Dieter Graumann ist ein Mensch mit einem stillen Gesicht und ausgezeichneten Manieren. Seine Mimik zeigt Beherrschung und Bescheidung, seine Sätze kommen stimmlich genau richtig temperiert. Er empfängt in seinem Büro in der Frankfurter Innenstadt, denn wenn er nicht gerade dem Zentralrat vorsitzt, ist er Immobilienverwalter.

Graumann spricht wie einer, der weiß, dass die Liste der Dinge, die falsch formuliert oder falsch verstanden werden können, endlos ist. Daher pflegt er die feine Diplomatie. Graumann muss vielen Seiten gerecht werden: jenen Juden, die auf die Reinheit der jüdischen Tradition Wert legen, und jenen, die hoffnungsvoll die heile Welt eines unkomplizierten Neuanfangs beschwören. Und auch solchen wie dem Zyniker Broder.

Dabei bestand Graumanns (wie Broders) Kindheit aus Schmerzen und Ängsten der Eltern – Überlebenden, die sich für eine Existenz unter den Tätern entschieden hatten. Eine gespenstische Kindheit im Schatten der Vernichtungslager. "Die Schoah ist immer in mir." Niemand würde ihm bittere, anklagende Sätze verdenken. Wenn er den deutschen Antisemitismus geißelte oder in Broders Verachtung verfiele.

Aber Graumann, seit 2010 Stimme der deutschen Juden, hat sich entschlossen, der Depression keinen Platz zu gönnen. "Wenn die Juden den Deutschen ihr Schicksal wieder anvertrauen, dann ist das ein Kompliment." Es sei nicht gewollt, sagt er, dass die Schoah, die Vernichtung, die jetzige jüdische Identität bestimme, auch wenn mancher sie zu einer Ersatzreligion mache. Judentum soll wieder positiv sein. "Es gibt einen Hunger nach Spiritualität. Die Rabbiner sollen der Religion neue Kraft verleihen." Und dann sagt er noch einen Satz, der ungeheuerlich daherkommt: "Wir Juden haben unsere Koffer in Deutschland längst ausgepackt."

Rabbiner ist Aramäisch und bedeutet "mein Herr, mein Meister". Anfangs waren die Rabbiner einfach Gelehrte, deren Aufgabe es war, die Thora und den Talmud auszulegen, erst im 19. Jahrhundert mit der Entwicklung des liberalen europäischen Judentums wurden sie auch Seelsorger und Prediger, gaben Religionsunterricht und halfen bei der Klärung religionsgesetzlicher Fragen.

Heute aber sind Rabbiner hauptsächlich Seelsorger, Jugenderzieher und Sozialfürsorger – dort, wo Gemeinden sich einen leisten können. Selbst wenn es einen Ansturm auf das Geiger-Kolleg gäbe, wäre für die meisten Gemeinden ein Rabbi zu teuer. Auch für Freizeitangebote, Bildungsarbeit, Jugendprojekte fehlt vielen von ihnen das Geld. Vor allem junge Juden beklagen, ihre Gemeinden seien heute vor allem Interessenvertretungen, und fordern, kostspielige Synagogen-Neubauten müssten zugunsten eines florierenden Gemeindelebens eingestellt werden.

Gegen die Behauptung, das neue Rabbinertum sei bloß ein Konvertitenklub und damit eine Art Judentum aus der Retorte, abgekoppelt von der Vergangenheit und deshalb bequem in die Gegenwart zu integrieren, verwahrt sich Graumann. Jude oder konvertierter Jude – das ist für ihn kein Unterschied. Kein Blut sei röter als das andere. Es steht geschrieben, wer konvertiert, ist ein Jude.

So echt, als sei er selbst dabei gewesen, als Moses am Berg Sinai die Zehn Gebote empfing. Doch auch Graumann weiß: "Ein Riss geht durch die Geschichte des Judentums in Deutschland, und er wird immer sichtbar sein. Wir können nie wieder anknüpfen an das Vergangene. Das Schweigen wird nie wieder vollkommen beredt sein, und die Rabbiner werden nicht wieder das sein, was sie einmal waren."

Das Rabbinerseminar zu Berlin versteckt sich in einer unauffälligen Straße in Berlin-Mitte hinter einer schlichten Mauer, die nur deshalb auffällt, weil davor ein Polizist steht. Es ist die Ausbildungsstätte für orthodoxe Juden, der Gegenentwurf zum Geiger-Kolleg. Durch die Tür in der Mauer kommt man nur nach Anmeldung, dann steht man in einem Hof, in dem Kinder toben. Manchmal schreiten auch junge Männer mit Bart und sinistrem Blick vorbei.

Neben dem Seminar sind hier auch ein jüdischer Kindergarten und eine Jeschiwa, also eine Talmudschule, untergebracht. Das Rabbinerkolleg ist eine Welt in der Welt oder vielleicht sogar hinter der Welt, das kommt auf den Standpunkt des Betrachters an. Hier werden ernste junge Männer unterrichtet, die fast ausnahmslos aus Osteuropa und Russland stammen. Sie haben bereits jahrelang an der Jeschiwa die Thora und den Talmud studiert und sich schon dort als besonders gelehrt hervorgetan. Nur die besten unter ihnen werden für die Rabbinerausbildung ausgewählt. Angeblich studieren die jungen Männer manchmal die ganze Nacht und fallen erst im Morgengrauen mit dem Kopf aufs Pult.

Im Interview sind sie ziemlich verhalten, man kommt nicht so recht an sie heran. Sie schütteln keiner fremden Frau die Hand.

Auch diese Rabbiner sind trotz der Lichtjahre, die sie von der säkularen und emanzipierten deutschen Gesellschaft trennen, Teil des neuen Judentums. Und auch diese Rabbiner haben keine vergiftete Tradition. Er mache sich über die Geschichte Deutschlands keine Gedanken, sagt ein junger Student – die sei Vergangenheit, nicht Gegenwart.

Der Student, aufgewachsen in Russland, hatte jüdische Eltern, die ihr Judentum nie auslebten und nach der Wende nach Deutschland auswanderten. Mit 16 Jahren fand er zu den Wurzeln zurück und begeisterte auch seine Familie für den neuen, alten Glauben. Fast alle Studenten erzählen solche Geschichten: Erst in einer jugendlichen Phase der Selbstfindung wurden sie gläubige Juden. Alle sind an einem Punkt ihrer Biografie heimatlos geworden, mussten ein neues Land, eine neue Kultur verkraften. In den strengen Regeln der Orthodoxie fanden sie ihre Heimat.

Sind sie sichtbar, die neuen Juden? Ist es besser für sie, unsichtbar zu bleiben?

Von Berlin geht es mit dem Zug nach Bamberg . Übersensibilisiert durch die Beschäftigung mit dem Thema, drängt sich der reisenden Reporterin plötzlich die Frage auf, wer im Abteil wohl aus einer Täterfamilie kommt. Und wer sich wohl interessiert für die neuen Juden in der deutschen Mitte, für die neuen Synagogen, die neuen Hoffnungen, wer überhaupt davon weiß. Sind sie sichtbar, diese Neuen? Ist es besser für sie, unsichtbar zu bleiben?

In Bamberg steht Antje Yael Deusel noch im Mantel im Vorhof der Synagoge. Sie kommt gerade aus der Klinik, jetzt muss sie noch ein paar administrative Dinge regeln, dann ist sie bereit für ein Gespräch. Deusel, von Beruf Ärztin und seit einem halben Jahr Rabbinerin der Israelitischen Kultusgemeinde in Bamberg, fällt aus der Reihe der Geiger-Absolventen.

Als sie ordiniert wurde, war sie schon 51 Jahre alt, und einen Medienhype wie die fotogene Alice Treiger verursachte sie nicht. Dafür heißt es über sie: Sie ist die größte unter den Pionieren. Denn sie ist Rabbinerin einer Einheitsgemeinde, also von altmodischen Juden, die Frauen nur auf der Empore dulden, sie niemals zur Thora rufen und schon gar nicht ordinieren würden. "Vor denen steht sie mit ihrer Kippa und dem Gebetsschal und sagt, wo es langgeht", sagt jemand. Rabbinerin Deusel traut sich was.

Und sie ist eine Brücke. Sie verbindet Vergangenes und Gegenwärtiges. Geboren als Kind von Juden, die in einer Nische den Nazis entgingen. Jüdisch aufgewachsen. Was einfach klingt, aber auch schon wieder kompliziert ist. "Ich bin Nachkomme einer jüdischen Familie, deren Angehörige in Mischehen überlebten", sagt sie. Ihre Kommilitonen schildern sie als herzlich und lustig, als Fränkin durch und durch. Sie stammt aus Nürnberg, studierte in Erlangen. Medizin, Spezialgebiet Urologie.

"Die Herren Ärzte sagten, ich solle lieber Krankenschwester werden." Deusel lacht grimmig. Man ahnt, da hat jemand früh Vergnügen an Kampfansagen gefunden. "Diskriminierungen ziehen sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Als Jüdin, als Urologin und auch als Rabbinerin. Ich musste immer besser sein, mir mehr Mühe geben, höhere Ansprüche erfüllen." Kein Selbstmitleid schwingt mit. Es befriedige sie, fügt sie hinzu, dass diejenigen, die ihr keine Chance gaben, immer unrecht hatten. Ärztin in leitender Position ist sie heute und Rabbinerin auch.

Anders als Simon, Treiger und Strasko, die Israel erst bei ihrer Ausbildung kennenlernten, verbindet Deusel mit dem "Land der Väter" eine frühe Kindheitssehnsucht. Als Mädchen sammelte sie die Bildchen, die damals in den Kisten der Jaffa-Orangen lagen, Bilder vom Land Israel. Und weil sie den Geruch dieser Früchte liebte, wollte sie eines Tages hin. Seither ist Israel für sie gleichbedeutend mit Orangenduft. Jahre später, als Deusel ihren Schrank aufräumte, fand sie die Bildchen wieder, und der Geruch haftete ihnen immer noch an.

Sie folgte der Sehnsucht und dem Duft nach Jerusalem. Und reist seither immer wieder dorthin. Dreimal arbeitete sie als Ärztin in Israel, jeweils für einige Monate. Inzwischen hat sie dort eine feste Bleibe und dank ihrer jüdischen Herkunft, die sie berechtigt, Israel als Heimat zu bezeichnen, auch eine permanente Aufenthaltsgenehmigung. Dass sie dennoch in Deutschland bleibt, begründet sie mit ihrer Bodenständigkeit und auch mit dem Benehmen der ultraorthodoxen Israelis.

"Ich bin keine, die sich im Bus nach hinten setzt, nur weil jemand sagt, da gehören die Frauen hin." In Bamberg, in einer Gemeinde mit 900 Mitgliedern, wollte sie nicht nur zur Thora gerufen werden, sondern als Rabbinerin einen ganzen Gottesdienst leiten. Sie belegte Seminare, sie arbeitete, sie kämpfte. Wurde Kulturreferentin ihrer Gemeinde, zweite Vorsitzende – für jede durchschnittliche Frau wäre jetzt der Weg zu Ende gewesen: Deusel war zu alt für ein Stipendium, sie musste Geld verdienen, Berlin und das Geiger-Kolleg waren weit weg. "Und dann mit all den jungen Leuten...", sagt sie kokett.

Sie hat es trotzdem geschafft. Mit einer halben Stelle als Fachärztin. Sie pendelte wöchentlich nach Berlin. Wie alle anderen musste sie neben der Rabbinerausbildung in Potsdam ihren Master in Jüdischen Studien machen und in ihrer Gemeinde als "Praktikantin" arbeiten. Deusel lernte und las im Zug, sie schlief wenig. Wie viel Fleiß und Disziplin das forderte – Rabbinerin Deusel wischt solche Nachfragen fort: "Jetzt bin ich hier, alles andere ist nicht mehr wichtig."

Wichtig sind die Leute aus der Gemeinde, die draußen vor der Tür warten, die ihre Rabbinerin sprechen wollen. In Ruhe. Unter vier Augen.

In Bamberg ist es kalt. Menschen hasten durch den schneidenden Wind. Steht man wieder auf der Straße und blickt zurück zur Synagoge, steht da bloß ein schlichtes Gebäude, an dem der Uneingeweihte achtlos vorübergeht. Sie bleiben verborgen: der Mut, die Mühe, die glühende Zuversicht der neuen deutschen Juden.

Richtigstellung:

In dem obigen Artikel hieß es ursprünglich, das Rabbinerseminar zu Berlin werde "ohne öffentliche Unterstützung bloß aus privaten Mitteln finanziert". Wir stellen hierzu richtig, dass das Rabbinerseminar zu Berlin zwar keine direkte staatliche Unterstützung bekommt, jedoch überwiegend vom Zentralrat der Juden in Deutschland finanziert wird, der die Mittel aus dem Bundeshaushalt erhält und an das Rabbinerseminar weiterleitet.

Weiter hatten wir geschrieben, dass die Studenten am Rabbinerseminar zu Berlin ausnahmslos aus Osteuropa und Russland stammen. Es gibt aber einige wenige Ausnahmen. Deshalb stellen wir das hier ebenfalls richtig.

Die Redaktion