Hat sich dies zuvor schon einmal zugetragen? Dass die erbärmliche politische Wirklichkeit mit der schönen Filmkunst in einen Wettlauf um die bessere Version des Stoffs, um das bessere Ende eintritt – und dass die Realität dabei eine fast traumhafte Performance zustande bringt, während die Kunst menschelt?

Den Stoff für den Film The Lady von Luc Besson liefert der friedliche Kampf einer Frau gegen die jahrzehntelange Militärgewalt in Birma (heute Myanmar ): der Volksheldin Aung San Suu Ky i, Tochter des Unabhängigkeitskämpfers Aung San , seit 1989 jahrelang unter Hausarrest gestellt und 1991 in Abwesenheit mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Eine Ikone aller Freiheitskämpfe, diese zierliche "Lady", wie sie im Volk genannt wird, die den Gewehrläufen trotzt. Die Dreharbeiten endeten im Moment ihrer Freilassung im November 2010 . Die Wirklichkeit aber findet seither ungerührt ihre Fortsetzungen: Jetzt kandidierte und siegte die Lady bei den Nachwahlen am 1. April mit der National League for Democracy fürs Parlament, 30 Sitze sind zu besetzen, und Suu Kyi kann die Opposition vertreten.

Ausgerechnet jetzt kommt der Film. Ursprünglich sollte The Lady im März anlaufen, nun wurde seine deutsche Premiere auf den Moment der Wahlen verschoben, und so fordert er den Vergleich mit der Wirklichkeit eigens heraus. Sein stärkstes Mittel: die Expressivität des Gesichts von Michelle Yeoh in der Hauptrolle, jener einstigen Miss Malaysia , die ein Weltstar ist, seit sie als Bond-Girl glänzte, und die nun als Suu Kyi zeigt, dass sie auch einen vielschichtigen Charakter ergreifend darstellen kann. Doch damit fast schon genug. The Lady hätte das bleibende Porträt eines politischen Freiheitskampfes werden können, wie es Richards Attenboroughs Gandhi gelang – doch dieser Film rührt vor allem als aufwühlende Ehe-, Mutter- und Tochtergeschichte lauter zerrissene Herzen zu Tränen.


Denn Luc Besson hat sich dafür entschieden, das bisher kaum bekannte private Drama in den Mittelpunkt seines Films zu rücken: Im Jahr 1988 wird Suu Kyi, die mit ihrem Mann, dem Tibetologen Michael Aris, und zwei Söhnen in Oxford lebt, ans Sterbebett der Mutter nach Birma gerufen. Sie kehrt in ihre Heimat zurück. "Wie lange fährst du weg?", fragt ihr jüngerer Sohn, als sie aufbricht. "Eine Woche. Vielleicht zwei", sagt sie. Sie irrt sich. Sie kommt nicht wieder.

Die Opposition will die Heldentochter an der Spitze des demokratischen Aufstands sehen, dieser wird blutig niedergeschlagen, sie wird in Arrest genommen und steht fortan in einem unauflösbaren Dilemma zwischen Familie und Politik. Nur selten dürfen Mann und Kinder sie kurz in Rangun besuchen. Ihr Mann, gespielt als solidarisch-treuer Märchenprinz-Gatte von dem wunderbar britischen David Thewlis, stirbt schließlich 1999 einsam an Krebs. Sie bleibt allein zurück, eingesperrt in ihrem Elternhaus im Birma der Militärs.

Was für ein seltenes Spiel mit Illusion und politischer Freiheit das ist: Kaum wird es im Kinosaal hell, trocknet die Wirklichkeit schon die Tränen.