Auf Platz eins der Google-Plus-Charts: Sascha Lobo. Man könnte jetzt behaupten, wer heute noch auf Sascha Lobo hinweist, hat’s wirklich ganz verpasst. Aber weit und breit ist keine auffälligere und aktivere Figur zu finden, die mit einem solchen Ausstoß an Welterklärung an die Öffentlichkeit tritt. Lobo bloggt, redet, erklärt, twittert und kolumnet auf praktisch jeder Internetseite. Und weil das schon lange so ist und der Mann auch noch Spaß dabei zu haben scheint, immer die richtigen Sätze parat hat und damit auch noch sehr gut verdient, wird er leidenschaftlich gehasst. They love to hate him: Beneidet von seiner unmittelbaren Konkurrenz, den anderen Bloggern, verachtet von den analogen Medien, weil er ihnen die Deutungshoheit für einen wesentlichen Weltausschnitt entwunden hat, und verleugnet vom großen Publikum, das nicht gerne Teil einer Massenbewegung ist. "Lobo? Der interessiert mich überhaupt nicht, den ignorier ich schon seit Langem." In Zahlen: Wenn man bei Google "Sascha Lobo Arschloch" eingibt, kommt man auf 9.000 Treffer.

Wenn die Tagesthemen einen Gesprächspartner zum Thema Social Media brauchen, wenn die SPD auf einen Internetexperten angewiesen ist, wenn Unternehmen für ihre Managerfortbildungen ein sogenanntes Impulsreferat brauchen, immer wählen die Apparate eine Nummer: die von Sascha Lobo. Er verdient sein Geld mit unserer Unzulänglichkeit. Mit der Inkompetenz seiner Kunden.

Er macht es den Leuten aber auch nicht leicht, ihn zu mögen: Sein Markenzeichen ist ein roter Irokesenschopf. Die Frisur ginge ja noch in Ordnung, wenn er nicht stets hinzufügte, dass er sie nur aus Marketinggründen trage. Um der Wiedererkennbarkeit willen. Das ist für manche eine Form zynischer Abgefucktheit, die zu hassen leicht ist. Als 2010 sein Roman Strohfeuer erschien, begann eine Literaturrezension so: "Der Zusammenhang zwischen Frisur und Literatur ist bisher noch nicht ausreichend untersucht worden – aus gutem Grund, denn in der Regel lässt sich aus der Haarpracht (oder auch deren Abwesenheit) wenig über die Güte eines Textes ableiten. (...) Die Frisur dieses bekannten deutschen Bloggers und Twitterers, ein rotgefärbter Irokesenschnitt, ist auf dem Schutzumschlag nicht zu übersehen. So ist man bereits vor der Lektüre irritiert."

Buchmesse - Sascha Lobo über seinen Roman Sascha Lobo im Gespräch über "Strohfeuer" und die Kritik an seinem Buch

Selbstironie und Selbstrelativierung gehören immer zu Lobos Kommunikationsstrategie. Macht es jemanden eigentlich sympathischer, wenn er mit dem Unsympathischen an sich selbst gerne kokettiert? In Strohfeuer beschreibt Lobo den Auf- und Abstieg der New Economy als genau beobachtete Gesellschaftskomödie, in der er selbst als schlaumeierhafter Kotzbrocken auftritt. Er bedient dabei die von seinem Publikum unterstellten Klischees. Es macht ihn nicht sympathischer, aber es hebelt natürlich Vorwürfe aus. So etwa: Man kann niemanden noch einmal beschuldigen, nachdem er gestanden hat.

Sascha Lobo ist Mitglied im Onlinebeirat der SPD. Sich für die traditionellen Parteien einspannen zu lassen kommt in der Netzgemeinde nicht gut an. Die Nähe zur Macht ist immer verdächtig. Aber Lobo, der gefragte Mann, kann nichts ablehnen. Einen wirklichen Diskurs löste er jedoch aus, als er für Vodafone einen Werbevertrag unterschrieb. In einem Werbespot empfahl er persönlich das Unternehmen, Lobo war das Symbol der Kampagne. Nun hatte sich Vodafone allerdings auch für Sperren im Internet ausgesprochen. Ein heftiger Shitstorm entlud sich über Sascha Lobo. Und eine erste Debatte schloss sich darüber an, was ein Blogger eigentlich darf und was er nicht darf. Plötzlich diskutierte man über die Freiheit des Bloggers. Ob das ein Beruf ist und wie viel Geld damit verdient werden darf. Oder ob einen das Geldverdienen unglaubwürdig macht.

An ihm arbeitet sich eine neue Spezies ab: Der Anti-Fan

Ist Lobo ein gewissenloser Unternehmer, der für Geld alles tut und keinen Herrn verschmäht? Er selbst schreibt offenherzig: "In Zeiten von Shitstorms kann man bedeutend mehr falsch als richtig machen, deshalb berate ich Unternehmen in dieser Richtung, wenn ich einen Sinn darin sehe und Lust darauf habe (ist nicht immer so)." Für Geld macht er allerdings durchaus auch Sachen, auf die er keine Lust hat. Ungefähr alle denken so, die arbeiten. Und er, der sich wie ein Chamäleon jeder Umgebung geschmeidig anpasst und alle öffentlichen Rollen draufhat, die die Medien abfragen, saß ganz gewiss auch in der einen oder anderen Talkshow zu viel. Aber das liegt am hohen Diskussionsbedarf.

Lobo sagt: "Das Netz wirkt für jeden Absender als Rückkanal und damit als ständige Konfrontation mit dem eigenen Fehlverhalten." Alles, was gesagt wird, trifft auf einen enormen Resonanzkörper. Damit muss sich selbst der lupenreinste Demokrat auseinandersetzen. Zu allem gibt es zu jedem Zeitpunkt eine Meinung, eine Reaktion, eine Kritik, Fehlersuche, Vorwürfe, Widerspruch. Es ist die Zeit der schriftlichen Demokratie. Am Internet muss die Idee Demokratie abgearbeitet werden, dessen Erklärer so eine Art Volkskammer bilden. Repräsentanten. Thesenbringer.