Zum Ostergottesdienst trat mein Vater, der Herr Dekan, stets mit einer grün-weißen Stola überm schwarzen Talar vor die Gemeinde, die erschrocken auf die quasikatholische Verkleidung ihres Hirten starrte – wie sie auch mit hochgezogenen Brauen zur Kenntnis nahm, dass er nach dem Segen das Kreuz schlug: geradezu eine Provokation für die protestantischen Schwaben , die nach dem Bekenntnis lutherisch, doch in ihren sparsamen Riten von der reformierten Kirche der Schweiz geprägt waren.

Am liebsten hätte der Vater die lutherische Messe wieder zum Leben erweckt, aber das wäre einer Revolution gleichgekommen, die damals in der Zeit der Bedrängung durch das braune Regime und die "Deutschen Christen" nicht ratsam war.

Ostern, verkündete der Herr Dekan, sei das höchste Fest der Christenheit, ein Aufruf zur Freude an diesem Dasein und zur Vorfreude auf das kommende. Nun ja. Über Weihnachten ging uns nichts, trotz Ostereiern, trotz der "Narzissen und der Tulipan" des Paul Gerhardt. Der Karfreitag war uns wichtiger, nicht weil wir dem Leidenskult angehangen hätten, den die Katholiken uns Evangelischen nachsagten, sondern weil er durch die Passionen des "fünften Evangelisten" Johann Sebastian Bach überhöht wurde, auch dies dank des Herrn Dekan, der – musikalisch ambitioniert – dann und wann eine Aufführung in unserer Kleinstadt zuwege brachte.

Zwei Jahrzehnte danach, als der Vater im Sterben lag – die Ärzte ließen ihn nicht gehen, obwohl er gesagt hatte, dass er sterben wolle –, in jenen Tagen und Nächten seiner Qual wagte ich es nicht, ihn zu fragen, ob er an die Auferstehung glaube. Ich meinte, Zweifel zu spüren. Während des Krieges, in der Trauer um zwei gefallene Söhne, hatte er nie vom "Wiedersehen in einer besseren Welt" gepredigt. Er war auf eine schlichte Weise fromm, was sich ohne Disharmonie mit seiner klassischen Bildung vertrug.

Doch etwas war zerbrochen. Das Opfer zweier blutjunger Söhne für ein Regime, das er als kriminell erkannt hatte, dieser Schmerz war wohl zu stark, seinen Glauben unbeschädigt zu lassen. Gerechtigkeit Gottes? Das Wort ging ihm, als er mit dem Geschick seiner Schwiegertochter und ihrer Familie in den Vernichtungslagern konfrontiert war, nicht mehr über die Lippen.

Wer wollte mit dem Blick auf Auschwitz , aber auch auf den Gulag, das triumphierende Paulus-Wort in den Mund nehmen: "Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg"? Der millionenfache Mord: Das war die Hölle. Wer tröstete sich mit der Zuversicht, durch das Jüngste Gericht würde von den Schuldigen Rechenschaft gefordert – von den Mördern, die Zehntausende zählten, von den Organisatoren des Mordes, die womöglich mit vatikanischen Pässen nach Südamerika geflüchtet waren? Keine Auferstehung, keine letzte Instanz.

Mancher Pastor lebte und predigte damals über die eigenen Zweifel hinweg. Kein Theologiestudium und keine Hochamtsroutine räumten sie aus. Bis heute halten sie dazu an, schärfer nach den "letzten Dingen" zu fragen, von denen wir nichts wissen. Die Auferstehung, das zentrale Element christlicher Existenz, kann ihre Realität mehr denn je nur durch das "credo quia absurdum est" des Tertullian gewinnen: Ich glaube, weil es unglaublich ist.

Nicht viele sind dazu willens. Laut einer Studie des Spiegels sahen im Jahre 2007 zwar noch mehr als die Hälfte der erwachsenen Deutschen den Tod nicht als das totale Ende ihres Lebens, aber nur 35 Prozent der Mitglieder einer der großen Konfessionen akzeptierten die christliche Lehre von der Wiederauferstehung des Leibes. Das Fortleben der Seele vielleicht. Aber eine Auferstehung von Leib und Seele, die nur zusammen unsere Persönlichkeit ausmachen? Lediglich 40 Prozent der deutschen Katholiken bejahen die Auferstehung, wie sie das Neue Testament verheißt, bei den Protestanten ist es jeder Zweite.

Im Korinther-Brief steht geschrieben: "Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich." Stellen sich die Kirchenoberen die Frage, wie sie’s mit den Christen halten, für die des Heilands Auferstehung keine Wahrheit mehr ist? Wagt es einer der Glaubenshüter, ihnen das Christsein abzusprechen? Aus dem Vatikan kommt dazu seit Menschengedenken kein Wort. Keines der Verdammnis, keines der Toleranz. Die Päpste, die Kardinäle, die Bischöfe führen sich auf, als gäbe es dieses dramatische Problem nicht: dass die Majorität der europäischen Christen die Grundsubstanz des Glaubens leugnet.

Wenn es denn jemals eine Ketzerei gab, schlimmer als die der Lutheraner, der Calvinisten, der Katharer – dann ist es diese. Bauen die Regenten im Vatikan darauf, dass die Majorität der katholischen Amerikaner sich weiter treuherzig wortwörtlich zum Credo bekennt, darin eins mit den protestantischen Fundamentalisten? Für die lateinamerikanischen Brüder und Schwestern scheint die Frage noch nicht zu existieren; auch nicht für die Kinder Gottes in Afrika (sofern sie Aids, trotz Kondomverbot, überleben). Unter den evangelischen Theologen ist jede seriöse Debatte um diese wahrhaft "letzte Frage" verstummt. An den Gräbern retten sich die Pastoren, wie ein prominenter Kirchenlehrer dieser Tage sagte, meist in die wolkige Beschwörung einer vagen transzendentalen Hoffnung.

Wie ertragen die Kirchen diese amtliche Heuchelei, diese christliche Lebenslüge, ohne Schaden zu nehmen? Vielleicht haben sie das alte Europa schon der geistlichen Versteppung und dem spiritisierenden Neuheidentum anheimgegeben. Dann könnte Rom bald nach Santo Domingo umziehen und den Petersdom den Denkmalpflegern überlassen. Und die Protestanten emigrierten sektengleich auf die Inseln der Kerngemeinden. Dabei riskierten die Kirchen allerdings das Geschick aller kämpferischen Minoritäten: eine fundamentalistische Radikalisierung, die sie weiter und weiter vom Gros der Gesellschaft entfernt.