Die Freiheit und die Deutschen, da hat der neue Bundespräsident recht, das ist ein schwieriges Kapitel. Anders als die Menschen anderer großer Nationen lieben sie die Freiheitsmänner und -frauen ihrer Geschichte nicht besonders, ja die meisten Deutschen kennen sie kaum, die Vorkämpfer unserer Republik im 18. und 19. Jahrhundert.

Einer dieser Pioniere ist der Arzt und Journalist Georg Kerner, geboren am 9. April 1770 in Ludwigsburg, gestorben am 7. April vor genau 200 Jahren in Hamburg. Zeit seines kurzen Lebens stritt er für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und die deutsche Einheit, gegen die Fürstleinwirtschaft des Ancien Régime ebenso wie gegen den Terror der Sansculotten wie gegen Napoleons Despotie. Ein Feuerkopf, ein brillanter Autor, ein engagierter Mediziner. Er sprühe "Freiheit wie ein Vulkan", beschrieb ihn sein Freund, der Weltreisende Georg Forster, er sei "originell und gutherzig, wie ein junger Schwabe sein muss", und habe "Kopf und Energie". Und doch ist es Georg Kerners 16 Jahre jüngerer Bruder, der gemütvolle Biedermeierdichter Justinus Kerner, den die Deutschen bis heute in Ehren halten – Georg scheint vergessen.

Er war das älteste, Justinus das jüngste der sechs Kerner-Kinder. Die Ludwigsburger Familie gehört zu den angesehensten des Herzogtums Württemberg. Der Vater, Oberamtmann und Regierungsrat, ist ein treuer Diener des absolutistisch regierenden Herzogs Carl Eugen. Georg zeigt sich als unwilliger Schüler, seine meist schlechten Noten bestraft der Vater mit "Prügelsuppen". So atmet der Junge auf, als er 1779 nach Stuttgart kommt, in die Hohe Carlsschule. Das Prestige-Institut des Herzogs, das ihm loyale Beamte heranziehen soll, ist halb Internat und halb Universität. Eine militärische Schulordnung schottet die Schüler, zu denen auch Friedrich Schiller gehört, von der Welt ab. Georg entscheidet sich früh für die Medizin – und 1789 für die Französische Revolution. Mit Gleichgesinnten gründet er einen politischen Klub. Vive la liberté: 1790 feiern die jungen Männer den ersten Jahrestag des Sturms auf die Bastille.

Im selben Jahr noch pilgert der junge Kerner zweimal ins revolutionäre Straßburg. Er will nach Frankreich, raus aus der absolutistischen Enge Württembergs, er will die neue Freiheit selbst erleben, Politik machen. Eilig fertigt er mithilfe seiner Freunde eine Doktorarbeit an. Schon im Juni 1791 ist er wieder in Straßburg – vorgeblich, um seine Ausbildung fortzusetzen, tatsächlich aber, um im Land der Revolution zu leben. Kurz zuvor hat er sich mit der Stuttgarterin Auguste Breyer verlobt. Es ist der Beginn einer unglücklichen Verbindung, da Kerner nicht zurückkehren, die Verlobte ihm aber nicht nach Frankreich folgen will.

In Straßburg tritt er gleich in die "Gesellschaft der Freunde der Konstitution" ein, den wichtigsten politischen Klub der Stadt. Der Sympathisant wird zum Bekenner, zum Akteur. Schon hält er seine erste Rede, schon wird er der deutsche Sekretär des Klubs und beginnt seine journalistische Karriere. Als Herzog Carl Eugen davon erfährt, entzieht er ihm das Stipendium. Auch Vater Kerner tobt. Er verlangt, dass sein Sohn sofort nach Wien geht und dort zu Ende studiert. Georg aber kennt nur noch ein Ziel: Paris. "Wien oder Paris wird mein künftiger Aufenthalt sein, der Himmel oder die Hölle, das letztere muß notwendig Wien für mich sein, da ich nun gewohnt bin, in Frankreichs freierem Schoß zu leben", schreibt er an Auguste. Schließlich gibt der Vater nach, kürzt die Unterstützung aber auf ein Minimum.

Anfang November 1791 trifft Georg Kerner in der Hauptstadt der Freiheit ein. Das Geld zum Leben verdient er sich als Deutschlehrer und als Korrespondent der Hamburger Adreß-Comptoir-Nachrichten, später auch als Arzt am dänisch-schwedischen Hospital. Er ist nicht der einzige deutsche Freiheitspilger an der Seine. Da sind Georg Forster und Adam Lux aus Mainz, da sind der legendäre Graf Schlabrendorf, der Diplomat Karl Friedrich Reinhard und viele andere.

Mit Talleyrand zecht er im Bremer Ratskeller

Allzu radikal mag es Kerner allerdings nicht. Nach anfänglichen Besuchen im Jakobinerklub klebt er Plakate gegen die Radikalen und tritt in die Nationalgarde ein. Wie die meisten sogenannten deutschen Jakobiner gehört er nach der Pariser Fraktionsordnung eher zu den Girondisten, den bürgerlichen Liberaldemokraten. Einmal bewahrt er, beherzt eingreifend, zwei Abgeordnete der Nationalversammlung vor dem Zorn der Sansculotten, und am 10. August 1792, beim Sturm auf die Tuilerien, den Sitz Ludwigs XVI., kämpft er aufseiten des Königs gegen das Volk. Die Lage wird brenzlig, er rettet sich unter die Holzbank einer Wachstube und bleibt unverletzt.