Edip Kartal steht auf dem Soester Marktplatz und horcht. Er hört ein Klicken, wie das eines Geigerzählers. Dreht er sich nach Westen, wird das Klicken seltener, dreht er sich nach Süden, wird es häufiger. »Wenn es ganz intensiv knistert, bin ich auf dem richtigen Weg«, sagt Kartal, 30 Jahre alt und seit zehn Jahren blind. Mit seinem Smartphone testet Kartal einen digitalen Lotsen, der ihn durch die Stadt leiten soll bis zu seinem Ziel, dem Haus eines Freundes.

Weltweit finden Fahrzeuge mithilfe des Satellitennavigationssystems GPS zum Ziel – da müsste sich nach demselben Prinzip doch auch eine technische Hilfe für sehbehinderte und blinde Menschen bauen lassen. Ein Blinden-Navi. Seit Jahren wird das in der kleinen Stadt Soest in Nordrhein-Westfalen entwickelt.

Die Idee zu »Nav4Blind« mag simpel klingen, die Umsetzung hingegen ist anspruchsvoll. So genügten etwa die vorhandenen Umgebungsdaten nicht. Der Projektleiter Jörn Peters, ein Beamter des Katasteramtes Soest, sagt: »Wir brauchten einen Datensatz, der gewissermaßen ein all you can see enthält« – das komplette Straßenbild. Jeden Kanaldeckel, jede Laterne, jede Treppe. Dazu fuhr – ähnlich wie für Google Street View – ein Auto mit aufmontierter Kamera durch Soest, ausgerüstet mit einem der weltweit führenden Bilddatenerfassungssysteme, Eagle Eye .

Ein Blinden-Navi muss nicht nur mehr Details kennen als ein Auto-Navi , es muss auch viel genauer sein. »Wenn man als Blinder zwei Meter neben dem Bürgersteig läuft, kann das fatal sein. Das Nav4Blind-System muss daher mit einer Präzision von weniger als einem Meter arbeiten«, sagt Peters. GPS allein reicht hier nicht. Deshalb wurde die Satellitenpeilung mit den Geodaten der amtlichen Liegenschaftskatasterinformationssysteme und des Satellitenpositionierungsdienstes der deutschen Landesvermessung kombiniert. Dank der Verfeinerung weiß der Blindenlotse nun auf wenige Handbreit genau, wo sein Nutzer in Soest steht.

Langstock oder Blindenhund kann das System nicht ersetzen

Mit der Lokalisierung wurde ein Routenplaner für Fußgänger gekoppelt. Wie aber Fußgängern den Weg weisen, die nur wenig oder gar nichts sehen? Mehrere Dutzend Ideen probierten die Blinden aus Edip Kartals Testgruppe aus. Gesprochene Anweisungen waren zu verwirrend, schließlich ist das Gehör der Sinn Nummer eins für Blinde. Es blieben zwei Favoriten: Richtungsanweisungen mittels Klickgeräuschen oder Vibrationen. Ein vibrierendes Handy stieß schnell auf Anklang, das System ist einfach. Einmal vibrieren heißt: »auf dem richtigen Weg«; zweimal vibrieren: »zu weit links«; dreimal: »zu weit rechts«. Ganz ähnlich funktioniert die klickende Methode, die Erdip Kartal bevorzugt. »Ich werde damit unabhängiger und freier«, sagt er.

Blumenkübel, Hunde – natürlich gebe es kleinere und bewegliche Hindernisse, die das System nicht erkenne, sagt Kartal. Das »Navi für Blinde« kann also den Langstock oder einen Blindenhund nicht ersetzen, aber die Orientierungsmöglichkeiten deutlich ergänzen. Und die Umgebung ganz anders erfahrbar machen.

In Soest wird derzeit erprobt, was ein Blindenlotse noch beantworten könnte: Gibt es interessante Orte in der Umgebung? Wann fährt der nächste Bus? Die Informationen gibt es oft schon, müssen allerdings für Blinde aufbereitet werden. Neue kommen hinzu: »Guide4Blind« etwa bietet Stadtrundgänge speziell für blinde Touristen.

Offizielle App ab Mai

Anlässlich des EU-geförderten Forschungsprojekts Haptimap bauen die Soester nun ein einheitliches Datensystem auf, in das neu gesammelte Daten integriert werden können. Projektleiter Peters ist sicher, dass viel Material für künftige Blindenlotsen längst vorhanden ist: »Es muss nicht alles neu erfasst werden wie hier in Soest. Das Projekt Open Street Map etwa sammelt solche Daten in bestimmten Regionen schon.«

Von Mai an wird es eine offizielle App geben, die sich jeder herunterladen kann. Und im Juli wächst das Testgebiet, dann starten Soest und Berlin-Mitte ein gemeinsames Projekt für Blinde.