Ihre unerbittlichsten Kritiker sind die Künstler selbst. Kaum haben sie ihre neuen Platten aus der Folie gerissen und erstmals als Normalhörer aufgelegt, stellen sie missglückte Übergänge, mangelnde Inspiration, verwackelte Töne fest. Bei den Aufnahmesitzungen hatte niemand gemeckert. Nun aber keimt der Gedanke: So darf das nicht stehen bleiben. Und er denkt schon an die nächste Einspielung. Natürlich handelt es sich bei den angeblichen Fehlern um Petitessen, doch unter der Lupe vergrößern sie sich zu Monstern.

Niemand kann dem Dirigenten Philippe Herreweghe nachsagen, dass er sein Juwel, Bachs h-Moll-Messe, bislang mit schmutzigen Pfoten aus der Vitrine geholt hat. Herreweghe hat sich ihr stets auf Zehenspitzen und mit Handschuhen genähert, andächtig und umsichtig, er hat die besten Kräfte zusammengezogen. Stets wähnte man sich bei den Aufnahmen von 1988 und 1998 im Bereich der Spitzenklasse, die erste war bei Virgin, die zweite bei Harmonia Mundi erschienen. Jetzt hat Herreweghe sein eigenes Label Phi gegründet und Bachs Opus summum abermals aufgenommen. Nun muss der Künstler gegen sich selbst konkurrieren.

Wie Karajan, der die Beethoven-Sinfonien alle Jahre neu einspielte, gibt auch Herreweghe etappenweise Auskunft über seine Perspektive auf die h-Moll-Messe. Große Neuigkeiten sollten nicht zu erwarten sein. Nie war Herreweghe ein Sprinter, nie ein Kraftmeier: Für ihn war und ist historische Aufführungspraxis vielmehr ein Weg zu größerer Subtilität musikalischen Denkens und Sprechens. Schon 1988 musizierte der Flame so reflektiert, als ob er den Klang seines Ensembles dem geistig klaren Raum der Musik anverwandeln wollte. Jetzt ist Herreweghe der Musik als hörbar deutender Interpret komplett entwichen; er steht gleichsam hinter einer der gotischen Säulen, die das Opus summum tragen, und freut sich der Gelassenheit, mit der seine Musiker durch die Musik strömen.

Vor allem begreift Herreweghe das Werk flüssiger als je zuvor. Beinahe jeden Satz nimmt er zügiger, aber das ist keine Frage des metronomischen Tempos, sondern der Geschmeidigkeit, des rhetorisch Sinnfälligen. Herreweghe muss nicht mehr verdeutlichend ausbreiten, was sowieso in Überfülle daliegt. Und in theologischen Aspekten versagt er sich das Mystische. Wunderbar der Übergang vom Confiteor zum Ex expecto, wo Bach den Chorsatz bei der Erwartung der Auferstehung der Toten zu harmonischen Wundern beugt. Nun bestaunt der Chor diese Wunder nicht mehr, indem er vor ihnen schier verharrt, sondern durchmisst sie eilig und scheu. Der Verzicht auf Ausdruck erhöht die Wirkung ungemein.

Und das Collegium Vocale Gent musiziert wirklich paradiesisch. Alle Spitzentöne klingen wonnig und weich wie Sahnehäubchen, auch in scheinbar harmlosen, in Wirklichkeit hundsgemeinen Koloraturen wie im Et in terra pax schmiert nichts. Die Solisten fühlen sich in dieser positiv-leichten, nicht vergrübelten, mitunter sogar heiteren h-Moll-Messe sehr wohl; die Damen und Herren Mields, Blažiková, Guillon, Hobbs und Kooij bieten reinen, sinnlichen, stilistisch perfekten Bach. Bassist Kooij war übrigens schon 1988 dabei, doch nie war er so wertvoll wie heute.

Johann Sebastian Bach: "h-Moll-Messe" (Phi/Note 1)