Bruder Rudolf Leichtfried hat die Augen geschlossen, sein Kopf wiegt sanft hin und her. Er kniet auf einem Teppich und erklärt, auf was es in den nächsten Tagen ankommt. "Achtsam sein, spüren, fühlen und hören – sonst gar nichts", sagt er mit seiner raumerfüllenden Stimme. "Habt keine Erwartungen, was euch in der Stille erwartet, lasst euch einfach darauf ein."

Zwölf Frauen und sieben Männer, zwischen 30 und 80 Jahre alt, sitzen in einem Kreis im Refektorium, dem Speisesaal des Kapuzinerklosters Irdning im Ennstal. In einer Ecke tickt eine Pendeluhr. Wer hierherkommt, lässt sich auf eine radikale Form der Ruhe ein: die Tage der Stille. Von Donnerstag bis Sonntag werden wir nicht sprechen, lesen, fernsehen und unseren Tagesablauf völlig in die Hand des 58-jährigen Kapuzinerfraters legen. Wir drücken gleichsam die innere Pausentaste.

"Es geht um die Frage, was von einem selbst übrig bleibt, wenn alle Einflüsse von außen wegfallen", erläutert Bruder Rudolf die Idee der Meditationstage: "Man wird mit seinem Innersten konfrontiert, mit den Sehnsüchten, den verborgenen Wünschen und auch mit den dunklen Seiten." Lifestyle-Touristen verirren sich selten zu ihm, wer ihn aufsucht, will nicht bloß ein paar Tage ausspannen bei ein bisschen Psycho-Wellness. Schon bei der Anmeldung muss ein Fragebogen ausgefüllt werden. Wer angibt, lediglich "Urlaub" machen zu wollen, wird erst gar nicht angenommen.

Dicke Mauern begrenzen den rund eineinhalb Hektar großen Garten des Klosters am Fuße des Grimming. In dem über 400 Jahre alten Vierkanthof wohnen heute nur noch drei Kapuzinerbrüder. Im Innenhof steht ein mit Holzschindeln überdachter Ziehbrunnen. Die langen, kalten Gänge, an deren Wänden große Gemälde vom letzten Abendmahl oder Porträts von Franz von Assisi hängen, wirken verschlafen. Die kleinen Zellen im Obergeschoss, einst für Mönche gebaut, werden heute von Gästen benützt. Vor rund 30 Jahren sollte das Kloster mangels Nachwuchs aufgelassen werden. Doch da begann Bruder Rudolf Leichtfried Exerzitien für Laien anzubieten und füllte das Haus wieder mit Leben.

Die Schweigeseminare sind stets ausgebucht, der Gästetrakt reicht oft nicht aus. Einige Männer müssen in der Klausur untergebracht werden, die für Frauen tabu ist. Seit fünf Jahren leitet Bruder Rudolf die Exerzitien gemeinsam mit Elisabeth Berger, einer Lebensberaterin aus Osttirol. Bis zu zehn Mal im Jahr findet die neuntägige Variante statt, vier bis fünf Mal die kürzere Einsteigerversion.

Die Abgeschiedenheit eines Klosters bietet Zuflucht vor der Hektik des Alltags, vor Informationsflut und Leistungsdruck. Immer häufiger versinken dort Menschen für kurze Zeit in Gebete und Meditation. Reiseführer für den Klosterurlaub gibt es längst, sogar Tourismusunternehmen, die sich auf den spirituellen Fremdenverkehr spezialisiert haben. Immer mehr Orden öffnen sich und heißen Gäste willkommen. Allein Klösterreich, der "Verein zur Förderung aller kulturellen und touristischen Aktivitäten der Klöster", hat 21 Ordenshäuser in seinem Portfolio. Aus dem Geheimtipp Urlaub im Kloster wurde längst ein Trend.

Die Ruhe erdrückt, selbst der eigene Atem durchschneidet die Stille

Bevor das große Schweigen beginnt, erzählen alle reihum, was sie hergeführt hat. Keiner hat Hemmungen, selbst intimste Details werden preisgegeben. Es herrscht ein Gefühl der Vertrautheit und des Geborgenseins untereinander. Selbst dass ein neugieriger Journalist in der Runde sitzt, stört nicht. Jeder hier schleppt seine eigene Portion Leidensdruck mit sich herum. Manche erzählen von schweren Schicksalsschlägen, von Fragen, die sie an Gott haben. Andere haben Krankheiten überstanden oder fühlen sich im Beruf überfordert. "Ich wünsche mir Stille und habe aber Angst davor, was ist, wenn sie da ist", sagt ein Arzt, "Ich bin auf der Suche um eine Leere in mir zu füllen", ein Jurist. "Vielleicht suche ich ja nach Gott, ich weiß es nicht." Und ich erzähle von meiner Angst davor, demnächst von der stetigen Kommunikation abgeschnitten zu sein, die seit Jahren meinen Alltag bestimmt.

Doch im Kloster ist der Alltag weit weg. Wer durch das schmiedeeiserne Tor tritt, gibt die eigene Entscheidungsfreiheit auf. Alles ist durchgeplant, von den fernöstlichen Qigong-Übungen um halb sieben Uhr morgens, bis zu Abendansprache um halb acht. Raum für individuelle Wünsche gibt es nicht. Neben dem Schweigen und den Meditationen, muss jeder eine Stunde täglich mit Hand anlegen: Holz hacken, Gartenarbeit, kochen. Ich bin für das Kloputzen zuständig.

Am ersten Morgen werden wir hinausgeschickt. Drei Stunden lang soll die Natur auf uns wirken. Wir sollen hören, sehen, riechen und keinem Gedanken nachhängen, sondern nur die der Gegenwart wahrnehmen. Ich lege mich auf eine Bank unter einem Baum, höre den Vögeln zu und sauge jedes Knarren der Äste in mich auf. Die anderen wandern durch den Garten, gehen langsam, fast wie in Zeitlupe. Es muss ein seltsames Bild sein: Fast zwei Dutzend erwachsener Menschen, schlurfen schweigend zwischen Gemüsebeeten nebeneinanderher und scheinen völlig in sich selbst vertieft zu sein. An den Mauern liegt noch eine dünne Schneedecke, durch die sich einige Schneeglöckchen gekämpft haben.

Nach einer gefühlten Stunde mache ich mich auf den Weg, auf die Jagd nach Wahrnehmungen, gehe eine Landstraße entlang und achte bei jedem Schritt auf das Knirschen der Kieselsteine unter den Schuhsohlen, höre auf jedes Auto, das vorbeifährt, nehme jeden noch so kleinen Windstoß wahr. Die Zeit scheint wie im Flug zu vergehen. Ich gehe zurück, um das Mittagessen nicht zu verpassen. Doch ein Blick auf die Kirchturmuhr zeigt, dass erst vierzig Minuten vergangen sind. Vierzig Minuten, die mir vorkamen wie drei Stunden. Ich werde nervös, unruhig, fühle mich gestresst. Kann es sein, dass ich nach so kurzer Zeit schon mit mir selbst überfordert bin? Diese Frage, auf die ich keine Antwort weiß, quält mich. Was, wenn ich mit mir alleine nicht zurechtkomme? Die nächsten zwei Stunden erscheinen endlos. Sie sind eine Tortur. Es wird noch dauern, bis ich die Stille akzeptieren kann, bis ich nicht gegen sie ankämpfe.