Ein Handwerker hat sich vor dem Finanzamt in Bologna angezündet und wird schwer verletzt gerettet. Man weiß nicht, ob er überlebt. In einem Abschiedsbrief schrieb er: "Ich habe immer meine Steuern gezahlt." Gegen den 58-Jährigen läuft ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung.

Nur wenige Tage später übergießt sich vor dem Rathaus in Verona ein 27-jähriger Marokkaner mit Benzin. Er erhalte seit vier Monaten kein Gehalt, er habe seine Wohnung verloren und esse in der Armenmensa, berichtet er den Carabinieri, die ihm das Leben retten.

Seit der Antike ist die Piazza in Italien ein Synonym für den öffentlichen Raum. Wer dort den Feuertod sucht, will seine Verzweiflung öffentlich machen – und politisch. Denn der inszenierte Hilfeschrei provoziert ein starkes Medienecho. Auf die beiden Selbstmordversuche reagierte deshalb auch die Politik. Der frühere Ministerpräsident Romano Prodi sprach von "einem schrecklichen Signal der Verzweiflung". Deutlicher wurde die Partei von Silvio Berlusconi . Die Politik dürfe diese "Verzweiflungsschreie" nicht überhören. "Wir haben die Pflicht, unsere Bürger von der erdrückenden Steuerlast zu befreien", sagte der Parlamentsvizepräsident Maurizio Lupi.

Genau mit diesem Versprechen – die Italiener vom Staat und seinem Fiskus zu befreien – hatte Silvio Berlusconi Wahlen gewonnen. Unter seiner Ägide erreichten Steuerhinterziehung und Staatsverschuldung Rekordmarken. Als die Zinsen für die Staatsanleihen himmelwärts kletterten, musste Berlusconi abtreten. Sein Nachfolger Mario Monti saniert seither die Staatsfinanzen mit einem rigiden Sparprogramm .

Die Guardia di Finanza kontrolliert nun überall, an den Autobahnen die Fahrer von Luxuswagen und in den Postämtern die Arbeitsinvaliden, wenn diese ihre Rente abholen. Es gibt Razzien in den teuren Geschäften von Capri und Cortina d’Ampezzo, in Mailänder Restaurants und ligurischen Strandbars. Viele Bürger empfinden das als Last. Ausgerechnet mitten in der Krise ist der Staat plötzlich unerbittlich.

Lange galten die Italiener als Meister im Umkurven von Problemen. Trotz horrender Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit führte Italien über Jahrzehnte die europäische Glücksstatistik. Italiener waren zufriedener als ihre besser verdienenden Nachbarn, sie lebten auch länger. "Basta che c’è il sole", hieß es in einem alten Schlager, Hauptsache, es scheint die Sonne. Mit einem Nebenjob, wenn nötig auch mit zweien, arrangierte man sich. Der Staat gab nicht viel und musste nicht alles wissen. Das gemessene Durchschnittseinkommen der Italiener lag 2011 bei gerade 19.250 Euro. Fast die Hälfte der Steuerzahler, darunter Selbstständige wie Gastwirte und Einzelhändler, verdienten angeblich weniger als 15.000 Euro. In 2012 werden die gemeldeten Einkommen unter dem Druck der Finanzpolizei vermutlich steigen. Und das Sich-Arrangieren wird immer schwieriger. Genauso wie das Glücklichsein.

Es ist, als habe das Land nach Berlusconis Abtritt alle Illusionen verloren. Die Illusion, die ihnen der Populist über seine Medien so lange verkaufen konnte: Wenn die Welt um uns herum auch untergeht, wir schaffen es trotzdem. Berlusconi verkaufte ihnen ein buntes Reich der Fantasie und hinterließ ein graues Krisenland. Über 11.000 Unternehmen gingen 2011 pleite – ein Rekord. In den reichsten Regionen des Landes funktioniert das System Italien nicht mehr. Ein System, das von mittelständischen Unternehmen getragen wurde, die sich mit Fleiß, Kreativität und einer milden Steuermoral gegen die Konkurrenz durchsetzen konnten. Jetzt richten die ersten Handwerkskammern eine Telefonseelsorge für ihre Mitglieder ein.

Die beiden Verzweifelten von Bologna und Verona sind zwei Gesichter der Krise. Der Selbstständige und der Arbeitnehmer, sie wissen beide nicht mehr weiter. An ihnen scheiden sich aber auch die Geister. Denn Selbstmorde und Selbstmordversuche werden in Zeiten schmerzhafter gesellschaftlicher Reformen politisch instrumentalisiert. Kürzlich brachte die christdemokratisch orientierte Gewerkschaft CISL Töchter von Unternehmern und Arbeitnehmern, die den Freitod gesucht hatten, auf eine Bühne. Als "Krisenopfer".