Das Gehirn, die zentrale Steuerungseinheit für den Organismus, sei die Verkörperung des humanen Prinzips, meinen die Hirntod-Befürworter und argumentieren wie folgt: Ohne Gehirn sei Atmung nicht möglich. Der hirntote Mensch sei zwar physisches Dasein auf zellulärer Ebene, jedoch ohne Verstandestätigkeit und soziale Interaktion – und das sei Vegetieren, nicht Leben. "Der Mensch als einzigartiges Geschöpf existiert nicht mehr, wenn sein Gehirn nicht mehr funktioniert", sagt Walter Haupt , Universitätsprofessor und leitender Oberarzt der Klinik des Zentrums für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Köln . Ein von außen künstlich aufrechterhaltener Körper mit totem Gehirn ist nach Haupts Auffassung kein Individuum mehr. Schalte man den Respirator ab, breche der Kreislauf in kürzester Zeit zusammen, das Herz stehe still. In dieser Logik wird das Menschenleben gleichgesetzt mit körperlicher und geistiger Autonomie des Individuums.

Nein, Menschsein sei bestimmt durch die Einheit aller Organe, befinden dagegen Hirntod-Kritiker. Das Gehirn sei nicht der große, allein verantwortliche Lenker, sondern nur eines unter mehreren gleich wichtigen Organen, weswegen seine Sonderstellung als oberstes Steuerungsorgan infrage zu stellen sei. Nach Auffassung des Neurologen Alan Shewmon vom Medical Center der kalifornischen Universität Los Angeles verfügt der Organismus über keinen zentralen Integrator, sondern sei definiert durch Integration – eine Eigenschaft, die sich aus der Interaktion gleichberechtigter Organe ableitet. Ein holistisches System also, das erst in totaler Desintegration ende.

Die Ethikerin Sabine Müller, die an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité arbeitet, fügt an dieser Stelle an, dass "bei hirntoten Patienten im Allgemeinen nicht das ganze Gehirn tot" sei. Der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen hält das Hirntod-Konzept gar für einen "Tatbestand der bewussten Täuschung" , wie er Anfang März in der katholischen Zeitung Tagespost schrieb. Nach Meinung des Geistlichen suggeriere der Begriff Hirntod einen Zustand, der nicht den Tatsachen entspreche. Der Begriff der "postmortalen Organspende" sei eine willkürliche Setzung. Mit ihr werde vernebelt, dass die Organentnahme an einem Sterbenden eine Tötung darstelle – was mit den moralischen und ethischen Ansprüchen des Evangeliums nicht zu vereinbaren sei. In der katholischen Kirche fühlen sich manche angesichts neu auftretender Fälle um den Primat des Lebensschutzes betrogen, da Sterbende während des Hirnversagens ja doch augenscheinlich noch lebende Menschen seien.

Angenommen, der Kreislauf der Frau arbeitet, ihr Organismus funktioniert. Doch er funktioniert nur, weil der Körper künstlich am Leben erhalten wird. Sie wird nie mehr spontan atmen, dazu wären Impulse des Hirnstamms nötig. Der Hirnstamm gilt als Lebenszentrum; er regelt die wichtigsten Reflexe und wird von allen Hirnnerven durchlaufen. Was ist die Frau zu diesem Zeitpunkt: noch Individuum? Noch Mensch? Was unterscheidet das Individuum vom Menschen? Und was mehr ist der Mensch als sein Körper?

Wäre dieses Mehr das Bewusstseinserleben, wie manche Philosophen behaupten, dürfte man bewusstseinslose Lebewesen nicht als Menschen bezeichnen, etwa Embryos oder großhirngeschädigte Wachkomapatienten. Wären sie keine Menschen, genössen sie weder Menschenwürde noch Rechtsschutz, dann würde "Leben" in höher- und niederwertige Lebensformen hierarchisiert. Passiert aber nicht längst, was sich schockierend anhört? "Nahezu alle Systeme der Ethik sprechen dem Bewusstseinsleben einen höheren moralischen Status zu als dem bewusstseinslosen Leben", meint der Philosoph und Anthropologe Dieter Birnbacher. Da "Tod" und "Leben" primär biologische Begriffe sind, unterscheidet die Philosophie zwischen mentalistischem und organismischem Todesverständnis. Dem mentalistischen Todesverständnis zufolge fällt der Tod mit dem irreversiblen Erlöschen des Bewusstseins zusammen; dem organismischen zufolge ist der Tod identisch mit dem irreversiblen Erlöschen der Fähigkeit des Organismus zu integriertem Funktionieren.

So oder so: Die beiden entscheidenden Begriffe der Debatte heißen Selbststeuerungsfähigkeit und Unumkehrbarkeit. Unumkehrbarkeit aber ist eine Prognose, keine Diagnose. Niemand kann mit letzter Sicherheit sagen, dass sich Teile des Gehirns eines Hirntoten – analog zu regenerierten Patienten mit Schlaganfällen oder Hirnblutungen – nicht vielleicht doch irgendwann noch erholen und jedenfalls im Sinne eines organismischen Lebensverständnisses ein Weiterleben möglich machen, in welcher Qualität auch immer. (Lange Zeit wurde der Tod durch den irreversiblen Herz-Kreislauf-Stillstand festgelegt. Nach Erfindung der Herz-Lungen-Maschine 1952 konnten selbst Menschen ins Leben zurückgeholt und am Leben gehalten werden, deren Herz im Extremfall schon eine Stunde stillgestanden hatte.)