Wenn Thomas Mikolajick erklären möchte, worüber er sich den ganzen Tag den Kopf zerbricht, kramt er einen USB-Stick hervor. Das kleine rote Ding in seiner Hand ist die Lösung. Und das Problem. Die Lösung, weil es Ingenieuren wie ihm gelingt, auf immer kleinerem Raum immer mehr Daten unterzubringen. Und das Problem, weil sie irgendwann doch am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt sein werden. "Informationen lassen sich immer nur an der Schnittstelle zweier Materialien abspeichern", sagt Mikolajick. "Und spätestens wenn wir diese Bauelemente auf Atomgröße geschrumpft haben, lassen sich solche Übergänge nicht mehr konstruieren." Also noch ewig hin, könnte man denken. Nein, 2020 ist es so weit, schätzt Mikolajick.

Wo die herkömmliche Elektrotechnik an Grenzen stößt, fängt die Arbeit des Nanoforschers und seiner 56 Kollegen erst an: Sie sind auf der Suche nach neuen Speicherformen jenseits allen bisher Gedachten. Eine bunte Truppe hat sich da zusammengefunden: IT-Experten, Softwareentwickler, Elektroingenieure, Chemiker, Biologen. Gemeinsam bilden sie das Center for Advancing Electronics Dresden , den kommenden, so hoffen sie, Exzellenzcluster der Technischen Universität Dresden . Eine der Trumpfkarten der Sachsen , wenn im Juni zum letzten Mal Deutschlands forschungsstärkste Unis gekürt werden.

Vor allem aber ist es ein faszinierendes Forschungsabenteuer, zu dem Mikolajicks Truppe aufgebrochen ist: Sie kennen das Ziel, wissen aber nicht, welcher Weg sie hinführen wird. Weshalb sie gleich sieben davon definiert haben, einer ausgefallener als der andere. Sie wollen zum Beispiel die DNA aus Zellen herausschälen, die verschlungene Strukturen weit unterhalb der von Menschen formbaren Dimensionen bildet, mit einem Metall beschichten und so als elektronischen Baustein nutzbar machen. Es wäre ein gewaltiger Durchbruch, wenn ihnen das gelänge.

Dass er in Dresden geschähe, wäre weniger sensationell. Schritt für Schritt hat sich die TU zu einer der führenden deutschen Hochschulen aufgeschwungen und gilt mittlerweile als einer der Topfavoriten im Rennen um den begehrten Status einer "Eliteuniversität". Schon in der ersten Runde der sogenannten Exzellenzinitiative 2006 war sie die einzige ostdeutsche Uni, die zwei Förderanträge – einen für einen Exzellenzcluster, einen für eine Graduiertenschule – durchbrachte.

Beim Wettstreit um die Elite-Titel scheiterten allerdings auch die Sachsen. Doch im Gegensatz zur Berliner Humboldt-Uni, deren damaliger Präsident sich in die ostdeutsche Schmollecke zurückzog, entschieden sich die Dresdner für die Flucht nach vorn: Eigentlich, so lautete ihre selbstbewusste Botschaft, sei man längst reif für den Exzellenzstatus. Wenn nur die sächsische Ministerialbürokratie mit ihren ganzen Vorschriften nicht wäre! Sprachen es – und zündeten trotzig die nächste Stufe ihres Aufstiegsprogramms.

Die Bilanz ist beeindruckend: Zwischen 2005 und 2010 haben die TU-Wissenschaftler die Summe der jährlich eingeworbenen Forschungsgelder um über 100 Millionen Euro gesteigert – ein Plus von 98 Prozent. Eine ähnliche Dynamik gab es bei den Publikationen: Ihre Zahl wuchs zwischen 2001 und 2009 um 37 Prozent; unter den führenden deutschen Technischen Universitäten ist sie damit von Platz 4 auf Platz 2 vorgerückt – hinter München , aber vor den Exzellenzuniversitäten Aachen und Karlsruhe. Bei der Zahl der Patente liegt die TU Dresden sogar an der Spitze.

Statistiken, die Hans Müller-Steinhagen in letzter Zeit häufiger herunterbetet . Er hatte viel Besuch hier oben im ersten Stock des Rektoratsgebäudes: Gutachter, Politiker, Journalisten. Sie alle gilt es zu überzeugen, wenn man Elite-Uni werden will. Früher residierte in der Villa eine Studentenverbindung, die Kacheln im Treppenhaus erzählen die Geschichten fechtender Studenten mit Kappen und Trinkhumpen. Das ist die Vergangenheit. Die Zukunft wirft der Rektor mit dem Beamer an die Wand. Jede Menge beeindruckende Diagramme. Fragt man ihn, was abseits der Kennziffern das Geheimnis der Dresdner ausmacht, sagt er: "Das hat vor allem mit ein paar klugen Leuten zu tun, die schon vor Jahren die Weichen richtig gestellt haben."

Mehr Drittmittel, mehr Publikationen

Ein uneitler Satz für einen Rektor, der sich in kurzer Zeit den Ruf eines versierten Hochschulmanagers erarbeitet hat – der 58 Jahre alte Maschinenbauingenieure ist erst seit August 2010 im Amt. Für einen, der die von seinem Vorgänger Hermann Kokenge eingeleitete Modernisierung geschickt weiterführt – mit einem Ausmaß an Diplomatie, das sogar die verbliebenen Exzellenzgegner weitgehend ins Boot geholt hat. Womöglich aber sind es eben Sätze wie diese, die mehr über den Erfolg der Dresdner verraten, als all die komplizierten Konzepte, die sie natürlich auch entworfen haben, es je könnten. "Wir haben einen kooperativen Geist", sagt Roland Sauerbrey. "Keiner zieht den anderen über den Tisch, wir verfolgen unsere Ziele gemeinsam."

Sauerbrey ist Wissenschaftlicher Direktor des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf , eines Komplexes aus DDR-Betonwürfeln und modernen Glasbauten mitten im Wald. Zwischen Forschungszentrum und TU liegen 20 Kilometer und eine trödelige Busverbindung. Doch im Kopf von Sauerbrey sind sie sich ganz nahe. Der 59-jährige Physiker ist einer der klugen Leute, die Müller-Steinhagen meint. Als Dresden all die neu gekürten westdeutschen Elite-Unis an sich vorbeiziehen sah, haben sie sich zusammengesetzt und analysiert, warum die bekamen, was ihnen versagt blieb. Das Ergebnis: "Die haben ihre Zusammenarbeit mit der außeruniversitären Forschung als etwas ganz Neues verkauft."

Das hat die Runde gewurmt, pflegen sie hier doch schon seit vielen Jahren das, was sie anderswo erst mühsam, dafür aber mit viel Tamtam aufbauen mussten: ein gut funktionierendes wissenschaftliches Netzwerk von vier Fraunhofer-, drei Max-Planck- und drei Leibniz-Instituten, einem Helmholtz-Zentrum, zwei Museen, der Landesbibliothek und der TU. Aber eben ein inoffizielles. Diese Erkenntnis der damaligen Runde aus Institutsdirektoren und Uni-Rektor Kokenge war die Geburtsstunde dessen, was heute als "Dresden Concept" das Rückgrat der Dresdner Exzellenzbewerbung bildet. "Man darf eben nicht nur gut sein, man muss es auch zeigen", sagt Sauerbrey.