrgenommen werden, wie wir politisiert haben. Aber wir sind als Partei geschlossener und homogener geworden, auch weil wir nicht mehr so viele linke Welsche in der Fraktion haben. Das ist der Verdienst von Fulvio Pelli und Gabi Huber. Wir haben eine KMU-freundliche Politik gemacht, uns vom Finanzplatz emanzipiert. Inhaltlich haben wir uns also besser positioniert als früher.

ZEIT: Besser als die SVP?

Müller: Natürlich. Ich sage Ihnen auch, warum. Im Juni 2010 hatten wir zehn Doppelbesteuerungsabkommen nach OECD-Standard, also ohne Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug im Bereich der Amtshilfe. Die SVP hat das geschlossen abgelehnt, weil sie den Schutz der Steuerhinterzieher stärker gewichtet als die wirtschaftlichen Interessen der Schweiz. Bloß, in der Schweiz verdienen wir den Lebensunterhalt, im Ausland den Wohlstand. Wenn man global agieren will, muss man die globalen Spielregeln akzeptieren. Also zum Beispiel die Doppelbesteuerungsabkommen. Wir brauchen auch die bilateralen Verträge. Und die werden von der SVP infrage gestellt. So geht das nicht. Die Alternative zu den Bilateralen ist der EU-Beitritt.

ZEIT: Sie müssten also die SVP als wirtschaftsfeindliche Partei hinstellen.

Müller: Ich muss nicht die SVP qualifizieren, sondern jene Politik, die nicht den Interessen der Schweiz und den freiheitlichen Vorstellungen der FDP entspricht.