Jesus wollte keine Rechthaber

Wir Protestanten haben den Papst noch nie gebraucht. Die Urchristen brauchten ihn nicht, der Apostel Paulus brauchte ihn nicht, und Jesus brauchte ihn schon gar nicht. Christus hat keinen Menschen für unfehlbar und alle für vergebungsbedürftig gehalten. Er würde sich wundern über eine Institution, die das Rechthaben in seinem Namen für sich in Anspruch nimmt: in seinem Namen Männern das Heiraten verbietet, Frauen vom geistlichen Amt fernhält, in seinem Namen mit Diktatoren Konkordate schließt, kluge Denker knebelt und Aids-Kranken die Verhütung untersagt.

Das Papstamt ist eine überkommene Einrichtung aus einer längst versunkenen Zeit. Erst 2007 verkündete der Vatikan allen Ernstes, dass auch ungetaufte Kinder in den Himmel kommen könnten. Danke schön! Das Papsttum erinnert an die britische Queen, deren Amt auch völlig inhaltsleer ist, deren pompöse Zeremonien sich aber immer noch an Millionen von Fernsehzuschauern verkaufen lassen.

Der aktuelle Papst, der Bayer aus Altötting, ist ein besonderes Kreuz für seine Kirche. Er ignoriert die evangelischen Christen. Er demütigt all die leidenschaftlichen Katholiken, die ihre verkrustete Kirche mit großer Hartnäckigkeit von unten reformieren wollen. Er missachtet die Frauen, die seit Beginn des Christentums der wahre Fels sind, auf dem die Kirche steht. Er verurteilt die Befreiungstheologen in Süd- und Mittelamerika, die das Christentum als politischen Auftrag lesen. Lieber beschweigt er das politische Unrecht. Er kappt alle Religionsdialoge, die sein Vorgänger so mühsam eingefädelt hat. Dafür hat er ein Herz für Holocaust-Leugner in den eigenen Reihen.

Also: Niemand braucht diesen alten Papst mit seiner Altmännerkirche. Nur der noch ältere kubanische Tyrann Fidel Castro braucht ihn noch. Zum Händchenhalten beim Sterben.

Sabine Rückert

Er reißt unser Herz auf

Ich zucke immer innerlich zusammen, wenn mir freundliche Menschen noch vor dem Karfreitag "Frohe Ostern" wünschen. Dabei ist das Andenken an die Kreuzigung Jesu doch eine unfrohe Angelegenheit. Zwar glaube ich weder an das Kreuz noch an die Auferstehung, ich bin aber katholisch getauft. Wer wie ich des Glaubens wegen aus der Kirche ausgetreten ist und nicht der Kirche wegen, der wird sie nicht los, die Gemeinschaft der Gläubigen, und er will es auch nicht. Sie bleibt ein Referenzpunkt des Fühlens und Denkens, eine Heimat.

Den Papst als das Oberhaupt dieser Kirche zu akzeptieren ist mir nie schwergefallen, und die Vorstellung, es gäbe keinen mehr, finde ich ungeheuer. Ich zähle mich zur Generation JP2. Mehr als ein Vierteljahrhundert war Johannes Paul II. Papst, und was er zur Befreiung Osteuropas beigetragen hat, steht mir größer vor Augen als seine Ansichten zur Empfängnisverhütung.

Papst Benedikt XVI. sah ich im Sommer 2005 auf dem Rhein in Köln, wir standen am Ufer und winkten. "Reißt euer Herz weit auf für Gott!", rief er vom Schiff hinüber. Manche taten’s. Sechs Jahre später erfuhr ich nach dem Tod eines Freundes, dass er, ein ebenso leidenschaftlicher Jurist wie Karnevalist, sich unter dem Eindruck des Papstbesuches dem Opus Dei zugewandt hatte – Zeichen und Wunder!

Mir reicht es zu hören, was Benedikt sagt. Wann ist im Bundestag jemals so tiefschürfend über die Quellen unseres Rechts gesprochen worden wie im letzten September, als der Papst dort den Beweis herleitete, "dass wir in dieser selbst gemachten Welt im Stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen"? Und kann man das Ziel der Globalisierung schöner beschreiben als mit Benedikts Wort von der "Einheit der Menschheitsfamilie und ihrem Voranschreiten im Guten"?

Rüdiger Jungbluth