Bis vor wenigen Jahren boten Balkons, Terrassen und Gärten in Deutschland meist ein tristes Bild: Regengegerbte Fichtenholzmöbel und Klappliegen standen herum, irgendwo vielleicht noch ein Sonnenschirm in einem Plastikständer, in den man Wasser füllen musste. Meist gab es auch stapelbare Stühle aus weißem Plastik. Schon fast als frivol galt der Besitz einer Hollywoodschaukel.

Heute kann man sich unter freiem Himmel ein ganzes Wohnzimmer einrichten, inklusive Sofa mit regendurchlässigen Polstern, Lounge-Tisch und Stehlampe. Der italienische Hersteller Cassina hat sogar Möbelklassiker, wie den Sessel LC1 von Corbusier, in einer Outdoor-Version aufgelegt (wie auf unserer Titelseite zu sehen). Was drinnen funktioniert, soll auch draußen möglich sein.

Überhaupt, so viel Draußen war nie : Kaum stellen die ersten Cafés ihre Tische vor die Tür, sind alle Plätze besetzt, auch wenn die Gäste sich in Wolldecken hüllen müssen, um die Kälte zu ertragen. In den Städten konkurrieren junge Familien um Schrebergärten, in Baulücken werden Guerilla-Beete angelegt. Ständig kommen neue Magazine heraus, die sich mit der Gartenkultur beschäftigen.

Wer etwas über unser Verhältnis zum Garten wissen will, muss Günther Vogt fragen. Der Liechtensteiner ist einer von Europas bedeutendsten Landschaftsarchitekten. Gerade plant er einen Park in der Hamburger HafenCity , auch für die Begrünung des stillgelegten Flughafens Tempelhof in Berlin hat er ein Konzept entworfen. Private Gärten entwirft er nur noch für enge Freunde. "Es ist einfach zu viel Arbeit", sagt er. "Es hat mich schon ein halbes Jahr gekostet, herauszufinden, was die Menschen überhaupt wollen. Denn während die meisten Menschen ziemlich genaue Vorstellungen davon hätten, wie ihre Wohnung gestaltet sein soll, seien sie beim persönlichen Grün komplett fantasielos: "Die meisten wissen nur, dass der Garten pflegeleicht sein soll – dabei besteht ein Garten vor allem aus Pflege." Einige Kunden, sagt Vogt, wünschten sich sogar, dass der Garten immer blühen solle. Denen müsse er erst einmal erklären, dass es Jahreszeiten gibt.

"All die prächtigen Gärten , die Menschen vor Augen haben, sind das Ergebnis unendlich langer Beschäftigung – und eines großen Wissens um die Pflanzen, die darin gedeihen", sagt der Landschaftsplaner. Heute widme man seinem Garten viel zu wenig Zeit. Die Städter wollten alles haben mit wenig Aufwand, die Infrastruktur vor der Tür und die romantische Wildnis hinter dem Haus. Sie möchten im Supermarkt Papayas aus Neuseeland kaufen und im Pflanztopf auf dem Balkon eigene Tomaten ernten.

Wie eine Gesellschaft ihre Gärten gestaltet hat – daran konnte man schon immer viel über ihre Werte ablesen. Von den ältesten Gärten der Geschichte wissen wir, dass sie in Regionen mit wenig Wasser gediehen. So wird der legendäre Garten Eden in Mesopotamien verortet. Die Sumerer machten etwa 4000 vor Christus ihr trockenes Land durch Bewässerung fruchtbar und pflanzten Dattelpalmgärten. Prächtige Gärten gab es auch schon 2500 Jahre vor Christus in Ägypten . Im Schatten der Pyramiden wurden Teiche angelegt, und Wein wurde angebaut. Einen Garten zu haben bedeutete damals, Wasser zur Verfügung zu haben, und das nicht zu knapp – das Grün war ein Symbol des Überflusses. In diesem Sinne lässt sich eine Linie ziehen von den Ursprüngen der Urbarmachung trockener Landstriche bis heute. So markierte etwa die Stadt Dubai ihren Aufstieg durch das Anlegen von üppigen Golfplätzen mitten in der Wüste – den Herrschergärten unserer Tage.

Die Römer waren so stolz auf die domestizierte Natur, dass sie Jagdszenen mit modellierten Buchsbäumen darstellten. Die griechischen Philosophen Epikur, Platon und Aristoteles ließen sich in ihren Gärten inspirieren. Und Theophrast baute selbst Gemüse an – er gilt als Begründer der Botanik.