ZEIT: Immerhin haben Europas Regierungen ihren Rettungsfonds aufgestockt . Auf der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) soll der Rest der Welt seinen Beitrag leisten. Halten Sie das für richtig?

El-Erian: Wir brauchen starke Brandschutzmauern, weil sich Krisen sonst ungebremst ausbreiten können und auch gesündere Länder in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Europäer sollten aber noch mehr Mittel aufbieten, bevor sie die Staatengemeinschaft um Unterstützung bitten.

ZEIT: Weshalb?

El-Erian: Die Kredite an Portugal , Griechenland und Irland machen bereits mehr als 60 Prozent der insgesamt vergebenen Darlehen des IWF aus – und im Fall der Euro-Zone wurden die Regeln sehr großzügig ausgelegt. Man hat nachgegeben, weil der Druck aus Europa so groß war.

ZEIT: Der Kontinent ist für die Weltwirtschaft eben nicht unwichtig.

El-Erian: Das stimmt. Aber der IWF ist eben eine internationale und keine europäische Institution. Viele andere Länder sagen: Europa ist reich – und wird sehr viel besser behandelt, als wir früher behandelt wurden.

ZEIT: Wie viel Geld muss aufgeboten werden, um der Krise endgültig Einhalt zu gebieten?

El-Erian: Ich will das nicht quantifizieren. Und es geht auch nicht nur um Geld. Europa muss eine Richtungsentscheidung treffen, wenn ein Auseinanderbrechen der Währungsunion verhindert werden soll, das mit sehr hohen Kosten für alle verbunden wäre.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

El-Erian: Am Ende gibt es zwei Optionen. Eine besteht darin, das Modell der deutschen Wiedervereinigung zu übernehmen. Die Gesellschaft akzeptierte in Deutschland, dass der Osten über Jahre hinweg durch den Westen subventioniert wurde. Auf europäischer Ebene würde das darauf hinauslaufen, dass der Norden für den Süden bezahlt und der Süden die dringend benötigten Reformen umsetzt.

ZEIT: Was wäre die Alternative?

El-Erian: Eine kleinere Euro-Zone mit Ländern, die sich ähnlicher sind.

ZEIT: Welche Variante bevorzugen Sie?

El-Erian: Das ist eine politische Entscheidung, die nur die Europäer treffen können und sollen.

ZEIT: In Deutschland brummt die Konjunktur bislang trotz der Krise. Wie lange noch?

El-Erian: Der deutsche Boom ist das Ergebnis harter Arbeit, aber Deutschland ist gegenüber den Entwicklungen im Rest Europas nicht immun. Wir bei Pimco haben die Staaten der Euro-Zone in vier Kategorien eingeteilt: Länder wie Griechenland und Portugal , die vor enormen ökonomischen und finanziellen Herausforderungen stehen. Dann Länder, deren Voraussetzungen besser sind, die aber auch sehr viele Reformen umsetzen müssen – wie Italien und Spanien. Staaten wie Frankreich wiederum sind in einer ähnlichen Lage wie die USA : Es besteht keine unmittelbare Gefahr, aber langfristig muss reformiert werden. Und schließlich gibt es die echten AAA-Staaten wie Deutschland. Sie ernten die Früchte vergangener Reformen. Deutschland ist ein gutes Haus in einer herausfordernden Nachbarschaft.

ZEIT: Und wenn die Deutschen für ihre Nachbarn einstehen, würden dann auch hiesige Anleihen zum Ladenhüter?

El-Erian: Das nicht, denn die deutsche Wirtschaft ist stark. Aber Deutschland müsste womöglich eine Prämie in Form höherer Zinsen bezahlen, weil es stärker in die Haftung ginge.