Eine gewaltige Schuldenlast setzt weite Teile Europas unter Druck, die Gemeinschaftswährung steht auf dem Spiel. An sich müssten Unternehmen in diesen unsicheren Zeiten Geldreserven anlegen. Doch ganz im Gegenteil: Die 30 Konzerne aus dem Dax werden nach Angaben der Bank HSBC Trinkaus in diesem Jahr Dividenden in Höhe von 29 Milliarden Euro an ihre Aktionäre ausschütten. Das wäre der höchste Wert seit 2007, dem letzten Jahr vor der Krise. Zehn Konzerne erhöhen ihre Gewinnausschüttung pro Aktie im Vergleich zum Vorjahr sogar noch. Die Hauptsaison der Hauptversammlungen, die mit dem Aktionärstreffen von Daimler am Mittwoch dieser Woche beginnt, bringt einen wahren Geldregen .

Gründe gibt es dafür mehrere. Zum einen machten viele Aktiengesellschaften weiter gute Geschäfte, die Erträge seien konstant oder würden sogar steigen, sagt Rüdiger von Rosen, Geschäftsführer des Deutschen Aktieninstituts. "Da ist die Zahlung von attraktiven Dividenden angemessen." Zum anderen habe es in Deutschland Tradition, gleichbleibend hohe Dividenden zu zahlen.

Anleger suchen in unsicheren Zeiten nach verlässlichen Erträgen auf ihr Kapital. Die Renditen festverzinslicher Wertpapiere sind historisch niedrig, da werden sogar Aktien mit bescheidenen Dividenden interessant. Sind die Kurse niedrig, fällt die Dividendenrendite, also das Verhältnis der Dividende zum aktuellen Kurs, noch günstiger aus. Bei der Deutschen Telekom betrug sie zuletzt 7,7 Prozent. Im Vergleich zu den Renditen von Anleihen oder Pfandbriefen ist das ziemlich üppig. Der Käufer macht Gewinn, ohne dass der Aktienkurs dafür auch nur einen Cent steigen muss.

Unternehmen, deren Aktienkurs vor sich hin dümpelt, schütten Gewinne aus, was das Zeug hält. Womöglich mehr, als sie sollten. Der Versicherer Allianz etwa will seine Dividende in diesem Jahr konstant bei 4,50 Euro pro Aktie halten, obwohl sich der Gewinn im vergangenen Jahr halbiert hat. Nehmen die Aktionäre den Vorschlag von Vorstand und Aufsichtsrat auf der Hauptversammlung an, werden 80 Prozent des Jahresüberschusses aus dem Unternehmen abfließen. Der Rückversicherer Munich Re, 2011 schwer gebeutelt durch die Finanzkrise, magere Zinsen und mehrere Naturkatastrophen, geht noch weiter. Bei einem Konzerngewinn von nur gut 700 Millionen Euro bleibt die Dividende konstant bei 6,25 Euro pro Aktie. Das bedeutet, dass das Unternehmen 1,1 Milliarden Euro an seine Aktionäre ausschüttet – mehr, als es verdient hat.

"Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit sind für Anleger in bewegten Zeiten besonders wichtig", begründet Finanzvorstand Jörg Schneider den Schritt. Munich Re hat die Dividende seit 1969 kein einziges Mal gekürzt. Der Versicherer zehre auch dieses Mal nicht von der Substanz, sagt Schneider: "Uns kommen jetzt die Ersparnisse der Vergangenheit zugute." In guten Jahren bilde das Unternehmen Rücklagen, um in schlechten nicht gleich in die Miesen zu geraten. Zudem richtet sich die Ausschüttungsquote nicht nach dem internationalen Bilanzierungsstandard IFRS, bei dem der Gewinn für 2011 bei den genannten gut 700 Millionen Euro liegt, sondern nach dem deutschen Handelsgesetzbuch (HGB). Danach erreicht der Jahresüberschuss 1,1 Milliarden Euro – so viel, wie der Rückversicherer ausbezahlt. "Wir haben auch weiterhin ausreichend Puffer, um profitabel wachsen zu können", versichert Schneider. Fragt sich nur, wie lange.

Aus Aktionärssicht sei die Dividendenpolitik zu begrüßen, sagt der Kölner Vermögensverwalter und Hochschullehrer Max Otte. "Es ist vernünftig, die Dividenden im Zeitverlauf zu glätten", sagt Otte. "Als Investor will ich schließlich möglichst konstante Erträge erhalten." Der Spezialist für Aktien von tendenziell unterbewerteten Unternehmen hält sich von Firmen fern, die ihre Gewinne einbehalten. "Man sollte Investitionspläne des Managements grundsätzlich skeptisch betrachten", sagt Otte. "Besser, die Erträge werden ausgeschüttet als – wie sehr oft – in unsinnige und verlustreiche Investitionen gesteckt."

Die jüngste Untersuchung der Fondsgesellschaft ING Investment Management (ING IM) kam zu dem Ergebnis, dass Dividenden langfristig einen großen Teil der Gesamtrendite von Aktien ausmachen. "Dividenden und Dividendenwachstum tragen zu etwa zwei Dritteln zu den Gesamterträgen von Aktienportfolios bei", sagt Nicolas Simar, bei ING IM verantwortlich für Dividendenfonds. "Nur das letzte Drittel beruht auf Kurszuwächsen." Allerdings warnt Simar davor, dass Unternehmen mit hohen Ausschüttungen weniger Spielraum für Investitionen haben. Er empfiehlt: "Man darf sich nicht allein die Dividendenrendite anschauen, sondern muss auch prüfen, ob die zukünftigen Erträge die Ausschüttungen decken."