ZEITmagazin: Manche Wähler fühlen sich bei den sogenannten etablierten Parteien offenbar nicht gut aufgehoben. Wäre es nicht die Aufgabe einer Volkspartei, diese Leute wieder zu integrieren?

Schmidt: Die Volksparteien können nicht verhindern, dass in der Gesellschaft neue Interessen entstehen, die dann auch artikuliert werden. Sie müssen das geschehen lassen – und gleichzeitig müssen sie versuchen, die Themen, die sie bisher vernachlässigt haben, in ihr Programm zu integrieren.

ZEITmagazin: Haben Sie Anfang der achtziger Jahre strategische Überlegungen angestellt, um die Wähler der Grünen doch noch für die SPD zu gewinnen? Etwa dadurch, dass man weniger auf Kohle setzt und mehr auf ökologische Themen?

Schmidt: Die sozialdemokratische Bundestagsfraktion war damals durchaus ansprechbar für ökologische Themen, aber die große Mehrheit der SPD-Anhänger war auf die Sozialpolitik fokussiert. Infolgedessen war das Aufkommen einer vierten Partei zwangsläufig.

ZEITmagazin: Nach der Vereinigung kamen die Linken hinzu, nun sind es die Piraten: Inzwischen hat die SPD gleich drei Konkurrenten!

Schmidt: Das ist eine Folge der Tatsache, dass die Mehrheit der Sozialdemokraten zu lange auf die Sozialpolitik gesetzt hat. Die Tatsache, dass es in ganz Europa einen Rückgang der sozialdemokratischen Wählerstimmen gibt, hängt damit zusammen, dass die Sozialdemokraten ihre historische Aufgabe, für die sie ein ganzes Jahrhundert lang gekämpft haben, bewältigt haben: Fast überall haben wir heute den Sozialstaat. Das ist ihre Errungenschaft, heute fehlt ihnen eine neue Aufgabe – dabei liegt die Aufgabe auf dem Tisch, die Europäische Union und ihre Institutionen zu demokratisieren.

ZEITmagazin: Außerdem machen heute auch Politiker anderer Parteien sozialdemokratische Politik.

Schmidt: Das kann man so sagen, ja. Frau Merkel macht sozialdemokratische Politik.

ZEITmagazin: Wie erklären Sie sich die Erstarrung der SPD?

Schmidt: Mit dem Lebensalter und der Lebenserfahrung, aber auch mit der gesellschaftlichen Position ihrer Mitglieder und Anhänger. Ein fünfzig Jahre alter industrieller Facharbeiter, der an einer Maschine steht und immer dasselbe tut, hält seine Altersversorgung für eine ganz wichtige Sache. Wer dagegen mit fünfzig als Angestellter im unteren oder mittleren Management eines Unternehmens tätig ist, befindet sich in einer völlig anderen Lebenssituation; er kann befördert werden. Dem ist die Rente zwar auch wichtig, aber nicht überragend wichtig.

ZEITmagazin: Wenn Sie heute noch politisch aktiv wären, würden Sie dann versuchen, die Partei zu verjüngen?

Schmidt: Ich würde versuchen, sie in Richtung auf die Konsequenzen der Überalterung und zugleich in Richtung auf Europa zu verändern. Ob ich sie verjüngen könnte, ist eine andere Frage. Die Veränderung der SPD war übrigens schon mein Ziel, als ich dreißig Jahre alt war. Ich war einer derjenigen, die die SPD für die Außenpolitik geöffnet haben und für die Deutschlandpolitik, wie man das damals nannte. Ich war auch einer von denjenigen, die sie für den Katholizismus geöffnet haben.

ZEITmagazin: Sie haben aus strategischen Gründen die SPD für den Katholizismus geöffnet?

Schmidt: Ja. Das können Sie in den vielen Vorträgen nachlesen, die ich in den fünfziger und sechziger Jahren gehalten habe. Ich habe viele Male zum Beispiel auf die außerordentliche Bedeutung der katholischen Soziallehre verwiesen.

ZEITmagazin: Für welche Themen müsste sich die SPD heute öffnen?

Schmidt: Der entscheidende Punkt ist, dass sie sich überhaupt öffnet, und zwar für alle Themen.