Die Baustellen auf dem Land und in der Stadt, Staudämme wie Hochöfen – sie alle benötigten noch ein Weiteres: viel Holz. Überall fällte man planlos Bäume, ganze Wälder verschwanden in kürzester Zeit. Als in den vielerorts erbarmungslos kalten Wintern das Heizmaterial knapp wurde, gingen die Bauern auf die eigenen Pflanzungen los. In einer Plantage bei Peking fielen 50.000 Apfel-, Aprikosen- und Walnussbäume.

Die Hungersnot kündigte sich früh an. Bereits im März 1958 hatten sich die Delegierten einer Parteikonferenz besorgt gezeigt. In manchen Gegenden war das Essen knapp geworden, zu viele Bauern arbeiteten an den Dämmen statt auf den Feldern. Doch Finanzminister Li Xiannian wischte die Warnungen beiseite.

Im April erfasste der Große Hunger das ganze Land. In Guangdong litten eine Million Menschen. Eltern verkauften ihre Kinder. In Hebei streiften Zehntausende übers Land auf der Suche nach Essbarem. Während des Sommers klang die Not nicht ab, im Gegenteil: Sie wurde schlimmer, und im Herbst und Winter fast überall infernalisch. Als Ministerpräsident Zhou Enlai im Dezember 1958 durch Hebei fuhr, informierte ihn Provinzchef Zhang Guozhong, dass die Musterkommune Xushui nur 3570 Kilo Getreide pro Hektar geerntet hatte: ein Viertel der im Sommer in Aussicht gestellten Menge. Xushui hungerte. Zhou Enlai sagte Hilfe zu. In vielen Fällen allerdings meldeten die örtlichen Kader die mageren Ernten gar nicht erst nach oben, da sie ihre "Rote Fahne" nicht verlieren wollten. Guten Gewissens hielten daher viele Funktionäre des staatlichen Aufkauf-Monopols an den hohen Zwangsablieferungen fest.

Die Schwierigkeiten wuchsen. Noch immer wollte die Nomenklatura nichts sehen. "Die sogenannten Getreide-Engpässe auf dem Lande haben nichts mit einem Mangel an Getreide zu tun, noch liegen sie an exzessiven staatlichen Eintreibungen", befand Zeng Xisheng, der Parteichef in Anhui. "Es ist ein ideologisches Problem, vor allem bei den örtlichen Kadern." Also wurde die Miliz in die Dörfer und Kommunen geschickt, um die festgelegten Mengen einzutreiben. Sie nahm, was da war. Maos Paladin Deng Xiaoping hatte ihr eingeschärft, so hart vorzugehen, "als ob wir uns im Krieg befänden".

Der Kurs in die Katastrophe war vorgezeichnet. Und doch: Noch im Sommer 1959 schien eine Korrektur für einen kurzen Moment möglich. Mao rief die Parteiführung zu einer mehrwöchigen Tagung in den Kurort Lushan. Marschall Peng Dehui hatte zwischenzeitlich seine Heimat Xiangtan in Hunan besucht und wusste, was sich auf dem Lande abspielte. Er war ein ungewöhnlich mutiger Mann, er kritisierte Mao offen und fand durchaus Unterstützung. Doch am 2. August holte der Despot zum Gegenschlag aus: "Das einzige Problem, das wir heute haben, ist, dass rechtsgerichtete Opportunisten eine wilde Attacke auf die Partei, das Volk und das große und dynamische sozialistische Vorhaben reiten." Er stellte die Versammlung vor die Wahl: Peng oder er.

Maos Leute blieben ihm treu. Zhou Enlai vermied es stets, sich offen gegen ihn zu stellen. Deng verhielt sich ähnlich. Marschall Lin Biao bekannte zwar in seinem Tagebuch, der Große Sprung basiere auf purer "Fantasie" und produziere nichts als "Chaos". Aber auch er wagte sich nicht aus der Deckung. Außerdem machte er sich – zu Recht – Hoffnungen, Peng als Verteidigungsminister beerben zu können. So lobpriesen sie in Lushan, einer nach dem anderen, ihren Herrn und verdammten die "rechten Opportunisten", die in der Schlusserklärung denn auch als Verschwörer gegen Partei, Staat und Volk "entlarvt" wurden.

Noch zwischen den Sterbenden wütet die Miliz

Hätte Peng sich durchgesetzt und wäre der Große Sprung abgebrochen worden, so wäre es möglicherweise bei einer Hungersnot geblieben, wie China sie bereits 1920/21 oder von 1928 bis 1930 erleben musste, mit zwei bis drei Millionen Toten. So aber hielt die Partei unter dem Großen Steuermann für zwei weitere Jahre an ihrem Kurs fest – und führte China noch tiefer in die größte Hungerkatastrophe der Weltgeschichte.