ZEIT: Sie sind viel gehört worden.

Shikwati: Ich habe inzwischen Ihre Bundeskanzlerin zweimal getroffen und Ihren früheren Bundespräsidenten Horst Köhler dreimal. Und die beiden haben meine Forderung, die Entwicklungshilfe zu stoppen, angehört, und wir haben darüber gesprochen, dass es hier ein Problem zu lösen gibt. Das bedeutet aber nicht, dass wir von nun an getrennte Wege gehen sollten.

ZEIT: Ihre "Stoppt die Entwicklungshilfe"-Forderung war ein rhetorischer Trick, ein aufsehenerregender Ausgangspunkt, um wichtige Debatten zu starten?

Shikwati: Nein, das ist überhaupt nicht rhetorisch. Es ist ein dringender Aufruf. Die Geberländer müssen merken, dass hier schlimme Dinge geschehen; hier werden Menschen getötet. Die Empfängerländer müssen aufmerken und ihren Kurs ändern. Und jetzt müssen wir darüber reden, wie es weitergeht. Geber- und Nehmerländer müssen sich verständigen.

ZEIT: Bei Ihren Forderungen nehmen Sie die sehr konkrete Folge in Kauf, dass Hungerhilfen für Ihre eigene Heimat reduziert werden.

Shikwati: Im Augenblick haben wir ja auch noch ein ganz anderes Problem in Afrika, das der sogenannten land grabs, bei denen ausländische Investoren fruchtbares Farmland in Afrika erwerben ...

ZEIT: ...Sie lenken ab.

Shikwati: Nein, um Ihre Fragen zu beantworten, muss ich auch die ganze Geschichte erzählen dürfen. In Afrika wird viel von "Brachflächen" geredet, von ungenutztem Ackerland, das dann verkauft werden kann. Doch das ist eine Lüge. Das Land liegt brach, weil die Hungerhilfe von außen kommt. Das vertreibt die Farmer buchstäblich vom Land und befördert dann die Idee, dass irgendjemand anders von außen dieses brachliegende Land viel produktiver nutzen könnte. Also: Da wird ein System unterstützt, das ich für falsch halte.

ZEIT: Sind die Hungerleidenden in Ihrem eigenen Land damit einverstanden, dass ein Vertreter ihrer Elite fordert: Die Deutschen, Amerikaner und Niederländer sollen bitte ab sofort keine Nahrungsmittelhilfen mehr schicken?

Shikwati: Es ist ein Preis zu bezahlen. Und die größte Herausforderung liegt vielleicht nicht in Europa und in den anderen Geberländern, sondern daheim in Afrika. Und wir führen viele Diskussionen...

ZEIT: Entschuldigung, aber wenn Sie so ausweichen, muss man leider mit einer sehr direkten Frage nachhaken: Direkte humanitäre Hilfe für arme Kinder, die Hunger leiden und denen medizinische Versorgung fehlt – die soll in Ihrer Heimat in Kenia eingestellt werden? Jetzt? Ja oder nein?

Shikwati: Wissen Sie was? Ich glaube, Sie versuchen mich hier reinzulegen.

ZEIT: Nein, Sie sind James Shikwati, und Sie haben das so in Ihrem Buch geschrieben.

Shikwati: Ja, aber das müssen Sie doch relativieren. Ich habe auch gesagt: Das Hungerproblem ist vergleichbar mit einem Hausbrand. Wenn es einen Brand gibt, dann muss man ihn löschen, das ist gar keine Frage, und dafür braucht man eine Feuerwehr. Aber wir müssen auch Fragen stellen, wie es zu diesem Brand gekommen ist. Und vielleicht ist es ein Teil des Problems, dass sich jeder ständig auf die Feuerwehr verlässt. Sagen Sie bitte nicht: James Shikwati will die Kinder sterben lassen, dann verstehen Sie das falsch. James mag die Kinder. Er will nicht, dass Kinder sterben.