Vorhang auf für Sumatra , der Vorhang ist etwas fleckig. Eine Schabe verkriecht sich ohne Eile in den Falten des goldglänzenden Stoffs. Letzte Nacht habe ich mein Hotelzimmer bezogen. Dies ist der erste neue Tag, der erste Blick auf mein Ziel. Ich sehe: zunächst ein ungeputztes Fenster. Dann einen verlassenen, tiefblauen Hockney-Pool mit rostigen Art-déco-Stühlen. Und dahinter das, wofür ich so weit gereist bin. Das zeitlos Schöne, unverwandt Fremde – Exotik, hätte man früher gesagt. Ein Fluss liegt still im Morgenlicht, mit Dschunken an seinen Ufern. Vom Indischen Ozean führt sein Lauf bis ins Grüngrau am Horizont, wo Berge und Wolken sich berühren. Vorbei an Kokospalmen und Holzhäusern mit geschwungenen, spitzen Dächern. Etwas Ähnliches sah wohl auch Karl May , als er 1899 aus seinem Quartier hier in Padang hinaus in die Ferne schaute.

Karl May? Aber der ist doch nie gereist , hört man allenthalben. Es stimmt, dass der meistgelesene deutsche Reiseschriftsteller seine bekanntesten Werke ohne Ortskenntnis schrieb, was anfangs niemandem auffiel. Zu schlau nahm er sich, was er brauchte, aus Karten und Lexika. Zu üppig umstrickte er die Fakten mit seiner Fantasie. Auf dem Zenit seines Ruhmes war ihm das nicht mehr genug. Der 57-jährige »Silberlöwe«, wie er sich nannte, trat eine Weltreise an. Bis Amerika wollte er kommen, und nicht auf dem Weg nach Westen, sondern durch den Orient. 14 Monate später kehrte er desillusioniert und gedankenschwer in seine sächsische Heimat zurück. Und der Wendepunkt war nicht das Land der Apachen, sondern Padang, eine Hafenstadt an der Westküste der indonesischen Insel Sumatra .

Ich wohne im ersten Haus am Platz; darunter stieg auch Karl May selten ab. Er reiste nobel, was ihn nicht hinderte, in seinen Briefen nach Deutschland mit Wüstenritten und Messerwunden zu prahlen. Das Premier Hotel Basko liegt ein wenig außerhalb zwischen einer Shoppingmall und einer Kaserne. Eine kaputte Rolltreppe führt abwärts in Richtung Lobby. Hier treffe ich den Mann, der mir Mays Padang zeigen will.

Die Stadt weiß bis heute nichts von ihrer Ehre. Es gibt keine Gedenktafeln, keine Handschriften im Museum. Aber es gibt Sjahrir Samad. Er ist der örtliche Vertreter der indonesischen Karl-May-Gesellschaft . Erstaunlich genug – man könnte ja meinen, dass die Geschichten aus Germanistan so schlecht in den Orient passten wie der Sarotti-Mohr nach Afrika . Aber IndoKarlMay ist nicht nur ein Internet-Fanclub, wo man Mails mit »Ich habe gesprochen« beendet. Es wird auch voller Hingabe geforscht und übersetzt.

Sjahrir Samad trägt keine Feder, sondern eine Baseballkappe. Er ist ein pensionierter Schiffsfunker mit Glasbausteinbrille und Stoppelbart. »Charley«, so erklärt er mir, ist mit den Holländern gekommen. Anfang des 20. Jahrhunderts brachten sie die damaligen Bestseller in ihre Kolonie. Und da hielten sie sich bis in die ersten Jahre der Unabhängigkeit nach 1945. »Ich habe Winnetou in der Schule gelesen«, sagt Samad, »und natürlich alles geglaubt. Diese Welt voller Tapferkeit und Ehre, mir hat das imponiert.« Wir fahren in die Altstadt, dahin, wo Charley gewohnt hat. Bis vor drei Jahren stand dort tatsächlich ein Hotel. Jetzt ist dort nur noch eine Ruine, zertrümmert von einem Erdbeben. Sumatra ist eine leidgeprüfte Insel. Beben, Vulkanausbrüche, Unwetter setzen ihr beständig zu. Zu den Naturgewalten kommt die Bauwut einer entfesselten Beton- und Wellblechmoderne. Kaum ein Gebäude in der Altstadt ist tatsächlich alt.

Samad führt mich zum Fluss Batang Arau, wo einst der Hafen lag. Eine Reihe baufälliger Lagerhäuser erinnert an die in Mays Tagen wichtige Handels- und Garnisonsstadt. »Padangse Spaarbank« steht auf einem. Die Brücke über den Fluss ist ein Abhängplatz der örtlichen Jugend. Jeden Nachmittag lehnen sie an der Brüstung, freundliche Machos mit Mopeds und quietschbunten Hemden. Sie knabbern gegrillte Maiskolben, die, sobald sie abgenagt sind, mit lässigem Schwung ans Ufer entsorgt werden. Dort warten schon die Ziegen der Fischer, die sich hier vom Müll ernähren, ehe sie selbst auf dem Grill enden.

Das Fischerdorf ist die freundlichste Ecke im wimmligen Padang. Vor den Holzhäusern lassen Mädchen Drachen aus zurechtgeleimten Einkaufstüten steigen. Die Bäume in den Gärten hängen voller Rosenäpfel, Jackfruits und Bananen. Aus dem Lautsprecher der Moschee dringt überraschend eine Frauenstimme. Die Mütter sollen ihre Töchter zur Impfung vorbeibringen.

Für ihren Kaffee ist die Insel noch heute bekannt

Wo früher Gewürze verladen wurden, ankern jetzt nur noch morsche Kähne. »Nicht alle kommen zurück«, sagt Samad. »Die See da draußen ist tückisch.« Ein blau-rot bemaltes schlankes Boot knattert mit Vollgas vorbei. Drei Männer an Bord gucken wichtig – die Mantafahrer unter den Fischern. Bajak Laut, »Piratenboot«, haben sie auf den Rumpf gepinselt.

Der Geschmack des Verbotenen ist süß und etwas muffig

Um Piraten geht es in Mays einziger Erzählung über Padang. Sie heißt An der Tigerbrücke und handelt davon, wie Charley mit seinem Bärentöter einer Bande das Handwerk legt. Dabei geht es hoch her (»›Pack dich fort, du Kröte‹, schrie der Chinese«), nur die Stadt bleibt farblos: »ein wohlgebauter, hübscher Ort mit reger Schiffahrt und bedeutendem Handel«. Kein Wunder – Karl May schrieb diese Zeilen 1894, fünf Jahre vor seinem Besuch. »Das war ein Schock, als ich erfuhr, dass mein Idol ein Schwindler war«, erzählt Sjahrir Samad. Nachgetragen hat er es ihm nicht. »Es sind doch trotzdem tolle Geschichten.«

Der Schriftsteller unternahm seine Orientfahrt nicht nur zum Spaß. Sein Ziel war, den Lesern glaubhaft zu machen, wie gut er die Welt kannte. Er sammelte an allen Stationen »Reisebeweise«, in Kairo , Konstantinopel, Colombo. Ließ sich auf Schiffen und in Hotels von seinen Verehrern erkennen. Schrieb fließbandartig Ansichtskarten, manchmal an die 80 am Tag. Um dann urplötzlich zu verstummen, am 13. November 1899, bald nach seiner Ankunft in Padang. Von den folgenden zehn Tagen ist kein Zeugnis überliefert, weder im Reisetagebuch noch in Briefen. Karl-May-Forscher sprechen von einem »Zusammenbruch« und vom Wendepunkt seines Lebens. Was damals geschehen sein mag, wissen sie allerdings auch nicht. Ein Kulturschock? Den kann die Insel am Äquator auch ein Jahrhundert später noch bieten.

Vor der Sendepause schrieb May gewohnt vollmundig an seinen Verleger: »Natürlich begnügt sich Karl May nicht damit, nur den Rand, die Küste von Sumatra platt zu treten.« Weite Exkursionen ins Hinterland will er unternommen haben. Auch das war wahrscheinlich geflunkert. Aber egal, ein Ausflug also. Am Stadtstrand geht es los.

Mit meinem Führer San spaziere ich auf der Promenade, so gut das geht. Wie jeder Bürgersteig in Padang ist sie eher eine Mischung aus Verkaufsfläche und Parkplatz. Fischer haben ihre Ware zu Stauden gebunden und tragen sie am Stock. Ein Limonadenverkäufer eilt an seinen Stand. Er hat einen riesigen Eisblock dabei, den er von der einen in die andere Hand wirft. Am Strand selbst ist so gut wie niemand bis auf einzelne Surfer. Sie kommen wegen der hohen Wellen, die den Fischern das Leben schwer machen. Wenn man in Padang Ausländer trifft, dann sind es australische Sportskanonen – fast so dunkel wie die Indonesier, aber zwei Köpfe größer.

Der Geschmack des Verbotenen ist süß und etwas muffig. Auf dem Tresen eines Büdchens steht ein Glas voller zerbeulter Tischtennisbälle, so sehen sie jedenfalls aus. Wasserschildkröteneier, erklärt San. Die Fischer sammeln sie auf unbewohnten Inseln ein, Artenschutz hin oder her. »Ist illegal, aber erlaubt.« Ich überlasse mich dieser Logik. Das gekochte Ei sieht beim Öffnen wie ein Dotter im Wasserbad aus; das Eiweiß bleibt flüssig. Die wachsige Trockenheit am Gaumen hält sich lange, nachdem die Kugel ausgeschlürft ist. Das schlechte Gewissen noch länger. Ein Stück weiter nördlich steht eine Villa, etwas trist, aber solide gebaut. »Hier wohnt der frühere Bürgermeister meiner Heimatstadt Bukittinggi«, sagt San. Nicht schlecht, denke ich, so nah am Strand; nur mit dem Stacheldraht hat er es übertrieben. »Korruption«, sagt San. »Sie haben ihm vier Jahre verpasst.« Die Villa ist das Stadtgefängnis.

Bei Karl May waren es sechseinhalb Jahre Zuchthaus, und garantiert ohne Meerblick. So hart bestrafte die sächsische Justiz seinen Versuch, wie im Wilden Westen zu leben, lange bevor er über ihn schrieb. Aus Abenteuerlust und Armut hatte er in den 1860er Jahren in den Wäldern gehaust und sein Auskommen ergaunert. Seinen Opfern hatte er weismachen können, er sei Geheimpolizist oder Besitzer einer Plantage auf Martinique.

Seine zügellose Fantasie war Karl Mays Fluch und Segen. In den Jahren der Haft lernte er, dass er ihr ein neues Feld suchen musste. Eines, auf dem man fürs geschickte Fabulieren nicht bestraft, sondern bewundert wird. Doch auch sein zweites Leben als Reiseschriftsteller gründete sich auf Lügen. Die angeblichen Welterkundungen, mit denen er später prahlte, sollten nicht zuletzt verbergen, wo er wirklich gewesen war. Doch wie immer steigerte er sich zu tief in seine Phantasmen hinein: Er war Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, er hatte das alles erlebt. 40 Sprachen beherrschte er nach eigenem Bekunden, am Ende sogar 1.200 (»Lappländisch will ich nicht mitzählen«). Das musste einmal auffliegen. Tragischerweise tat es das während seiner ersten wirklichen Weltreise. Damals erschienen in der deutschen Presse Verrisse seiner Bücher. Der »Silberlöwe« brüllte auf und verstrickte sich immer tiefer in seine Lügen. Als Karl May vor 100 Jahren starb, war sein Ruf zerstört. Aber davon ahnte er noch nichts, als er vom anderen Ende der Welt seine Reisebeweise streute. Aus Sumatra war es Kaffee; einen ganzen Sack davon schickte er heim.

Für ihren Kaffee ist die Insel noch heute bekannt. San weiß, wo man den besten bekommt, den legendären Kopi Luwak : im Dorf Batang Palupuh, in den Bergen über Bukittinggi. Die grüngrauen Gipfel, die ich aus dem Fenster des Hotels Basko sah, kommen nur langsam näher. Wir überholen Frauen, unter deren Motorradhelm das Kopftuch wie ein Wimpel weht. Makaken hocken am Straßenrand und knabbern andächtig eine Frucht.

Mittlerweile werden Giftpfeil-Workshops angeboten

Batang Palupuh liegt beschaulich zwischen Reisfeldern und Dschungel. Außer dem Zirpen der Zikaden hört man keinen Laut. Auf Strohmatten am Weg trocknen Kakaobohnen, Zimtrinden, Chilis. Man würde nicht glauben, dass Kaffee von hier es bis in verschlossene Vitrinen westlicher Feinkostläden schafft. Der Werksverkauf ist ein plüschiges Wohnzimmer am Ortsrand. Umul Khairi, die junge Chefin, bittet herein und brüht eine Tasse auf.

»Kennst du das Geheimnis von Kopi Luwak?« Mancher würde sich nachher wünschen, sie hätte es gehütet. Es lautet so: Im Wald um Batang Palupuh ist die Wilde Schleichkatze heimisch. Sie frisst für ihr Leben gern reife Kaffeefrüchte, verdaut aber nur die Schale. Umul Khairi nimmt einen sandfarbenen Klumpen und hält ihn an die Nase: »Schleichkatzenköttel, ganz geruchlos!« Im Darm der Katze fermentieren die Bohnen; dabei bauen sich Koffein und Bitterstoffe ab. Toller Kaffee, das muss man sagen, schmeckt ein bisschen nach Zimtschokolade. Noch eindrucksvoller allerdings ist Khairis Vortrag, der manchen Fernsehprediger blass aussehen ließe. Gerade beschwört sie die Heilkraft ihres Kopi Luwak: »Wenn du unser Essen nicht verträgst, er hilft dir. Wenn du Probleme im Kopf hast«, ihr Finger kreiselt um die Schläfe, »er hilft dir.« Sie steckt ihren Arm aus: »Fühl meine Haut, wie weich die ist. Ich reibe sie jeden Morgen mit Kaffeesatz ein.« Eine neue Kundin kommt. Khairi holt Luft. »Kennst du das Geheimnis von Kopi Luwak?«

Warum eigentlich Sumatra? Darauf wissen Karl Mays Biografen keine Antwort. Die Insel ist ja selbst jetzt noch ein weißer Fleck für Reisende aus Europa . Die Ortskenner von IndoKarlMay haben eine Theorie: An der Schwelle zum 20. Jahrhundert begann die Missionierung der Naturvölker Sumatras, vorn dabei waren die Deutschen. Die ersten Missionare wurden ermordet, angeblich auch gegessen; aber es kamen immer neue, und irgendwann hatten sie Erfolg. Davon könnte Karl May gelesen haben und neugierig geworden sein. Bei aller Frömmelei hatte er ein Herz für renitente »Wilde«; man kann sich denken, warum.

Stammesmitglieder bieten Giftpfeil-Workshops an

Wir fahren zurück nach Padang. San setzt mich am Hafen ab. Hier gehen alle paar Nächte Fähren auf die Mentawai-Inseln. Die Inselgruppe, gute 100 Kilometer im Meer, ist für Festland-Sumatraer so exotisch wie Sumatra für uns. Hier gibt es tief im Urwald noch Stämme mit Ganzkörpertätowierung und Tierschädeln über der Haustür. Als Konzession an den Tourismus bieten sie mittlerweile Giftpfeil-Workshops an. Auf einer der kleineren Inseln leben 30 Mitarbeiter einer deutschen Mission. Sie sind zwar Indonesier und nennen sich nicht mehr Missionare. Ich möchte sie trotzdem besuchen.

Safety First steht auf dem Schiff, das ist anscheinend sein Name. Offiziell zu buchen sind zwei Klassen: Economy und Business. Beide wirken fast so unbequem wie das Frachtdeck, wo ebenfalls Passagiere sitzen. Sie bewachen ihre frei laufenden Hühner. Der Mann für das Upgrade lehnt beiläufig am Schalter. »Kabine?«, raunt er und nennt eine Summe – zehnmal so viel wie das Economy-Ticket. »Nicht hier. Bezahl mich, wo es ruhiger ist. Die Sache ist nämlich...« Ich weiß schon: illegal, aber erlaubt. Quittung? »Na klar, kein Problem.«

Ich steige über Stahltreppen zum Oberdeck und nehme von einem Offizier den Kabinenschlüssel entgegen. Owner steht über der Tür. Drinnen ist es sehr gemütlich. Etagenbett, Klimaanlage, sogar ein Fernseher. Auf der Suche nach Stauraum finde ich ein paar Dinge über den Eigner heraus. Er kämmt sich mit einem rosa Kamm und trägt Basketballschuhe mit dicken Socken; sie stecken noch drin. Draußen zieht ein Gewitter auf. Blitze leuchten die schwarzen Wolken dramatisch vorm Nachthimmel an. Das Schiff pflügt durch die raue See. Nein, tut es nicht. Es brummt unbeeindruckt. Aber so etwas fällt einem eben ein, wenn man in seiner Koje liegt mit Büchern von Karl May. Ich lese Und Friede auf Erden! , einen merkwürdigen Roman, den er nach seiner Rückkehr verfasst hat. Es geht um einen Missionar, der auf Sumatra wahnsinnig wird und erst während der Heimreise wieder zur Besinnung kommt. May wandte sich in seinen letzten Jahren selber dem Glauben zu. Er wollte seine Leser läutern, was aber gründlich missriet. An den Erfolg seiner Abenteuergeschichten kam das Spätwerk nie heran.

Im Morgengrauen legt die Safety First vor Siberut, der Mentawai-Hauptinsel, an. Das Hafenamt erweist sich als verlassene Baracke. Drei Inseln weiter erwartet mich ein alter Bischof mit einer deutschen Frau. Aber die Wegbeschreibung liest sich wirr, und niemand hier kann mir helfen. »Wenn du Pech hast, sitzt du eine Woche fest«, hat San mich gewarnt. Safety First, beschließe ich feige. Heute Abend fährt sie zurück.

Wer eine Zeitreise machen will, ist auf Siberut richtig

Wer eine Zeitreise machen will, ist auf Siberut richtig. Modern ist hier nur die betonierte Straße, die wie ein Damm zwischen Mangrovensümpfen verläuft. Dass es hier Krokodile gibt, glaubt man unbesehen. Im Dickicht liegen Einbäume. Aus der Ferne erklingt Getrommel. Ich folge der Straße in ein Dorf. Aus sämtlichen Häusern winken Kinder und schreien »Hello!«. Ein steinaltes Weiblein mit einer Machete flicht aus Blättern einen Sonnenhut.

Die Trommler erweisen sich zu meiner Enttäuschung als Zimmerleute, die Bretter nageln. Am Dorfende, als ich schon kehrtmachen will, entdecke ich eine Pension. Sie ist noch in der Soft-Opening-Phase, vom Anbau steht nur ein Gerüst. Fürs Englische ist der Sohn zuständig, ein Junge von 14 Jahren. Er trägt ein Badehandtuch wie eine Toga über den Shorts. Sein Name ist Celestinus; hier wurde missioniert. Die Verständigung über den Zimmerpreis braucht eine Weile, weil Celestinus beim Feilschen mit dem Preis heraufgeht statt herunter. Woher, Mister?, fragt er. Deutschland? Nie gehört. Aber Belgien kennt Celestinus, von dort hatten sie mal einen Gast. Drüben im Hafen sieht er die Fähren kommen und gehen. Irgendwann will auch er reisen, bis ins ferne Belgien.

»Da habe ich gestanden am Bug in tiefem Weh«

Am 24. November 1899 bestieg May ein Schiff zurück in den Westen. Angeblich wollte er Freunde »abholen«, um ihnen die Schönheit Sumatras zu zeigen. Er kehrte aber nicht zurück und wagte sich zeitlebens nie wieder alleine so weit hinaus. Es gibt nur einen Hinweis auf das, was damals geschehen sein mag. Er stammt aus dem Nachlass von Klara May, die es mit der Wahrheit allerdings kaum genauer nahm als ihr Mann. Demnach sprach er von einer »schrecklichen, quälenden Beeinflussung«, die über ihn gekommen sei. Acht Tage lang habe er sich »wie ein Irrsinniger benommen. Ein Zwang trieb ihn, alle Nahrung in den Abort zu werfen. Er tat es und hungerte, bis endlich der Normalzustand siegte.«

Vielleicht war es ja eine bittere Erkenntnis, die May zugesetzt hatte: Da stand er nun am Ende der Welt und musste sich eingestehen, dass kein Anblick ihn so inspirierte wie seine eigene Vorstellungskraft. Vielleicht hatte er auch bloß etwas Falsches gegessen und wie üblich ausgeschmückt. Ein Silberlöwe kriegt keinen Durchfall.

Auf dem Dampfer nach Kairo schrieb May seine dunkelsten Zeilen, ein unvollendetes Gedicht:

Es war in fernen Landen,
Wohl auf der weiten See,
Da habe ich gestanden
Am Bug in tiefem Weh.
Zu tief die blauen Fluthen,
Der Himmel mir zu hoch;
Ich fühlt’, daß michs nach unten,
noch mehr nach oben zog.
Es war auf fernem Meere
Nicht auf der weiten See

Dann wusste er nicht weiter. Es endet: »u.s.w.«.

Die blauen Fluten liegen jetzt vor mir. Sie schwappen schäumend über den Strand, der zur Pension gehört. Außer mir ist nur ein Gockel zugegen; er pickt geschäftig im Sand. Genug gelesen – ich lege den grünen Band beiseite und schwimme hinaus. Seitdem sind Sandkörner drin. Ich finde, sie tun ihm gut.