Vermutlich lesen Sie diese Zeilen, weil Sie das Foto von George Clooney gesehen haben. Clooney in Outdoor-Kluft in einem afrikanischen Krisengebiet, nicht an einem Filmset. Was macht der da? Clooney möchte Ihre Aufmerksamkeit auf einen Konflikt lenken, den er für einen der weltweit schlimmsten hält, den die Welt nach seiner Meinung aber kaum beachtet.

Das Foto entstand im März in den Nuba-Bergen im Sudan, wo derzeit Aufständische gegen das Regime von Omar al-Baschir kämpfen. Dort hat Clooney ein kurzes Video mit sich selbst in der Hauptrolle gedreht, das am 14. März ins Netz gestellt wurde. Es zeigt, wie er Flüchtlinge trifft, Einschusslöcher, Blindgänger und Rauchsäulen am Horizont sieht und sich von Aufständischen erklären lässt, dass Khartoum einen Vertreibungskrieg gegen das Nuba-Volk führt. Seine Botschaft ist klar: Hier spielt sich ein zweites Darfur ab. Dass Clooney sich in ein Kriegsgebiet gewagt hat, machte weltweit Schlagzeilen, sein Video wurde über 300.000 Mal angeklickt.

Womöglich wären es noch deutlich mehr Klicks gewesen, hätte nicht wenige Tage zu- vor die amerikanische Lobbygruppe Invisible Children ihr "Kony2012"-Video ins Netz gestellt . Der fast 30-minütige Film über den ugandischen Kriegsverbrecher Joseph Kony und seine marodierende "Befreiungsarmee des Herren" (LRA) wurde binnen weniger Wochen etwa 100 Millionen Mal aufgerufen .

Seither konkurrieren Invisible Children und Clooney unwillentlich um die knappe Ressource der politischen Aufmerksamkeit – vor allem in den USA. Beide reklamieren, dass es sich um einmalig verheerende Krisen handelt. Kony wird auf Bildern in eine Reihe mit Adolf Hitler und Osama bin Laden gestellt. Clooney weist die Rolle des Bösen dem sudanesischen Präsidenten Omar al-Baschir zu. In beiden Videos wird, mehr oder weniger direkt, für ein militärisches Engagement der USA plädiert. Clooney wie Invisible Children beanspruchen, als Bürger einer Welt zu handeln, in der Menschheitsverbrechen nicht mehr hingenommen werden können.

Und beide Kampagnen finden politisch Gehör: Clooney konnte seine Ansichten zum Sudan unlängst bei einer Anhörung im US-Kongress und bei einer Begegnung mit Barack Obama im Weißen Haus vortragen. Invisible Children wird von US-Abgeordneten unterstützt und will nun seine Mobilisierung aus den sozialen Medien in die reale Welt tragen – mit einem weltweiten Aktionstag. Am 20. April sollen möglichst viele Menschen "Kony2012"-Poster kleben, in ihren "Kony2012"- T-Shirts Grünanlagen säubern oder an Straßenkreuzungen Autos waschen, um, so die Organisatoren, "den politischen Druck aufrechtzuerhalten".

Militärische Interventionen werden nicht durch Car-Wash-Happenings herbeigeführt. Aber die mediale Wirkungsmacht, mit der sie manche NGOs sowie politisch engagierte Unterhaltungsstars fordern, wirft Fragen auf. Wer überprüft ihre Einschätzungen und ihre Informationsquellen? Was würde passieren, wenn Barack Obama öffentlich sagte: "Sorry, Mister Clooney, Ihre Filme sind toll, aber in Sachen Sudan liegen Sie daneben"?

Nicht dass es im Sudan keine Krise gäbe. Derzeit befinden sich Khartoum und der gerade erst unabhängig gewordene Südsudan im umstrittenen Grenzgebie t in einem Krieg um Ölfelder. In diesem Kontext steht auch der Aufstand der Nuba, deren Rebellen vom Südsudan unterstützt werden und deren Zivilbevölkerung nun von Khartoum angegriffen wird. Fast die gesamte Ölförderung ist zum Erliegen gekommen – mit verheerenden ökonomischen Folgen für beide Seiten. Das größte Blutvergießen aber findet derzeit nicht zwischen Norden und Süden, sondern zwischen verfeindeten Volksgruppen im Südsudan statt. Allein 2011 hat es mindestens 2000 Tote gegeben.