Frauen bereichern sich weniger? Nicht die weiblichen CEOs in den USA. Die verdienten im Jahre 2009 rund 43 Prozent mehr als der Durchschnitt ihrer männlichen Kollegen.

Frauen bilden weniger Seilschaften? Nicht jene Frauen, die in Norwegen "Goldröcke" genannt werden: Sie wurden durch eine gesetzliche Quote in die Verwaltungsräte gehievt, wo sie seither ein enges, lukratives Netzwerk bilden.

Solche Befunde dürfen nicht als Kritik missdeutet werden oder als Retourkutsche gegen Frauen. Nein, es sind gute Nachrichten. Sie unterwandern die Illusionen von der Geschlechterdifferenz. Männer und Frauen nutzen Gelegenheiten, suchen ihren Vorteil, sichern ihre Macht, streben nach Reichtum und booten andere aus, unterstützen oder traktieren einander – was auch sonst?

Die einzig plausible Einsicht, die aus den Gender-Wissenschaften zu ziehen ist, hat die Münchner Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken kürzlich in einem Interview im Philosophie Magazin eher beiläufig gezogen: "Es gibt keine Natur." Männer haben keine, Frauen auch nicht.

Doch wo Natur nicht wirkt, wirken Worte. Deshalb hat der Sermon vom bösen Mann Auswirkungen. Deshalb ist es nicht gleichgültig, dass wir das antimaskuline priming tagtäglich vollziehen.

Seit 200 Jahren werden Männer unter dem Verdacht ihrer "Unmoral" sozialisiert. Das hinterlässt Spuren. Und schafft Gelegenheiten. Nach mehr als einem Jahrhundert ethischer Entkernung von Männlichkeit konnten die großen Vernichtungsbewegungen des 20. Jahrhunderts, Faschismus und Stalinismus, auf einen Fundus hinreichend demoralisierter Männer zurückgreifen – zumindest solcher, die in völliger Verrohung keinen Widerspruch zur kulturellen Beschreibung ihrer selbst sahen.

Im Kleinen werden Männer bis heute zum Kalkül genötigt, wie schlecht ein Mann sein muss, um ein guter Mann zu sein. Wie viel Devianz muss er aufbringen, damit er als echter Kerl gilt? Polizisten, Staatsanwälte und Richter haben sich längst darauf spezialisiert, die jeweilige Klischeetreue von Männern und Frauen zu prämieren: "Wenn das Strafrecht ein Geschlecht hat, und bei der Strafzumessung könnte dies der Fall sein, dann privilegiert es Frauen", schreibt die Kieler Rechtsphilosophin Monika Frommel. Der Mainzer Jura-Professor Michael Bock konstatiert, die "selektive Behandlung und Diskriminierung" von Männern werde "kulturell als durchaus normal" angesehen, löse also keine Verwunderung aus. Und er zitiert einen Polizisten, der schildert, wie nach einem Einsatz bei tätlichen Ehestreitigkeiten verfahren wird: "Natürlich nehmen wir den Mann mit." 

Kaum jedenfalls war die Idee der verworfenen Männlichkeit aufgekommen, wurden praktisch nur noch Männer bestraft, Frauen dagegen entkriminalisiert. Die Historiker Deborah Little und Malcolm Feeley sprechen vom mysteriösen und kaum erforschten "Verschwinden der Frauen" aus der Kriminalstatistik. Heute stellen Frauen nur rund fünf Prozent aller Gefängnisinsassen in Deutschland, eine weltgeschichtliche Minimalquote, in vormodernen Zeiten waren regelmäßig 30 bis 60 Prozent der Tatverdächtigen und Häftlinge weiblich. Worüber sagt unsere Gefangenenquote mehr aus: über Männer – oder über unsere Angst von der gefährlichen Männlichkeit?

Als Beate Zschäpe, Mitglied des Mordtrios Nationalsozialistischer Untergrund, im November 2011 verhaftet wurde, räsonierten etliche Kommentatoren darüber, ob eine Frau zu solchen Taten wirklich in der Lage sei. Oder ob sie nur verführt worden war – von den männlichen Tätern. Schon zu Zeiten der RAF betrachtete man die Fahndungsplakate mit den Fotos der TerroristInnen so schaudernd wie ungläubig. Frauen wurde und wird eben nicht das volle Maß moralischer Verantwortlichkeit gewährt. 

So schaden das Wort von der hässlichen Männlichkeit auch den Frauen. Die geringe Neigung, Vorstandsposten und andere Top-Positionen mit Frauen zu besetzen, dürfte nicht darin begründet sein, dass Frauen fachlich schlechter sein könnten. Nein, womöglich gelten sie als moralisch zu gut. Und damit als unbegabt für jene Kaltblütigkeit, die ein Konzernchef braucht, um notfalls eine mittlere Kleinstadt von Angestellten zu entlassen.

Dabei ist diese Besorgnis unbegründet: In Russland besetzen Frauen knapp die Hälfte aller Führungspositionen, und von Verweichlichung ist dort ebenso wenig zu spüren wie in der stark feminisierten Finanzbranche Hongkongs (übrigens, liebe Ausputzfrauen, dort sind die Renditeanforderungen und Risiken so maßlos wie im Männerrudel der Deutschen Bank). 

Eine wissenschaftliche Befragung von Lehrern, Sozialarbeitern, Jugendhelfern und Medizinern ergab, dass deren "Beschreibung von Männlichkeit(en)" durchgängig "latent oder ganz offen negativ bzw. mit Abwertungen versehen wurde" – und zwar in einem Ausmaß, das die Forscher Reinhard Winter und Gunter Neubauer 1998 als "erschreckend" bezeichneten. Ob die Pädagogen mit dem Düsterbild von Maskulinität eine Ausnahme bilden oder eher im Konsens liegen, blieb unerforscht.

Bekannt ist hingegen, dass Eltern ihren Söhnen ein deutlich engeres geschlechterspezifisches Verhaltenskorsett anlegen als ihren Töchtern. Die Geschlechtergrenzen würden bei Jungen viel strenger "patrouilliert", fasst Cordelia Fine den Wissensstand zusammen, während Mädchen zum Überschreiten ihrer Grenzen "ermutigt" würden Töchter als Spielplatz-Rabauken – prima! Söhne in Ballettröckchen – wehe! Eltern verspürten bereits bei Kindergartenjungs die Notwendigkeit, deren angemessene Gender-Performance mit harter Hand zu überwachen, schreibt Fine, weil richtige Maskulinität als etwas erachtet werde, in das Arbeit investiert werden müsse.

Steckt darin der überkommene Impuls, die "gefährlicheren" Jungen an die Kandare zu nehmen? Und steckt in dieser Kandare zugleich die unterschwellige Aufforderung an den Sohn, dann bitte auch den Gefährlichen zu geben und das Problematische im Männlichen hinreichend zu inszenieren? Es soll doch kein Zweifel aufkommen an seiner Männlichkeit! 

Wir wissen es nicht, weil unter diesem Blickwinkel nur lückenhaft geforscht wird. Stattdessen herrscht ein großes Zögern, auch Jungen als Produkte ihrer Umwelt zu beschreiben. Eine der renommiertesten deutschen Bildungsforscherinnen, Hannelore Faulstich-Wieland, die einige aufschlussreiche Studien veröffentlicht hat über die Interaktions-Feinheiten, die Mädchen bei den Naturwissenschaften ins Hintertreffen geraten lassen, empfiehlt, Jungen sollten sich zur Überwindung ihrer Leseschwäche schlicht mehr "anstrengen".