Über die Erinnerung an die 1960 gestorbene Pianistin Clara Haskil haben sich Spinnweben aus Klischees gelegt. Die kleine, zarte Poetin. Ihre zerbrechliche Innigkeit. Ihre gläserne Anmut. Ihre vielen Leiden. Ihr Lampenfieber.

Stimmt ja alles. Aber der Mythos Haskil umfasst unendlich viel mehr als die Vision einer von Krankheiten geplagten, labilen, mit dünnen Fingern die Türen etwa zu Wolfgang Amadeus Mozarts tiefsten Regionen aufschließenden Künstlerin. Die gebürtige Rumänin hatte Pep und Spiritualität, Witz und Wagemut. Das und vieles andere kann man jetzt bei der hinreißenden Veröffentlichung eines Dokuments erleben – der Einspielung von Schumanns a-Moll-Klavierkonzert mit dem Orchester des Dänischen Rundfunks unter Rafael Kubelik aus dem Jahr 1955. Anhänger einer staubkornfreien Perfektion werden die Platte nach ein paar Sekunden vielleicht verächtlich ins Regal zurückstellen, weil dieser Live-Mitschnitt alles konserviert, was bei diesem Konzert so passiert ist. Das gilt auch für einige denkwürdige Patzer im beigefügten 2. Klavierkonzert f-Moll von Chopin.

Aber Haskil und Kubelik hatten damals andere Sorgen als neutrales, keimfreies, abgesichertes Musizieren. Ihnen ging es um die Entdeckung des leisen, diskreten Schumann, der nicht mit der Tür ins Haus fällt (wozu die einleitenden Klavierakkorde verleiten), sondern eher schüchtern Einlass begehrt. Überhaupt ist das eine denkbar unsportliche Aufnahme. Aber das hat Vorteile: Haskil und Kubelik sondieren jenseits aller Ritterlichkeitsposen die Kunst der Übergänge, des lyrischen Gegenzaubers und der Kommunikation. Der Mittelsatz klingt oft nach versonnenem Zwiegespräch zwischen klugen Leuten am Klavier oder Holzbläsern, da geht es nicht mehr um Führung, sondern ums reine Miteinander. Gelassene Demokratie: Dies ist das Motto dieser unangestrengten und deshalb so intensiv berührenden Musizierweise.

Jedenfalls ist in allen Fasern von Haskils Spiel offenkundig, dass ihr Schumanns Poesie ein Herzensanliegen ist. An leise lächelndem Charme ist sie kaum zu übertreffen, das hier erinnert nicht an den Schumann des Carnaval oder der Symphonischen Etüden, sondern der Kinderszenen. Man vergleiche sie mit dem jüngst erschienenen Mitschnitt der wunderbaren ungarischen Pianistin Annie Fischer und des Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchesters unter Joseph Keilberth von 1958. Fischer spielt ihren Schumann ungleich robuster, drängender, emphatischer. Fischer, die Zuchtvolle, zeigt ihre Sehnen, Haskil, die Nachdenkerin, zeigt ihren tiefen Blick. Das Kuriosum dieser Haskil-Aufnahme aus Kopenhagen: Ihr fehlen zwei Minuten, die wurden aus Haskils Aufnahme mit dem Dirigenten Paul Kletzki aus dem Jahr 1953 geborgt. Man merkt den Fremdimport auch dann nicht, wenn man von ihm weiß.

Mit Kubelik hat Haskil dafür den richtigen Dirigenten an ihrer Seite: Auch er mag es innig, schlendernd, auch er hasst den Biss in die Waden der Musik. Die Sporen gibt er aber schon, wenn es darauf ankommt, und davon profitiert das Finale; auch in Clara Haskil erwachen nun die Lebensgeister. Feingliedrig bleibt ihr Spiel trotzdem. Sie konnte nicht anders

Clara Haskil spielt Klavierkonzerte von Robert Schumann und Frederic Chopin, Tahra CD 736 (Klassik Center)