Der Mond liegt 60 Kilometer von Göttingen entfernt, hinter vergilbten Dörfern und geschlossenen Geschäften, in der Schleife eines stillen Flusses. Auf der Schnellstraße hinter Würgassen zeigt ein weißes Schild den Weg: »Kernkraftwerk«. Vorbei an uniformierten Wachmännern, schweren Metalltüren, grauen Wänden und in die Jahre gekommenen Sanitäranlagen führt der Weg in einen kleinen Konferenzraum. Alles wartet schon: Kaffee, Kekse und die Pressesprecherin von E.on Kernkraft.

Der Mond und die strahlende Steinwüste des Kernkraftwerks Würgassen: Dieser Tage wirken sie ähnlich weit weg. Aus dem Gedächtnis der Deutschen ist der Name Würgassen längst verschwunden. Von 1975 bis 1994 hat das Kernkraftwerk hier, in einem Stadtteil von Beverungen, Strom erzeugt. Dann kam die Stilllegung. Aus wirtschaftlichen Gründen, sagt der Betreiber. Wegen Rissen im Reaktormantel, sagen andere. Seitdem wird der Meiler zerlegt. 255.000 Tonnen graues Gestein.

Am Ende soll nur eine grüne Wiese bleiben. Zwischen ihr und der Gegenwart stehen lustige Namen: Neptunium, Americium, Plutonium, Cobalt. Mit weniger lustigen Eigenschaften: Jede Sekunde zerfallen die Atome, strahlen, ängstigen, spalten die Gesellschaft. Sie stecken in Hüllen, Wänden, Rohren und Kabeln, für eine Ewigkeit. Jetzt soll das Gruselkabinett der Chemie unter dem deutschen Erdboden verschwinden. Bis 2021 werden alle 17 deutschen Meiler das, was Würgassen heute ist: ein Kernkraftwerk im Rückbau.

Längst ist der Ruf nach dem Meister Proper unter den Ingenieuren laut geworden. Wände müssen abgewischt, Böden gesäubert und Stahlkolosse entsorgt werden. Das geht nicht ohne Hightech: Vorlesungen für werdende Rückbau-Ingenieure handeln von Kanonen, deren Kieskügelchen radioaktiven Stahl abschmirgeln. Von Trockeneis- und Laserstrahlen, die jede noch so festsitzende Strahlenkruste lösen. Von ferngesteuerten Sägen, die im kontaminierten Kühlwasser Rohre zersägen. Kurzum: von einem Traum für Technikfreaks! Aber was, wenn sich nicht genügend von ihnen finden? Scheitert der Atomausstieg dann an mangelnden Fachkräften für den Rückbau?

Es ist schwierig, einen Ortstermin zu organisieren. Wer ein stillgelegtes Atomkraftwerk besichtigen will, muss lange warten. Ein Besuch in Obrigheim? Frühestens in zwei Monaten, heißt es bei EnBW. In Mülheim-Kärlich? RWE winkt ab. In Stade? Dort mögen sie angeblich keine Journalisten mehr. Nur in Würgassen klappt es.

Hier hat man häufiger Besucher vom Planeten Erde. Delegationen der Grünen kommen, um die Wunder des Rückbaus zu erleben. Und seit Fukushima immer öfter auch Journalisten. 90 Reportagen seien hier schon entstanden, trällert Pressechefin Petra Uhlmann im Konferenzsaal. Gespielte Fröhlichkeit scheint hier Programm zu sein: Ihr Job verlangt den täglichen Spagat zwischen der offiziellen Linie von E.on Kernkraft und den bohrenden Fragen der deutschen Öffentlichkeit.

Zum Reaktorgebäude ist es nur ein Katzensprung. Ein grauer Quader, dahinter fließt die Weser. Plötzlich steht ein Ingenieur in der Sonne. Ein Hüne, durchgedrücktes Kreuz, zuversichtlicher Blick. Peter Duwe kommt eigentlich aus dem Bergbau. Dann wurde er Projektleiter bei einem IT-Unternehmen, jetzt koordiniert er den Rückbau in Würgassen. Branchenzeitschriften zufolge ein Experte, wenn es darum geht, Projektkrisen zu meistern. Das war in Würgassen offenbar nötig. Statt 700 Millionen Euro sollte die grüne Wiese plötzlich eine Milliarde kosten. Die Rücklagen des Unternehmens reichen, sagt dagegen Uhlmann.

Nuklearingenieure als Rückbauspezialisten

Aber wo sind die Rückbauspezialisten? Die Männer und Frauen, die Unterwassersägen bedienen? Wegen der Nuklearingenieure ist man angereist, und die Pressechefin schrieb per E-Mail, auf dem Rundgang werde man die Kollegen treffen.

Also rein ins Reaktorgebäude, per Lift hinunter in die Umkleidekabine. Der Journalist wartet auf sein Schließfach und bekommt einen weißen Schutzanzug. Man musste in den letzten Jahren noch mal zusätzliche Spinde anschaffen, erzählt Projektmanager Duwe. 500 Menschen arbeiteten jetzt auf der Baustelle. Als das Kraftwerk noch lief, beschäftigte der Betreiber 360 Mitarbeiter, plus Küchenpersonal und Gutachter.

100 bis 200 Ingenieure braucht man für einen Rückbau wie in Würgassen, heißt es beim französischen Konzern Areva, einem internationalen Nuklearspezialisten, der allein in Deutschland zurzeit rund 3.000 Ingenieure beschäftigt. Die meisten Fachkräfte in Würgassen haben vorher schon im Kernkraftwerk gearbeitet. Erst überwachten sie den Abtransport der Brennelemente, die in Würgassen schon 1996 zur Wiederaufbereitung nach Frankreich gingen. Danach planten die Experten den Rückbau und holten Genehmigungen ein – die mitunter Jahre auf sich warten lassen. Schließlich entfernten sie Rohre, Turbinen, Pumpen, Armaturen. Alles wurde akribisch mit Geigerzählern vermessen. Dann ging es ans Eingemachte: den Hunderte Tonnen schweren Reaktorbehälter. In Würgassen zerlegten ihn 20 Mitarbeiter innerhalb von drei Jahren in Hunderte Einzelteile. Erst 2010 wurden sie damit fertig.

Heute klafft ein riesiges Loch inmitten der Betonhöhle. Wie ein Feldherr steht Projektmanager Duwe auf einem Gerüst in der oberen Hälfte und schaut in die Tiefe. »Da kann man echt stolz drauf sein«, sagt er. Zehn Meter unter Duwe wuseln Arbeiter in orangefarbenen Schutzanzügen über den Beton.