Gar nicht gut ins Bild vom starken Stück Deutschland passen Nachrichten, dass sich vor allem im nördlichen Ruhrgebiet soziale Brennpunkte entwickeln. Pünktlich zum vergangenen Weihnachtsfest schreckte der Paritätische Wohlfahrtsverband die Öffentlichkeit mit einem Armutsbericht, in dem er das Revier als "Problemgebiet Nummer eins in Deutschland" identifizierte. In einigen Städten seien 20 Prozent der Menschen armutsgefährdet. Verbandschef Ulrich Schneider warnte: "Wenn dieser Kessel mit fünf Millionen Menschen einmal zu kochen anfängt, dürfte es schwerfallen, ihn wieder abzukühlen."

In Duisburg köchelt es bereits. Arme Stadtteile wie Marxloh und Bruckhausen sind durch Schimanski-Krimis längst bundesweit bekannt. Anders dagegen Hochfeld. Hochfeld liegt genau auf halbem Weg zwischen dem Innenhafen und Rheinhausen, und in dem Stadtquartier links und rechts der Heerstraße baut sich gerade das neueste soziale Problem auf.

Georg Fobbe leitet das örtliche Stadtteilbüro der Duisburger Entwicklungsgesellschaft. Er gibt einen kurzen Abriss der Lage, und die Luftaufnahme an der Bürowand ist dabei nützlich. Hochfeld liegt im Dreieck, das der Rhein-Herne-Kanal mit dem Rhein bildet. Wenn es so etwas wie das Herzstück der deutschen Montanindustrie gegeben hat, dann war es genau hier. Erst die Kupferhütte, die alles verpestet hat, dann Stahlbetriebe und 20.000 Menschen, die vor den Fabrikmauern lebten. Es war ein reiches, pulsierendes Stadtquartier, die Heerstraße gesäumt von schmucken Gründerzeithäusern. Irgendwann wurde die Straße so eng, dass man die Gehwege unter Arkaden verlegte.

Doch dann kam die Montankrise, wer konnte, ging. Fobbe: "Hier hat eine Deindustrialisierung stattgefunden wie sonst nirgends." Die türkischen Einwanderer zogen nach und bilden jetzt mit der dritten Generation so etwas wie das lokale Establishment. Sie haben Häuser gekauft, manche Straßenzüge gehören ihnen zu einem Drittel. "Dank ihnen haben wir hier keine Leerstände, nur viel Fluktuation", sagt Fobbe. Er meint die Geschäfte in den Arkaden – Ein-Euro-Läden, Spielhallen, Möbeldiscounter, Schnellimbisse.

Viel Geld kann die Entwicklungsgesellschaft nicht ausgeben, aber man hat wenigstens die Säulen der Arkaden frisch verklinkert. Prompt haben die Hauseigentümer die Mieten heraufgesetzt, Läden mussten aufgeben, neue wurden aufgemacht.

Seit Kurzem haben die türkischen Wohnungsvermieter eine neue Klientel. Rumänen und Bulgaren genießen als EU-Neubürger Niederlassungsfreiheit, und ganze Ortschaften nutzen sie, um nach Deutschland auszuwandern. Nach Duisburg. Nach Hochfeld. Den türkischen Eingesessenen gefällt daran, dass man den Neuen Mieten abknöpfen kann, die nicht unbedingt mit dem Mietspiegel konform sind. Weniger gefällt den Hauseigentümern, dass die Neuen das Viertel nicht unbedingt attraktiver machen. Um legal zu arbeiten, benötigen sie eine Arbeitserlaubnis. Doch die Männer hängen gruppenweise in den Nebenstraßen ab. Einkommensquelle ist vorwiegend das Kindergeld. Und gleich hinter dem gewaltigen Heizkraftwerk steht der Sexxx-Palace, mit geschätzten 600 Betten das größte Bordell des Ruhrgebiets. Man sagt in Hochfeld, die Neuen bezögen auch von dort ihren Lebensunterhalt.

Die Probleme der Türken sind nicht Georg Fobbes Probleme, obwohl die Imame zu ihm kommen und sagen: "Macht was gegen die Fremden." Fobbe beschäftigt mehr, was mit den vielen Kindern wird. Die Schulen des Viertels sind schon überfüllt. Man könnte die Kinder in andere Stadtteile schicken. Dafür brauchten sie das Schoko-Ticket der Verkehrsbetriebe, um mit dem Bus zu fahren. Doch um das zu bekommen, müssten ihre Eltern eine legale Arbeit haben.

Georg Fobbe ist ein vorsichtiger Mann, politisch grün orientiert, er will nichts Falsches sagen. Er macht darauf aufmerksam, dass die sozialen Probleme in Hochfeld keineswegs durch die Immigranten allein verursacht seien, sondern erst einmal durch die Arbeitslosigkeit und den sozialen Abstieg der eingesessenen Deutschen. Und nur per Augenschein teilt sich einem die ganze Dramatik dessen, was in Hochfeld geschieht, auch nicht mit. Sie wird einem aber klar, wenn man im Kopf hat, was vier Professoren gerade über den Wandel an der Ruhr veröffentlicht haben: Sie machen darauf aufmerksam, dass sich dort dicht beieinander völlig unterschiedliche Welten entwickeln. In etlichen Stadtbezirken nördlich des "Sozialäquators", der A40, drehen sich nach ihren Erkenntnissen Armutsspiralen. Es entstünden Lebenswelten und neue Unterschichten, die von Arbeitslosigkeit und totaler Perspektivlosigkeit geprägt seien. Dort wachse eine Generation von Jugendlichen heran, die noch nie einen Menschen hätten arbeiten sehen. Und, so muss man im Fall Hochfeld wohl hinzufügen, die auch noch nie eine Schule von innen gesehen haben.