ZEIT: Ihre Volksinitiative, die den Ausländeranteil auf 18 Prozent beschränken wollte, wurde nur von der SVP unterstützt. Nicht von Ihrer Partei. Sie haben damals gejubelt.

Müller: Das ist 17 Jahre her! 2011 habe ich mich sehr aggressiv gegen die Ausschaffungsinitiative der SVP und für den Gegenvorschlag engagiert.

ZEIT: Na also.

Müller: Ich werde mich aber nicht generell gegen eine Partei abgrenzen, sondern gegen eine Politik, die uns nicht gefällt.

ZEIT: Ich denke, das ist eine falsche Haltung.

Müller: So? Was ist denn richtig?

ZEIT: Sie müssten eine Wertedebatte führen. Die FDP steht für die Freiheit des Einzelnen, die SVP reitet die Schweiz in den wirtschaftlichen Abgrund, die SP betreibt die Selbstentmündigung des Bürgers. Sonst bekommen Sie kein eigenes Profil.

Müller: Das eine schließt das andere nicht aus. Wenn wir die Probleme der Leute nicht anpacken, fällt eine Wertedebatte auf unfruchtbaren Boden. Aber wenn die FDP bei den nächsten Wahlen nicht zulegt, wird es existenziell.

ZEIT: Sie können diese notwendige Wertedebatte nicht führen, weil Sie sich auf Sachgeschäfte versteifen. Sie bekommen jetzt aber eine andere Rolle: Sie sind der Papst, der den Gläubigen die Wahrheit predigen muss.

Müller: Ja, ich muss predigen, besser: überzeugen. Ich muss die Leute wieder begeistern können. Die FDP muss wieder eine Volkspartei werden.

ZEIT: Und das wollen Sie erreichen, indem Sie den Slogan "Mehr Freiheit, weniger Staat" aus der Mottenkiste holen?

Müller: Nein, einen schwachen Staat will ich nicht. Die USA sind für mich wahrlich kein Vorbild, Deutschland ist es aber auch nicht. Die sind übersozialisiert. Die haben eine Massenabhängigkeit vom Staat. Die CDU/CSU ist heute ein Abklatsch der früheren SPD. Wir wollen einen schlanken Staat und eine offene, wirtschaftsfreundliche Schweiz. Das heißt aber nicht, dass jeder hierherkommen und sich gesetzlos benehmen kann.

ZEIT: Hören Sie auf mit solchen Sätzen! Das ist unter Ihrer Würde.

Müller: Wenn Asylsuchende stehlen, vergiften sie das Klima in der Ausländerdebatte.

ZEIT: Das sind doch Einzelfälle, die Sie zu einer generellen Bedrohung hochstilisieren.

Müller: Einspruch, Euer Ehren! Sie können noch lange eine Wertedebatte führen, wenn die Menschen mir sagen, der Aarauer Bahnhof sei von Schwarzen belagert, die sich schlecht benehmen, dann habe ich ein Problem. Diese Menschen interessiert eine Wertedebatte einen feuchten Kehricht.

ZEIT: Auch hier haben Sie nicht recht. Sie müssen den Wählern sagen, dass sie für den Wohlstand Einschränkungen in Kauf nehmen müssen.

Müller: Wenn wir die Probleme mit der Sicherheit, der Kriminalität, dem Asylwesen nicht angehen, dann bekommen wir echte Probleme.

ZEIT: Ich sage: In diesen drei Bereichen haben wir keine ernsthaften Probleme.

Müller: Sie bekommen nicht die Mails, die ich bekomme.

ZEIT: Da sind Sie selbst schuld. Sie sind ja ein seltsamer Populist.

Müller: Was wird das hier eigentlich? So ein Journalist wie Sie ist mir noch nicht untergekommen! Das ist ja gar kein Interview, sondern ein Gespräch.

ZEIT: Umso besser. Aber nochmals: Sie sind ein seltsamer Populist. Sie bedienen in der Migrationspolitik einen rechten Populismus und in der Bankenregulierung einen linken.

Müller: Sie können das sehen, wie Sie wollen. Ich erzähle Ihnen jetzt mal eine Geschichte, und zwar die Geschichte meiner 18-Prozent-Initiative. Bundesrat Arnold Koller sagte mir damals, Anfang der neunziger Jahre: "Das Parlament wird in diesem Land nie eine Ausländerpolitik zustande bringen, die sich nicht ausschließlich an den Bedürfnissen der Wirtschaft orientiert." Da wusste ich, was es geschlagen hatte. Wir hatten damals eine massive Einwanderung aus dem Balkan, weil die Wirtschaft billige Arbeitskräfte wollte. Also habe ich dem Parlament und der Wirtschaft mit dieser Initiative Feuer unterm Hintern gemacht – auch wenn ich wusste, dass ich die Abstimmung nie gewinnen werde. Und was war das Resultat? Es gab ein neues Ausländergesetz, das sehr gut wäre, würde man es denn konsequent umsetzen.

ZEIT: Die Zustände, die Sie kritisieren, haben wir der Wirtschaft zu verdanken. Sie müssten als FDP-Parteipräsident der Wirtschaft tüchtig einheizen.

Müller: Nein, das verdanken wir der damals schwachen Politik, die sich in der Migrationsfrage nicht um gesellschafts- und integrationspolitische Aspekte gekümmert hat. Es liegt in der Natur der Sache, dass es nicht immer mehr Wachstum geben kann. Das Bruttoinlandsprodukt soll dieses Jahr um maximal 0,8 Prozent wachsen, gleichzeitig nehme ich an, dass wir dieses Jahr ein Bevölkerungswachstum von 1,1 Prozent haben werden. Das BIP pro Kopf wird also sinken. Was haben der Mann, die Frau auf der Straße von diesem Wirtschaftswachstum außer verstopfte Straßen und teure Wohnungen? Nichts. Die Mutter aller Fragen stellen wir nicht: Wie viele Menschen erträgt dieses Land? Das ist ein Tabu. Wenn ich diese Diskussion führen würde, gälte ich ganz schnell als Fremdenfeind.