Worte zum Tod von Ivan Nagel werden wie von selbst zu einer Laudatio auf sein denkwürdiges Leben, Denken und Schreiben. Noch der Nachruf ist ein Wagnis, denn er war selbst einer der vortrefflichsten Laudatoren im Land. Über sich selbst sprach er höchstens in Interviews, aber gern über anderes und das so, wie kaum ein anderer es kann. Er war ein fordernder Schreiber, ein subtiler Denker, ein Themensetzer und Satzkünstler, ein eleganter Vorleser, auch: eine auratische Person.

Als Ivan Nagel, der zu Hitlers Zeiten unter getarntem Namen leben musste, 1948 aus dem kommunistischen Ungarn in die Schweiz, nach Paris und dann ins inzwischen ruinierte Deutschland floh, begann das deutsche Theater gerade mühsam seinen Wiederaufbau. Der siebzehnjährige Nagel suchte hier nach der Bildung seines Geistes, bald ergriffen von der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts. Was für die Generation vor ihm Max Weber war, wurde dem jungen, nun staatenlosen Studenten in Frankfurt Theodor Adorno: ein Wegweiser zum Denken, Hinterfragen, Erkennen und Benennen.

Man nahm Ivan Nagel zum ersten Mal wahr Ende der fünfziger Jahre. Damals trat er ein in die Kunstszene der Bundesrepublik; in der zwar kurzlebigen, aber anspruchsvollen Deutschen Zeitung schrieb er Theaterkritiken. Sein Weg begann also wie der von Hermann Sinsheimer: mit der Kritik von Theateraufführungen. Noch nicht: von Theater. Über Theater kann/darf man erst schreiben, wenn man begriffen hat, was Theater in einem gesellschaftlichen Körper zu sein hat. Schon um Ivan Nagels frühe Rezensionen war eine besondere Aura. Sie erschienen immer ein paar Tage später als die der Kollegen. Was als frühes Zeichen von elitärer Sonderung erschien, begründete sich mit Durchdenken und ausgewogenem Formulieren. Dieser Kritiker schrieb fern vom gehetzten Deutsch der Tageskritik. Seine Eindringlichkeit und sein sensibles Nachfragen prägten uns früh seinen Namen ein. Es war nicht überraschend, dass bald das Theater nach ihm griff. Das Theater braucht Menschen, die es be- und durchdenken und seine Möglichkeiten sehen. Ivan Nagel kam 1962 – wohl durch Vermittlung Fritz Kortners, der seine Rezension über Timon von Athen gelesen hatte – in die Dramaturgie der Münchner Kammerspiele.

Das Theater hat szenische Bilder in die Gesellschaft zu bringen, in der sie sich erkennt: abwehrend, zustimmend, bedenkend, erschreckend, bestätigend. Theatermachen ist: Arbeit am privaten und öffentlichen Bewusstsein. Ivan Nagel sagte es einmal zarter und menschlicher: "Jeder Aufführung ist aufgetragen, dass in unserem Kopf und Herzen etwas Unwiederbringliches geschieht." Er spürte das Außerordentliche erst in den Augen, dann in der Reflexion. Er brauchte und lebte in Bildern, weil er in ihnen die Gedanken entdeckte.

Ein Moment machte ihn sichtbar für die Öffentlichkeit. Es war der 30. März 1969. Ein junger Regisseur an den Kammerspielen in München, rausgeschmissen von seinem Theater aus politischen Gründen – Geldsammlung für den Vietkong –, anscheinend ein linker Kerl, inszenierte in Bremen Torquato Tasso von Goethe. Der Regisseur hieß Peter Stein. Es war ein gespannt-gereizter Abend. Auf der Bühne erschien kein idealisierter Dichter Tasso, sondern ein armer Hund, benutzt zum Ruhm des Fürsten, umschwärmt von süß girrenden Damen. Die Inszenierung, plexiglasumstellt, demonstriert Missachtung und Demütigung des Künstlers. Das Stück ist gegen alle Gewohnheit inszeniert, aber mit einem fast lüsternen ästhetischen Anspruch auf Schönheit wieder genießbar gemacht. Die Kluft zwischen Befremden und Attraktion schürt die Unruhe im Publikum. Was geschieht hier? Selbst die Schauspieler waren unsicher, was sie da machten. In der Pause heftige Diskussion im Zuschauerraum, Unruhe, Gegenstimmen, der Abend stand auf der Kippe. Da stand einer auf, redete ins Publikum: Man nehme hier Teil an einer außerordentlichen Aufführung. Man möge aufpassen – etwas Neues beginne.

Der da aufstand, hatte zuvor den Regisseur selbst gewarnt, dieses Stück zu inszenieren. Es sei ein verschlossenes Ding, damit nichts zu gewinnen. Und nun dies! Man spürte, was in ihm vorging. Was er sagte, wendete die Gedanken im Saal. Ovationen am Schluss. Der da aufstand, war Ivan Nagel. Der Auftritt ist Geschichte. Der in der Münchner Dramaturgie verschwundene Kritiker trat wieder ins Licht. Er verließ danach das Theater in München.

Seitdem rühmte Ivan Nagel diese Inszenierung. Er rühmt sie mit Recht selbst gegen den Widerruf ihres Erfinders. Ein historisches Datum für den Umbruch im Theater. Er war seitdem auf der Seite der Neuerer. Ein Konservativer, der das kommende Neue mit- und durchdachte, ohne je ein Achtundsechziger zu werden und gewesen zu sein. Er hatte in sich ein Verlangen nach Schönheit, nach Erkenntnis und ein Gefühl für das Außerordentliche, aber auch ein Verlangen danach. Er dachte Theater jetzt nicht mehr als: "das Vertraute, Bisherige, aber möglichst gut", sondern als das Außergewöhnliche, das zu stiften sei. Als Spielen am und über den Horizont der Gegenwart hinaus. Durch Steins Tasso sah er ins Künftige. Die Schule war gut, in der er war. Und was war diese Schule? Die Schule war das Theater selbst. Gerade dort wurde er eng eingebunden in den generellen Nachkriegskonflikt des deutschen Theaters: weitermachen wie bisher, nur etwas eleganter und freier? Oder: neu sehen, neu denken?