Verstehen Sie das, Herr Schmidt? – Seite 1

ZEITmagazin: Lieber Herr Schmidt , was empfinden Sie, wenn Sie von der Macht des Internets erfahren: Ist das etwas, von dem Sie meinen, das gehört nicht mehr zu meiner Welt; ist es etwas Bedrohliches oder etwas, das Sie neugierig macht?

Helmut Schmidt: Drei Dinge fallen mir dazu ein. Erstens: Das Internet gehört kaum zu meiner Welt. Zweitens: Ich empfinde es als bedrohlich. Und drittens: Es hat Zukunft.

ZEITmagazin: Was empfinden Sie als bedrohlich?

Schmidt: Das Bedrohliche ist der Umstand, dass die elektronischen Medien, die sich ja ständig weiterentwickeln, eine tief greifende kulturelle Veränderung mit sich bringen. Das betrifft nicht nur die westliche Kultur, nicht nur New York City oder die kleine Stadt Hamburg , sondern auch andere Kulturen auf der ganzen Welt. Wenn Sie zum Beispiel im Mittleren Osten oder im Maghreb, in Tunesien , Algerien , Ägypten oder Libyen junge Leute mit einem Handy ausstatten, dann wird das im Laufe einer einzigen Generation dazu führen, dass die Frauen sich nicht mehr zwangsverheiraten lassen und die Mädchen nicht mehr beschnitten werden. Das gilt jedenfalls für die Städte; in den Dörfern liefe dieser Prozess vermutlich langsamer ab.

ZEITmagazin: Aber das wären doch alles positive Veränderungen!

Schmidt: Das stimmt. Unbestreitbar führt das Internet auch zu positiven Veränderungen. Das Negative besteht meiner Meinung nach darin, dass das Internet zu Oberflächlichkeit verleitet, zu spontanen Reaktionen, hinter denen kein langes Nachdenken steckt: Ich habe etwas gelesen, und sofort twittere ich dagegen oder darüber, und dann womöglich auch noch in falscher Grammatik. Die elektronischen Medien führen unter anderem dazu, dass die Qualität der Mitteilung abnimmt.

ZEITmagazin: Ich staune immer wieder, dass Sie wissen, was Twittern ist!

Schmidt: Ja, das habe ich inzwischen auch gelernt.

ZEITmagazin: Sie wissen, dass es eine Reihe von Politikern gibt, die das inzwischen auch erfolgreich tun.

Schmidt: Ob das erfolgreich ist, darüber kann man streiten.

ZEITmagazin: Kann es nicht sein, dass die Oberflächlichkeit, die übermäßige Emotionalität, die Invektiven im Laufe der Zeit zumindest stark abnehmen werden? Dass sich der Kommunikationsstil im Netz erst noch entwickeln muss?

Schmidt: Er wird sich zwangsläufig weiterentwickeln.

ZEITmagazin: Also auch kultivierter werden?

Schmidt: Jein. Ich würde sagen, die Kommunikation im Internet wird sowohl kultivierter als auch noch oberflächlicher werden.

ZEITmagazin: Haben Sie denn den Eindruck, dass sich Politiker oder Journalisten, die für herkömmliche Medien arbeiten, heute vom Netz treiben lassen?

Schmidt: Das würde ich bejahen, auch wenn dieses Phänomen im Moment noch keine so große Rolle spielt. Aber der Einfluss des Internets wird zunehmen. Ein Beispiel dafür ist die Piratenpartei : Einstweilen hat sie der CDU , der SPD und den Grünen noch nichts Wesentliches weggenommen, aber ihr Stimmenanteil wächst.

 

ZEITmagazin: Manche Wähler fühlen sich bei den sogenannten etablierten Parteien offenbar nicht gut aufgehoben. Wäre es nicht die Aufgabe einer Volkspartei, diese Leute wieder zu integrieren?

Schmidt: Die Volksparteien können nicht verhindern, dass in der Gesellschaft neue Interessen entstehen, die dann auch artikuliert werden. Sie müssen das geschehen lassen – und gleichzeitig müssen sie versuchen, die Themen, die sie bisher vernachlässigt haben, in ihr Programm zu integrieren.

ZEITmagazin: Haben Sie Anfang der achtziger Jahre strategische Überlegungen angestellt, um die Wähler der Grünen doch noch für die SPD zu gewinnen? Etwa dadurch, dass man weniger auf Kohle setzt und mehr auf ökologische Themen?

Schmidt: Die sozialdemokratische Bundestagsfraktion war damals durchaus ansprechbar für ökologische Themen, aber die große Mehrheit der SPD-Anhänger war auf die Sozialpolitik fokussiert. Infolgedessen war das Aufkommen einer vierten Partei zwangsläufig.

ZEITmagazin: Nach der Vereinigung kamen die Linken hinzu, nun sind es die Piraten: Inzwischen hat die SPD gleich drei Konkurrenten!

Schmidt: Das ist eine Folge der Tatsache, dass die Mehrheit der Sozialdemokraten zu lange auf die Sozialpolitik gesetzt hat. Die Tatsache, dass es in ganz Europa einen Rückgang der sozialdemokratischen Wählerstimmen gibt, hängt damit zusammen, dass die Sozialdemokraten ihre historische Aufgabe, für die sie ein ganzes Jahrhundert lang gekämpft haben, bewältigt haben: Fast überall haben wir heute den Sozialstaat. Das ist ihre Errungenschaft, heute fehlt ihnen eine neue Aufgabe – dabei liegt die Aufgabe auf dem Tisch, die Europäische Union und ihre Institutionen zu demokratisieren.

ZEITmagazin: Außerdem machen heute auch Politiker anderer Parteien sozialdemokratische Politik.

Schmidt: Das kann man so sagen, ja. Frau Merkel macht sozialdemokratische Politik.

ZEITmagazin: Wie erklären Sie sich die Erstarrung der SPD?

Schmidt: Mit dem Lebensalter und der Lebenserfahrung, aber auch mit der gesellschaftlichen Position ihrer Mitglieder und Anhänger. Ein fünfzig Jahre alter industrieller Facharbeiter, der an einer Maschine steht und immer dasselbe tut, hält seine Altersversorgung für eine ganz wichtige Sache. Wer dagegen mit fünfzig als Angestellter im unteren oder mittleren Management eines Unternehmens tätig ist, befindet sich in einer völlig anderen Lebenssituation; er kann befördert werden. Dem ist die Rente zwar auch wichtig, aber nicht überragend wichtig.

ZEITmagazin: Wenn Sie heute noch politisch aktiv wären, würden Sie dann versuchen, die Partei zu verjüngen?

Schmidt: Ich würde versuchen, sie in Richtung auf die Konsequenzen der Überalterung und zugleich in Richtung auf Europa zu verändern. Ob ich sie verjüngen könnte, ist eine andere Frage. Die Veränderung der SPD war übrigens schon mein Ziel, als ich dreißig Jahre alt war. Ich war einer derjenigen, die die SPD für die Außenpolitik geöffnet haben und für die Deutschlandpolitik, wie man das damals nannte. Ich war auch einer von denjenigen, die sie für den Katholizismus geöffnet haben.

ZEITmagazin: Sie haben aus strategischen Gründen die SPD für den Katholizismus geöffnet?

Schmidt: Ja. Das können Sie in den vielen Vorträgen nachlesen, die ich in den fünfziger und sechziger Jahren gehalten habe. Ich habe viele Male zum Beispiel auf die außerordentliche Bedeutung der katholischen Soziallehre verwiesen.

ZEITmagazin: Für welche Themen müsste sich die SPD heute öffnen?

Schmidt: Der entscheidende Punkt ist, dass sie sich überhaupt öffnet, und zwar für alle Themen.

 

ZEITmagazin: Lassen Sie uns noch einmal zurückkommen zum Internet. Sie bekommen ja jede Woche eine Menge Zuschriften. Sind es vor allem Briefe, oder gehen inzwischen auch viele E-Mails ein?

Schmidt: Es kommen eine ganze Menge E-Mails, ich kann das nicht mehr übersehen. Ich kriege nicht mehr alle Briefe vorgelegt, weil mir das zu viel wird; immerhin bin ich im 94. Lebensjahr. Es wird also ein bisschen gefiltert. Aber alles, was ernsthaft lesenswert ist, landet natürlich auf meinem Tisch.

ZEITmagazin: Das heißt, Ihre Mitarbeiter haben den besten Überblick über Ihre E-Mails?

Schmidt: Sie haben einen ordentlichen Überblick, ja.

ZEITmagazin: Die Facebook-Seite "Helmut Schmidt" gefällt mehr als 40.000 Mitgliedern des Sozialen Netzwerks. Haben Sie sich das schon mal zeigen lassen?

Schmidt: Nee.

ZEITmagazin: Sie sind gar nicht neugierig?

Schmidt: Nee, nee. Ich warte darauf, dass die ZEIT mir davon berichtet. (lacht)

ZEITmagazin: Haben Sie denn ein Handy?

Schmidt: Ich habe kein Handy, und wenn ich eins hätte, würde ich es nicht benutzen.

ZEITmagazin: Weil Ihnen das Hören so schwerfällt?

Schmidt: Nein, weil ich keine Lust dazu habe. Ich telefoniere überhaupt nur noch selten. Wahrscheinlich habe ich das auch früher nie wirklich gern getan. Ich habe immer die Schriftform bevorzugt, und zwar die briefliche Schriftform.

ZEITmagazin: Zu Ihrer Zeit als Politiker, in der Bonner Republik, gab es nur wenige wichtige politische Medien – und oft eine Art Kumpanei zwischen Journalisten und Politikern.

Schmidt: Eine Art Kumpanei, das kann man unterschreiben. Es war wirklich eine sehr spezielle Art, die zum Teil auch zerstörerische Folgen hatte. Nehmen Sie zum Beispiel den Spiegel der fünfziger Jahre. Der zerstörte, ohne es zu wollen, das Vertrauen zwischen den Akteuren.

ZEITmagazin: Inwiefern?

Schmidt: Er zerstörte das Vertrauen in den Ernst des anderen. Durch Indiskretionen, durch Geschichten, die nicht ganz, sondern nur ein bisschen stimmten, durch vielerlei Dinge. Er zerstörte auch das Vertrauen, weil er die Autorennamen wegließ. Die einzige Ausnahme war Rudolf Augstein selbst.

 

ZEITmagazin: Würden Sie sagen, dass der "Spiegel" in der innenpolitischen Berichterstattung heute glaubwürdiger ist?

Schmidt: Ja.

ZEITmagazin: Es gab damals auch eine ganze Reihe von Korrespondenten, die über die Partei berichteten, der sie selbst angehörten.

Schmidt: Das ist ganz normal.

ZEITmagazin: Das finden Sie normal? Ist ein Journalist nicht befangen, wenn er Parteimitglied ist?

Schmidt: Mache ich auf Sie den Eindruck, befangen zu sein, nur weil ich SPD-Mitglied bin?

ZEITmagazin: Nein, aber Sie sind auch Helmut Schmidt.

Schmidt: Ich halte es für normal, dass jemand, der einer Partei angehört, seine eigene Meinung über seine Partei durchaus lesbar zum Ausdruck bringt, wenn er denn gefragt wird.

ZEITmagazin: Fühlten sich die einzelnen Medien früher sehr viel stärker einer bestimmten parteipolitischen Richtung verpflichtet, als das heute der Fall ist?

Schmidt: Das weiß ich nicht. Die FAZ von heute ist eindeutig CDU-nah aufgestellt.

ZEITmagazin: Sie ist aber immer wieder auch sehr kritisch gegenüber der schwarz-gelben Regierung.

Schmidt: Sehr kritisch, aber die Grundtendenz ist gouvernemental und konservativ. Trotzdem ist die FAZ eine gute Zeitung. Übrigens ebenso wie die Süddeutsche Zeitung .

ZEITmagazin: "Früher war alles besser" – dieser Satz überzeugt Sie nach wie vor nicht?

Schmidt: Käse. Was war denn besser? Zu unserer Zeit war vieles ganz anders, aber es war nicht besser. Auch nicht in der Politik: Nehmen Sie zum Beispiel den Verteidigungsminister Strauß oder später den Generalinspekteur Trettner. Die haben damals das Publikum regelrecht getäuscht. Das wäre heute schwieriger.

ZEITmagazin: Auch dank des Internets, weil es sofort auffliegen würde.

Schmidt: Auch dank WikiLeaks , ja.