"Ich moderiere jetzt zu Hause" – Seite 1

ZEITmagazin: Herr Egner, Sie haben schon hinter sich, was Harald Schmidt jetzt bevorsteht – und demnächst vielleicht auch Ihrem alten Freund Thomas Gottschalk : den Rückzug aus dem Fernsehen. Wie war das?

Fritz Egner: Für mich war der letzte Tag, an dem ich Fernsehen gemacht habe, eine Befreiung. Nie wieder Quotendruck. Es gab bei jeder Sendung minütliche Auswertungen der Zuschauerzahlen, und die bekam der Moderator auch mitgeteilt. Das ging schon an die Nerven. Die Leute denken, das Verschwinden von der Bildfläche sei der soziale Tod. Aber das kann auch genau umgekehrt sein. In meinem Fall war es ein soziales Erwachen.

ZEITmagazin:Sat.1 hat Sie 2005 mit der Begründung vor die Tür gesetzt, Sie seien nicht lustig genug. Hat Sie das verletzt?

Egner: Ich wusste ein Jahr vorher, dass ich als Moderator der Sendung Die witzigsten Werbespots der Welt abgesetzt werden würde. Wir haben gemeinsam entschieden, noch eine Staffel zu machen und dass sie sich dann jemand Neuen suchen. Die haben mir erzählt, dass sie es mit einem Comedian probieren wollen, um einen neuen Dreh reinzukriegen. Den habe ich nicht beneidet. Ich konnte ja mein Gerede selbst nicht mehr hören nach so vielen Jahren.

ZEITmagazin: Sie vermissen also nichts?

Egner: Ich vermisse den Gehaltsscheck. Aber bekannt zu sein ist mir nicht wichtig. Ich bin in jeden neuen Job hineingerutscht. Hab immer gedacht, das machst du eine Weile, dann merken sie, dass du es nicht kannst. Aber es ging immer weiter.

ZEITmagazin:Harald Schmidt hat die Absetzung seiner Late-Night-Show nur lapidar mit "Schade" kommentiert. Glauben Sie ihm, dass er es wirklich so locker nimmt?

Egner: Ich nehme an, dem Harald ist das völlig wurscht. Na ja, gut, vielleicht nicht völlig, aber ich glaube, der sieht das recht entspannt. Der hat da keine Trennungsschmerzen. Und der Thomas hat übrigens auch nicht so viel Angst vor dem Ende, wie man denkt. Wer glaubt, dass ihn das fertigmacht, der überschätzt seinen Geltungsdrang. Wir sind schon ewig befreundet, waren gerade neulich noch in Berlin zusammen mittagessen, und er ist ausgesprochen gelassen, was die Quoten seiner Sendung "Gottschalk Live" angeht.

ZEITmagazin: Sie haben beide in den siebziger Jahren Ihre Karriere als Radiomoderator in München begonnen. Verbindet das?

Egner: Genau genommen war ich zunächst Tonstudiotechniker beim amerikanischen Truppensender AFN . Ich hatte zwar die Hoffnung, auch mal auf Sendung zu gehen, aber zunächst durfte ich nur die Wetter- und Verkehrsmeldungen verlesen. Ich habe jede Nacht im Sender geschlafen und gehofft, dass der Moderator, der die Morgensendung macht, irgendwann mal verschläft. Am Ostermontag 1977 war mein Tag dann gekommen. Der Kollege kam nicht, also bin ich ins Studio und dann auch auf Sendung gegangen.

"Als ich vom Fernsehen weg war, bin ich zur Ruhe gekommen"

ZEITmagazin: Gab das Ärger?

Egner: Die Erste, die kurz nach der Sendung im Sender anrief, war die Frau des amerikanischen Kommandeurs in Bayern . Ich hab gedacht, das war’s jetzt. Aber ihr hatte mein deutscher Akzent gefallen, sie sagte, sie wolle den "funny German" öfter hören. Mein Glück. Von dem Tag an durfte ich immer mal wieder auf Sendung. Später wechselte ich zu Bayern 3 , wo auch Thomas Gottschalk moderierte. Der war damals schon ein Star. Der nächste Schritt war dann schon Fernsehen. Das ging früher alles einfacher.

ZEITmagazin: Sie waren 56 Jahre alt, als Ihre Sendung auslief. Das ist selbst für einen Showmaster ein frühes Renteneintrittsalter. Hatten Sie einen Plan, was Sie mit Ihrem Leben anfangen könnten?

Egner: Erst mal habe ich meine Alben alphabetisch sortiert. Ich habe 20.000 CDs und 25.000 Platten.

ZEITmagazin: Und dann?

Egner: Habe ich eine Familie gegründet. Ich hatte mich immer so auf meine Arbeit konzentriert und das alles so ernst genommen, dass ich gar nicht darauf gekommen bin, privat etwas aufzubauen.

ZEITmagazin: Sie haben fast zehn Jahre "Dingsda" moderiert, eine Unterhaltungsshow mit vielen süßen pausbäckigen Kindern, und haben nie daran gedacht, selbst mal welche zu haben?

Egner: Nein, erst als ich vom Fernsehen weg war, bin ich zur Ruhe gekommen. Plötzlich hatte ich Zeit, war gelassen, und dann kam der Wunsch auf, Kinder zu haben. Ich habe jetzt eine Tochter und einen Sohn. Das ist eine ganz neue Qualität im Leben, die ich da in meiner zweiten Lebenshälfte noch erleben darf. Ich moderiere jetzt zu Hause. Da macht es viel mehr Spaß als im Fernsehen.