DIE ZEIT: Herr Jahn, gibt es eigentlich noch etwas zu tun für Sie?

Roland Jahn: Aber ja. Immer noch stellen Tausende jeden Monat Antrag auf Akteneinsicht . Menschen wollen ihr Schicksal ordnen. Wir helfen ihnen dabei. Außerdem geht es um einen Dialog mit der nächsten Generation. Meine Tage sind voll.

ZEIT: Viele nennen die Stasi-Unterlagen-Behörde immer noch Gauck-Behörde. Aber nur wenige erinnern sich, dass Joachim Gauck als erster Herr über die Akten einer der unbeliebtesten, meistgefürchteten Männer der Republik war. Jetzt ist er Präsident. Könnte man da nicht sagen: Auftrag erfüllt? Mission accomplished?

Jahn:Seine Präsidentschaft ist eine ungeheure Wertschätzung seiner Arbeit. Aber die Arbeit der Behörde ist deshalb nicht zu Ende. Viele sehen heute klarer als vor zwanzig Jahren, dass die Aufarbeitung der Diktatur ein Gewinn für unsere Demokratie ist.

ZEIT: Inwiefern?

Jahn: Weil wir aus den Akten lernen, wie wichtig Widerspruch ist und wie schwer es uns Menschen manchmal fällt, zu widersprechen, aber wie leicht, dem Anpassungsdruck nachzugeben.

ZEIT: Hätten Sie sich damals, als der Streit um die Öffnung der Akten tobte, vorstellen können, dass einer wie Gauck eines Tages an der Spitze der Bundesrepublik steht?

Jahn: Ich habe unmögliche Dinge schon immer für möglich gehalten. Auch dass irgendwann die Mauer fällt. Ich glaube, dass eine Gesellschaft sich immer verändern kann.

ZEIT: Wo waren Sie, als die Behörde für die Stasi-Unterlagen gegründet wurde?

Jahn: Daran erinnere ich mich noch genau. Ich habe als Journalist den ganzen Streit um die Akten erlebt und den Prozess bis zur Gründung der Behörde begleitet – von der Stürmung der Stasi-Zentralen bis zur ersten Akteneinsicht im Januar 1992. Die Gauck-Behörde war ja kein Geschenk der Bundesregierung , sondern das Verdienst der Bürgerrechtler, die die Gebäude besetzten und für die Aktenöffnung in den Hungerstreik traten.

ZEIT:Helmut Kohl und sein Innenminister Wolfgang Schäuble lehnten die Aktenöffnung ab.

Jahn: Sagen wir so: Die Bundesregierung wollte die Öffnung nicht, und viele Altkader in der DDR wollten sie auch nicht. Es war eine kleine aktive Minderheit, die die Chance zur Aufklärung erkannte. Da haben die Ostdeutschen etwas eingebracht in die bundesdeutsche Gesellschaft.

ZEIT: Einige Ostdeutsche.

Jahn: Einige, ja. Sie wollten Transparenz herstellen über staatliches Handeln. Und dieser Gedanke wurde weitergetragen. Schauen Sie sich die Entwicklung an: Wir haben mittlerweile ein Informationsfreiheitsgesetz, wir haben eine Bürgerschaft, die den Staat kontrollieren will, wir haben eine sehr aktive Presse, die Akten über staatliches Handeln einfordert. Auch die Partei der Piraten ist ein Ausdruck des neuen Bedürfnisses nach Offenheit.