»Meine Filiale«, das sagt sie immer noch. 13 Jahre war sie bei Schlecker , zuletzt als eine Art Wanderarbeiterin, abgemahnt, gekündigt, weiterbeschäftigt und wieder gekündigt. Und immer noch spricht sie von »meiner Filiale«, wenn sie erzählt, wie sie damals diese Schlecker-Verkaufsstelle »aufgebaut«, mit eigenem Werkzeug renoviert und einmal über Nacht einen Umzug mitgemacht hat. »Das darf niemand wissen«, hätten ihre Vorgesetzten gesagt. Dass Frauen wie sie einmal zum Politikum werden würden, hätte sich Kerstin Mayer aus Kirchheim bei Stuttgart nie träumen lassen. Nun sind sie es, die »Schlecker-Frauen«.

Ein Job bei Schlecker garantierte in der Öffentlichkeit schon immer einen Opferstatus. Erst waren die Schlecker-Frauen Opfer schikanösen Managements, dann ökonomischen Missmanagements. Jetzt werden sie zu Opfern politischer Mobilisierungsstrategien. Je mehr ein Betrachter die FDP verabscheut, die eine Transfergesellschaft für die Schlecker-Frauen verhinderte , desto bedauernswerter muss er deren Lage offenbar finden.

Es gebe Schlimmeres, als vom Kapital ausgebeutet zu werden, schrieb Hans Magnus Enzensberger einmal, nämlich vom Kapital nicht ausgebeutet zu werden. Das ist ein cooler kleiner Satz, er passt gut zu einem Schreibtisch in München-Schwabing mit Blick auf den Englischen Garten. Aber er passt auch zu dem Küchentisch vierzig Kilometer südöstlich von Stuttgart. Der Tisch ist abgewetzt, die Küche neu. Es ist das Land der Häuslebauer, die Mayers sind im Herbst eingezogen, Endreihenhaus, 114 Quadratmeter, aus dem Fenster sieht man ihren Geländewagen. Nun haben sie eine viertel Million Euro Schulden, und Kerstin Mayer hat keinen Job mehr.

36 Jahre ist sie alt, Hauptschule, keine Ausbildung, eine Zeit lang arbeitslos. Dann Schlecker.

Von der Pleite im Januar hat sie auf dem Heimweg erfahren, es stand auf einem Nachrichtenschirm in der S-Bahn. Am Freitag kam der Brief des Insolvenzverwalters . »Um Schlecker als Unternehmen zu erhalten, war ich gezwungen, eine Wirtschaftlichkeitsprüfung der Filialen anzustellen. ... Aus dem daraus resultierenden Arbeitsplatzentfall ist leider auch Ihr Arbeitsplatz betroffen.« Zuletzt war Kerstin Mayer Springerin, sie arbeitete mal in der einen Filiale, mal in einer anderen, immer in Stuttgart. Gerne hätte sie sich nach Kirchheim versetzen lassen, aber sie ist ver.di-Mitglied; angeblich befürchtete die örtliche Filialleiterin, dass sie, einmal eingestellt, einen Betriebsrat gründen würde.

Und, hätte sie? »Na klar.«

Unter Deutschlands Arbeitgebern hat kaum einer einen so schlechten Ruf wie Schlecker . An Kerstin Mayers Karriere lässt sich das gut erzählen. Es begann mit der Kollegin, die sie anlernte und die am Ende der Einarbeitungszeit entlassen wurde, um durch eine jüngere und billigere Nachfolgerin ersetzt zu werden: Kerstin Mayer. Und es endete – beinahe – vor acht Jahren mit ihrer ersten Kündigung. Sie weiß noch genau, wie sie damals an sich selbst gezweifelt hat, als die Gläschen mit der abgelaufenen Babynahrung in ihrer Filiale gefunden wurden. Wie die Kolleginnen sich den Kopf zerbrachen: »Wie konnte das passieren! Wir hatten doch alles überprüft.« Und wie ihr eine Gewerkschaftssekretärin die Augen öffnete. Ware jenseits des Haltbarkeitsdatums ins Regal zu schmuggeln scheint bei Schlecker eine gängige Praxis gewesen zu sein, um die Kündigung missliebiger Mitarbeiter zu begründen. Kerstin Mayer hatte Glück, dass das Arbeitsgericht den vorgedruckten Standardtext der »Abmahnungen« nicht akzeptierte, die ihre Vorgesetzte vorgelegt hatte.

Dank ver.di kann man dies und manches mehr nachlesen. Es ist eine Quellensammlung von mäßigem Beweiswert, zusammengesetzt aus anonymen Zuschriften, Fragmenten polizeilicher Vernehmungsprotokolle, ein Strafbefehl wegen Nötigung ist auch dabei. Aber das Bild, das sich da zeigt, passt zu dem, was Betriebsräte in Mecklenburg-Vorpommern , Sachsen und Baden-Württemberg alle ganz ähnlich schildern. »Monatlich wurde mit der Personaldirektion persönlich festgelegt, was gegen wen zu unternehmen ist« – »und wenn die Fenster sauber sind, schütten Sie einen Kaffee rein, Zitat Vertriebsdirektor« – »ich möchte noch einmal ausdrücklich betonen, dass ich auf Anweisung meiner Vorgesetzten gehandelt habe und diese Vorgehensweise bei der Firma Schlecker üblich ist«. Und so weiter.

»Es war schon ein schönes Schaffen«, sagt Kerstin Mayer. Sie hängt an ihren Kolleginnen, sie hielt gern »ein Schwätzle« mit den Kunden. Und sie mochte das selbstständige Arbeiten. Bis zu dem Rechtsstreit um die erste Kündigung war sie VVW, Verkaufsstellenverwalterin, zuständig für die gesamte Logistik. »Ich war froh, dass ich mich hochgearbeitet hatte, und stolz darauf, dass ich Verantwortung hatte über andere Mitarbeiterinnen.«