An Weihnachten war die Forscherwelt noch in Ordnung. Die über Monate gesammelten Daten des europäischen Teilchendetektors Double Chooz deuteten auf eine spektakuläre Entdeckung hin. Ende Dezember reichten die Wissenschaftler die Vermessung dieser »Neutrino-Oszillation« bei einer renommierten Fachzeitschrift ein . Der Ruhm schien ihnen sicher.

Am anderen Ende der Welt startete da gerade ein Konkurrenzexperiment, größer und teurer als das europäische. Nur 55 Tage lang sammelten die Detektoren in der Nähe des Atomkomplexes Daya Bay bei Hongkong Daten. Wo das europäische Ergebnis noch Raum für Zweifel ließ, vermaßen die Chinesen denselben Effekt mit allerhöchster Präzision. Zwar muss die Arbeit noch von unabhängigen Gutachtern geprüft und zur Veröffentlichung akzeptiert werden. Aber schon jetzt sprechen Beobachter vom wichtigsten Physikresultat made in China .

Wird die Volksrepublik jetzt auch in der Wissenschaft zur Weltmacht? Lange sah es nicht so aus: Das Bildungssystem war zu sehr auf Auswendiglernen fokussiert, zu sehr hemmte die hierarchische Gesellschaftsordnung kreative Forschung. Noch heute werden wissenschaftliche Aufsätze aus der Volksrepublik im Durchschnitt deutlich seltener zitiert als die aus westlichen Ländern. »Der Aufbau einer originellen Forschungskultur steckt noch in den Kinderschuhen«, urteilt Richard Suttmeier , amerikanischer China-Experte von der Universität Oregon.

Doch die chinesische Forschung nimmt Fahrt auf. Ihr Etat wird Jahr für Jahr beträchtlich aufgestockt. Neben anwendungsorientierten Bereichen profitiert davon zunehmend die Grundlagenforschung. Vier Milliarden Euro gab China 2011 dafür aus, mehr als die Deutsche Forschungsgemeinschaft ( DFG ).

Mit dem Geld werden wissenschaftliche Leuchttürme hochgezogen und ausgewanderte Spitzenforscher in die Heimat gelockt. Mit Erfolg. »In ausgewählten Gebieten betreibt China mittlerweile sehr gute Forschung auf internationalem Niveau«, sagt Armin Krawisch von der DFG, der bis 2010 das Chinesisch-Deutsche Zentrum für Wissenschaftsförderung in Peking geleitet hat.

Von der Wissenschaft erhofft sich China vor allem Prestige. Grundlagenforschung sei ein wichtiger Teil der »nationalen Stärke«, heißt es bereits im chinesischen Forschungsfahrplan von 2006. Nun will man endlich die Goldmedaille der Wissenschaften ergattern. »China leidet darunter, dass seine Forscher noch keinen Nobelpreis gewonnen haben«, sagt Armin Krawisch. Bisher ging die Auszeichnung nur an Exilchinesen.

In tiefen Tunneln gehen Physiker der Frage nach, warum es uns gibt

Das Institut für Hochenergie-Physik (IHEP) hat gute Chancen, ihn der Volksrepublik zu sichern. Seit Jahren setzt es verstärkt auf Experimente mit Ausblick auf Weltruhm. Daya Bay analysiert Neutrinos ; ein anderes Projekt sucht bald nach der rätselhaften Dunklen Materie . »In diesen Bereichen ist es mit vergleichsweise kleinen Experimenten möglich, wissenschaftliche Durchbrüche zu erzielen«, sagt Werner Rodejohann vom Max-Planck-Institut für Kernphysik .

Neutrinos sollen einen der eklatantesten Widersprüche im bisherigen Weltverständnis auflösen: weshalb es mehr Materie als Antimaterie im Universum gibt. Dass es so ist, gilt als sicher. Wären Teilchen und ihre gegensätzlich gepolten Antiteilchen im Urknall gleich oft entstanden, hätten sich Elektronen und Positronen, Protonen und Antiprotonen restlos gegenseitig ausgelöscht – uns hätte es nie gegeben.

Aber kein bekannter Mechanismus kann erklären, weshalb in den ersten Augenblicken nach dem Urknall mehr Materie als Antimaterie entstand. Von Neutrinos erhoffen sich Forscher eine Antwort auf diese Frage. Denn die winzigen Elementarteilchen lassen sich am einfachsten von allen Partikeln mit ihren Antiteilchen vergleichen. Sollten die Forscher Hinweise darauf finden, dass die Natur die Neutrinos gegenüber Antineutrinos geringfügig bevorzugt – dann könnte das womöglich das Rätsel unserer Existenz erklären.