DIE ZEIT: Herr Müller, wundern Sie sich manchmal, dass ausgerechnet einer wie Sie FDP-Präsident werden soll?

Philipp Müller: Nein.

ZEIT: Auch nicht in Ihren stillsten Stunden?

Müller: Nein, überhaupt nicht. In der FDP bekommt jeder seine Chance. Das hat sich auch gezeigt bei der Wahl von Johann Schneider-Ammann in den Bundesrat. Seine Gegenkandidatin war Karin Keller-Sutter. Karin wäre die fünfte Frau im Bundesrat gewesen. Aber nicht einmal unter vier Augen bei uns Männern in der Fraktion war es ein Thema, dass es jetzt vielleicht langsam reicht mit diesen Frauen. Gleichzeitig höre ich aber, dass die SP-Männer ein Problem haben mit den vielen Frauen in ihrer Fraktion. Selber schuld, da haben sich die Männer als die besten Feministen profiliert – und jetzt zahlen sie ihren Preis. In der FDP gibt es diese Frauenfrage gar nicht, das ist für uns selbstverständlich. Ich habe gerne starke Frauen.

ZEIT: Wann dachten Sie das erste Mal: Ich habe eine Chance, sogar FDP-Präsident zu werden?

Müller: Es gibt kein einzelnes Erlebnis. Ich bin erst seit 1997 in der Politik. Mein Erweckungserlebnis war die Staatsrechnungskommission des Großen Rates im Aargau. Wir, die bürgerliche Mehrheit, haben nach zwölf defizitären Jahren den Karren gewendet. Da habe ich mein Rüstzeug und vor allem mein Selbstbewusstsein geholt: Ich kann das.

ZEIT: Wann haben Sie mal etwas nicht gemacht, weil Sie sich für intellektuell überfordert hielten?

Müller: Das ist mir bislang noch nicht passiert.

ZEIT: Es ist ein kleines Wunder. Ein gelernter Gipser wird FDP-Präsident.

Müller: Es ist mir egal, wie Sie das sehen.

ZEIT: Das Wunder wird noch größer. Sie wären auch der erste Nicht-Akademiker. Und dann sind Sie auch noch geschieden.

Müller: Hallo! Ich bin ja wohl nicht der Einzige, der geschieden ist.

ZEIT: Vor 20 Jahren wäre einer wie Sie nie und nimmer für so einen Posten infrage gekommen.

Müller: Da sehen Sie, was die FDP für Fortschritte gemacht hat. Aber Sie haben natürlich recht. Fakt ist: Ich habe meine Chance gepackt, als ich in die WAK, die Kommission für Wirtschaft und Abgaben gekommen bin. Gerold Bührer hörte Ende 2007 auf. Er hatte Wirtschaftserfahrung, war eloquent, kannte sich in den Finanzfragen aus. Ich fragte ihn: "Wer macht Finanzen und Steuern bei uns, wenn du weg bist? Wir haben keinen." Er sagte: "Du machst das." Ich sagte: "Geri, das kann ich nicht."

ZEIT: Aber Sie haben es trotzdem gemacht – und sind in die WAK gegangen.

Müller: Weil ich wollte, ja. Ich habe mich reingearbeitet. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Nächte ich durchgearbeitet habe. Aber so konnte ich alle großen, wichtigen Sachgeschäfte als Kommissionssprecher vertreten.

ZEIT: Hier in Ihrem Büro stehen Dutzende von blauen Bundesordnern.

Müller: Das sind nur zehn Prozent meiner Ordner.

ZEIT: Sind Sie auch im Kopf so geordnet wie Ihre Unterlagen?

Müller: Ich denke schon, dass ich eine stark ausgeprägte Ratio habe. Aber nochmals zurück zur FDP. Hier kriegt wirklich jeder, der sich bewährt hat, eine Chance.

ZEIT: Man könnte es auch anders deuten. Die FDP ist personell so ausgeblutet, dass Menschen wie Sie eine Chance bekommen.

Müller: Sie wollen mir also sagen, ich sei überfordert und ein Dubel.