Die Weltpresse kennt viele tolle Enten. Die tollste Ente von allen aber ist »die gefesselte Ente« von Paris beziehungsweise, da die Ente in der französischen Sprache ein durch und durch männliches Tier ist, Le Canard enchaîné . Das Satireblatt quält Frankreichs Mächtige in Politik und Wirtschaft und reizt sie bis aufs Blut. »Seit fünf Jahren«, beklagte sich zum Beispiel Premier François Fillon kürzlich in einer Fernsehdebatte, »schreibt mir Le Canard Sachen zu, die ich nie gesagt habe. Ich weiß nicht, wie diese Zeitung funktioniert, wer sie informiert, es passiert immer wieder.« Was war geschehen? Offensichtlich sehr zum Ärger von Fillon , der im Wahlkampf den loyalsten aller Sarkozyaner gibt, im privaten Kreis aber seine Zweifel am Präsidenten nicht verhehlen konnte, hatte Le Canard mal wieder mitgeschrieben.

Der Enterich ist eben mehr als nur ein Satireblatt. Jeden Mittwoch, wenn er erscheint, zittert Paris. Auf seiner besonders indiskreten Seite 2 veröffentlicht er die bösesten Bemerkungen, konspirativsten Gedanken und intimsten Träume der französischen Politik. Zitate aus dem Mund des Präsidenten, des Premiers, der Minister, von Abgeordneten und führenden Gestalten der Opposition landen auf La Mare aux Canards, dem »Ententeich«. Es ist wahrscheinlich die meistgelesene Zeitungsseite der Republik, ganz sicher aber die meistgefürchtete innerhalb der politischen Klasse. Es kam schon vor, dass ein Minister hier von seiner Entlassung erfuhr.

Dabei gibt sich der Canard ganz unscheinbar: acht Seiten in Schwarz-Weiß, ein kleinteiliger, delikat verrümpelter Umbruch, verstreute Karikaturen, und wenn mal ein Foto, dann in kultiviert schlechter Qualität. Und doch, was für ein Erfolg! 500.000 Exemplare beträgt die Auflage. »Sie müssen sich nur am Dienstagabend die Parade der Boten anschauen«, sagt Redakteur Jean-Michel Thénard. »Die kommen direkt zum Verlag, holen die druckfrischen Exemplare ab und bringen sie ins Ministerium. Alle wollen sie den Canard noch am Vorabend des Erscheinungstags lesen. Ich kenne keine andere Zeitung hier, der so etwas passiert.«

Eigentlich sind Le Canard drei Zeitungen in einer: eine politische, eine feuilletonistische und eine satirische. Es gibt die knallharten Enthüllungsgeschichten. Es gibt aber auch ironische Kommentare, und es gibt böse Satiren, wie das »Tagebuch der Carla B.«, in dem sich der Enterich über die Ambitionen der Präsidentengattin lustig macht.

»Die Pressefreiheit geht verloren, wenn man sie nicht nutzt«, lautet die Maxime der Zeitung. Der Schlüssel zu dieser Freiheit ist allerdings die finanzielle Unabhängigkeit. Le Canard gehört zu keinem Konzern. Im Gegensatz zu den meisten anderen französischen Gazetten trägt er sich selbst, ja er macht einen gewaltigen Gewinn – und das ohne eine einzige Anzeige, allein durch den Verkauf; 1,20 Euro kostet die Ausgabe. Mit einem Eigenkapital von 109 Millionen Euro, einer Liquiditätsreserve von 48 Millionen Euro und einer Umsatzrendite von etwa 23 Prozent (was fast einer Monopolrendite entspricht) ernährt er wahrlich seinen Mann. 57 Mitarbeiter, darunter 22 Redakteure und ein Dutzend Zeichner, zählen Verlag und Redaktion, mit Sitz an der luxuriösen Rue Saint-Honoré im 1. Arrondissement. »Wir sind reich, nicht weil wir reich sein wollen«, sagt Vorstandsmitglied Nicolas Brimo, »sondern weil es die Conditio sine qua non unserer Unabhängigkeit ist. Le Canard darf keine Zeitung sein wie jede andere.«

Eine Zeitung wie keine andere – das war das Motto von Anfang an. Ihr Gründer ist der 33-jährige Journalist Maurice Maréchal; am 10. September 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, erscheint die erste Ausgabe. Der Leitartikel klingt wie ein Manifest. Unter dem lautmalerischen Titel Coin! Coin! Coin! – »Quak! Quak! Quak!« – verkündet Maréchal sein tollkühnes Programm: »Le Canard Enchaîné wird nach sorgfältiger Prüfung ausschließlich falsche Nachrichten drucken. Jeder weiß, dass die französische Presse, ohne Ausnahme, seit dem Beginn des Krieges nur Nachrichten brachte, die schonungslos stimmten. Nun, das Publikum hat genug davon! Das Publikum will falsche Nachrichten, zur Abwechslung. Es soll sie bekommen.« Canard hat im Französischen dieselbe Nebenbedeutung wie Ente im Deutschen, bedeutet ironischerweise aber auch Zeitung ganz allgemein, weshalb der Vogel schon im 19. Jahrhundert von manchem Pariser Humorblatt zum Wappentier gewählt wurde.

Maurice Maréchal kommt ebenso wie der Hauptzeichner Henri-Paul Gassier aus dem linken, pazifistischen Milieu. Mit Entrüstung, mit Verachtung schließlich haben sie beobachtet, wie schnell sich Frankreichs Linke nach 1914 dem Chauvinismus hingab und wie leichtfertig die wichtigsten Zeitungen der Hauptstadt (Le Petit Parisien, Le Matin, Le Journal, Le Petit Journal) ins Hurra-Geschrei der Nationalisten einstimmten und zu Propagandablättern herabsanken. Dagegen, gegen den allmächtigen Geist des Krieges, will der Canard kämpfen, und gegen die omnipräsente Zensur.