Die Junction Shopping Mall ist ein Einkaufszentrum mit Aufzügen aus Glas und einem Fußboden aus Terrakottafliesen. Es steht mitten in Nairobi , der Hauptstadt von Kenia . Im Erdgeschoss bietet das Brillengeschäft Optia Fassungen aus Titan an, daneben verkauft die Boutique Kaché Mode aus Barcelona .

In einem rosa beleuchteten Babyshop sucht die 33-jährige Anne Gumbe nach Kleidung für ihre einjährige Tochter. Ein Lätzchen mit aufgesticktem Teddybären kostet 550 Schilling, das sind etwa vier Euro, ein Strampelanzug mit der Aufschrift »Ich bin die Zukunft« ist für umgerechnet 12 Euro zu haben. Gumbe kann sich den Optimismus leisten. In einer Werbeagentur entwirft sie Kampagnen für Ölunternehmen und Fluggesellschaften.

Sie stammt aus einfachen Verhältnissen. Gumbe ist bei Kisumu aufgewachsen, im ländlichen Westen Kenias, zusammen mit neun Geschwistern; in einer Bauernfamilie, die oft von der Hand in den Mund lebte. Doch sie schaffte den Sprung an die Uni und von dort auf einen sicheren Arbeitsplatz. Am Tag verdient sie umgerechnet etwa 13 Dollar und gehört damit zur neuen Mittelschicht jener Afrikaner, die am Tag zwischen zwei und 20 Dollar verdienen. Das ist kein Vermögen, aber es reicht für deutlich mehr als für das Allernötigste. Mit zwei Dollar am Tag sind in Afrika Essen und Unterkunft abgedeckt. Was darüber hinausgeht, steht für den eigentlichen Konsum bereit: Handys, Fernseher, Strampelanzüge.

Vor 30 Jahren zählten gerade einmal 100 Millionen Afrikaner zur Mittelschicht, hat die African Development Bank errechnet. Inzwischen sind es mehr als 300 Millionen. Man kann diese Entwicklung quer über den Kontinent beobachten. In Ghana ist die Zahl der Autos und Motorräder in den vergangenen fünf Jahren um 81 Prozent gestiegen. In Botswana gibt es inzwischen mehr Mobiltelefone als Einwohner. In Südafrika fand kürzlich der erste afrikanische Kongress zu Übergewicht und Diabetes als Volkskrankheiten statt.

Die Reichen shoppen in London, die Mittelschicht kauft zu Hause ein

»Dank der wachsenden Mittelschicht ist Afrika heute in der gleichen guten Ausgangssituation wie China vor 20 Jahren oder Indien vor zehn Jahren«, sagt Nikolaus Lang, Entwicklungsländer-Experte der Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Der Ökonom Vijay Mahajan, Autor des Buches Africa Rising, glaubt sogar, die Mittelschicht sei »das Herz der Zukunftsperspektive für Afrika«.

Inzwischen ist die Mittelschicht so groß, dass ihr viele Experten zutrauen, die afrikanische Wirtschaft aus eigener Kraft voranzutreiben. Denn im Gegensatz zu den Armen kann die Mittelschicht mehr konsumieren als nur das Allernötigste. Und im Gegensatz zu den Reichen gibt sie ihr Geld im eigenen Land aus, nicht bei Harrods in London oder Macy’s in New York. Die Mittelschicht, glauben deshalb Optimisten, könnte mit ihrer Nachfrage starke afrikanische Unternehmen entstehen lassen.

Zudem – so die zweite Hoffnung – könnte die Mittelschicht endlich Reformen in Afrikas kaputten Bildungs- und Gesundheitssystemen erzwingen. Anders als die Armen kann sie sich erlauben, über den Tag hinauszudenken. Anders als die Reichen kann sie ihre Kinder aber nicht auf englische Internate schicken oder sich in deutschen Kliniken operieren lassen.