ZEITmagazin: Bleiben wir beim "Energy Flow". Wie halten Sie Ihre eigene Energie im Fluss?

Sakamoto: Mit Mitte 40 kam ich zu einem Yoga-Guru, und durch ihn begann ich mich für Zen-Tai-Yoga und Makrobiotik zu interessieren. Ich stellte mein ganzes Leben um. Anstatt die ganze Nacht aufzubleiben, ging ich früh zu Bett und stand jeden Tag um 6.30 Uhr auf. Ein sehr gesunder Lebenswandel.

ZEITmagazin: Hat ein bestimmtes Erlebnis diese Neuorientierung ausgelöst?

Sakamoto: 1994 feierte ich mit einer sehr guten Freundin, einer japanischen Sängerin, den Abschluss einer Studioaufnahme. Wir waren bei mir zu Hause, haben getanzt, getrunken und uns unterhalten. Plötzlich meinte sie: Zeig mir doch mal deine Hand. Sie konnte nämlich Handlesen. Allerdings war sie sehr betrunken und dementsprechend ehrlich. Als sie in meine Handfläche blickte, rief sie: "Oh nein! Du wirst sehr bald sterben!" Ich war absolut geschockt, aber sie kannte eben diesen japanischen Yoga-Guru, und zu dem brachte sie mich. Davor war ich eher der Rock-’n’-Roll-Typ. Alkohol, Drogen und so.

ZEITmagazin: Sind Sie inzwischen ein Heiliger?

Sakamoto: Nein, nein. Ich werde nie ein Heiliger sein. Die Musik, die ein Heiliger schreibt, ist langweilig. Musik muss sexy und erotisch sein.

ZEITmagazin: Hat die neue Lebensweise Ihre Musik beeinflusst?

Sakamoto: Ich wurde mir selbst gegenüber viel ehrlicher und denke nicht mehr so viel darüber nach, was die Leute von mir erwarten. Meine Angst vor dem Tod ist weg, und ich genieße es, älter zu werden. Das hat meine Musik und meine Art zu spielen stark verändert. Stille ist ein kunstvolles Mittel in der Musik. Für mich gewinnt der Raum zwischen den Noten immer mehr an Bedeutung, nicht das Design. Komponisten wie Stockhausen oder Boulez waren darauf konzentriert, die Noten auf der Leinwand möglichst kunstvoll anzuordnen. Alle wollen coole Designer sein. Ich verstehe das, ich war auch mal so. Aber wenn man älter wird, lernt man, dass weniger oft mehr ist.