Die Leuchtreklame im Schaufenster von Spillers Records, eine koffergroße blauweiße Acryltafel, ist ausgeschaltet und die Eingangstür ist verriegelt. Draußen schaut ein Mann mit Wollmütze und Kopfhörern auf die Uhr: zwanzig nach. Erneuter Blick auf die Uhr. Immer noch.

Spillers öffnet um halb zehn. Vielleicht um solchen übereifrigen Kunden am frühen Morgen etwas Abwechslung zu bieten, ist ein Teil des Schaufensters mit Ausstellungsstücken dekoriert, die von der reichen Geschichte dieses Ladens in Cardiff künden. Da gibt es Plattenhüllen aus seinen Tagen als »Phonobörse«, geführt von der Familie Spiller von 1894 bis in die 1940er Jahre. Und Tragetaschen für Singles, die wie die Leuchtreklame aus den siebziger Jahren stammen, als ein Ortsansässiger namens Nick Todd den Laden betrieb. An die jüngere Vergangenheit erinnert eine Tom-Jones-Pappfigur, die in einem T-Shirt mit Spillers-Logo steckt, ein Pflichtkauf für Stammkunden, als dem Geschäft 2010 die Schließung drohte.

Plattenläden wie dieser haben ein schweres Jahrzehnt hinter sich. Online-Streaming-Dienste, Musikdownloads, Onlineversandhandel, Raubkopien – die internetbedingten Verheerungen der Musikindustrie ziehen sich von Einnahmeeinbußen für Popstars bis in die Niederungen des Geschäfts. Besonders schlimm waren die Folgen für den Einzelhandel. Ketten, die unverwüstlich schienen, verschwanden, und von den rund 900 unabhängigen Plattenläden, die es noch vor sechs Jahren in Großbritannien gab, haben keine 300 überlebt. Dieser Niedergang war ein Ansporn für den 2008 erstmals ausgerufenen International Record Store Day, dessen Botschaft im Kern lautet: Unterstützt diese Geschäfte jetzt, oder ihr könnt Musik für den Rest eures Lebens nur noch mit einem Klick bei Amazon kaufen.

Spillers wird den fünften jährlichen Record Store Day am 21. April als weltweit ältester noch bestehender Plattenladen feiern. Vor über hundert Jahren, als der Wachszylinder regierte, wurde das Geschäft eröffnet, das sich heute unter der gesetzlosen Herrschaft der MP3 zu behaupten versucht. Was hat ein Laden wie Spillers hier noch verloren? Wie ist es, in ihm zu arbeiten oder Musik zu kaufen? Ihn zu besitzen, auf ihn angewiesen zu sein?

Es ist ein Freitag, Mitte März, und die ersten Kartons mit neuer Ware sind soeben angeliefert worden. Die Uhr zeigt halb zehn – endlich, wird der Mann unter seinen Kopfhörern denken. Ashli Todd, die Geschäftsführerin, trifft ein, um aufzuschließen.

Der erste Punkt der Tagesordnung, sagt sie, während sie das Licht einschaltet: »Wir müssen Musik auflegen, oder wir sind kein Plattenladen.« Steve Taylor, der seit über zwanzig Jahren für Spillers arbeitet, beginnt mit sanftem Folk. »Etwas, um in den Tag hineinzugleiten«, sagt er, während er sich hinter der Ladentheke auf einem Hocker niederlässt.

Um ihn herum ragen Regale auf, die bis in die letzten Winkel mit verschweißten CDs und Schallplatten gefüllt sind. In den Verkaufsständern gegenüber der Theke, im Kundenbereich des Ladens, stehen lediglich fotokopierte Hüllen der Alben – eine Maßnahme, um den Ladendiebstahl in Grenzen zu halten, wenn er sich auch nicht ganz verhindern lässt. Erst letzte Woche machte sich ein minderbemittelter Langfinger mit einer Handvoll Hüllen aus der Weltmusik-Sektion davon, allesamt Attrappen.

Ashli Todd erläutert mir einige der rätselhaften Gepflogenheiten ihres Ladens. Dazu gehören das hölzerne Ablagefach, in das Alben kommen, die nachbestellt werden müssen, oder das kleine Pappschild an jeder CD, auf dem deren Verkaufsgeschichte handschriftlich festgehalten wird. »Ich habe dieses System so übernommen«, sagt sie schulterzuckend, aber es scheint zu funktionieren. Sie fischt eine CD aus dem nächstgelegenen Regal, ein Album der aufgelösten amerikanischen Rockgruppe The Flamin’ Groovies, und entnimmt dem Kugelschreibergekritzel, dass es zuletzt Anfang 2005 verkauft worden ist. Das wird sie also im Verkaufsständer weiter nach vorn stellen müssen...

"Es gab eine ständige Warteschlange, wie beim Arzt"

Todd ist 28, schlank und hübsch, mit kühn geschorenem rotem Haar. Taylor, 43, ist kräftiger, ein Bär mit schulterlangen schwarzen Locken. Um zehn vor zehn stürzt dann noch Graf Middleton in den Laden, Spillers’ anderer Angestellter. 30 Jahre alt, hochgewachsen, bärtig und in fingerlosen Handschuhen, japst er: »Ich kann bequem zur Arbeit laufen. Beziehungsweise joggen, wenn ich zu spät dran bin.«

Zur Buße macht er Tee, um anschließend neu eingetroffene Pakete aufzuschneiden. Eines enthält Exemplare des Debütalbums von Y Niwl, einer Band aus Cardiff. Die wenigsten werden sie kennen, sagt Middleton, der ihren Sound als »instrumentellen Surf Rock aus Snowdonia« beschreibt. Die Spillers-Truppe wirbt für Y Niwl, die ihre Musik am Ort aufnehmen, und lässt ihre Platte oft im Hintergrund laufen. »Jeder Independentladen hat seine eigenen Y Niwl«, sagt Todd. Wenn sich Kunden die Mühe machen, in ein Geschäft zu kommen, ist es wichtig, dass man ihnen etwas empfehlen kann, was sie woanders nicht so leicht bekommen.

Empfehlungen sind hier das A und O. Die Mitarbeiter sagen den Kunden, wo sie hineinhören sollten, und lassen sich ihrerseits gerne sagen, was sie unbedingt ordern müssen. Immer zu Weihnachten schreiben Personal und Stammkunden ihre Best-of-Listen für das Jahr, die neben Bandplakaten und Plattenhüllen an die Wände geheftet werden. Heute ist nur eine solche Liste zu sehen. Samuel, acht Jahre alt und Sohn eines Stammkunden, fand 2011 Ron Sexsmith und die kanadische Band Destroyer ziemlich gut. »Musik ist etwas, das man mit anderen teilt«, sagt Todd.

Ein Kunde am anderen Ende des Ladens kann dem nur beipflichten. »Ich bin 47«, sagt Graham aus Caerphilly, »und dank dieser Leute hier plötzlich Captain-Beefheart-Fan. Ich werde mir heute wahrscheinlich ein weiteres seiner Alben zulegen.« Tatsächlich aber geht Graham zur Theke und fragt Todd nach Euros Childs, einem treuen Verfechter walisischer Musik. Todd muss zugeben, sein jüngstes Werk nicht vorrätig zu haben, bestellt es aber, wild tippend, sofort. Wie sich herausstellt, per E-Mail beim Musiker selbst, der antwortet, er werde am Nachmittag einige Exemplare vorbeibringen.

Todd ist nicht nur Geschäftsführerin, sondern zusammen mit ihrer Schwester Grace auch Inhaberin. Grace, die in einem Cardiffer Museum arbeitet, widmet sich nach Feierabend der Buchhaltung. Die Geschwister kauften das Geschäft vor zwei Jahren ihrem Vater Nick ab, nach einer schwierigen Zeit. Jahrzehntelang hatte sich der Laden an einem anderen Standort befunden, gerade um die Ecke, an einer belebten Geschäftsstraße namens The Hayes. In den 1980er und 1990er Jahren sei es bei Spillers brechend voll gewesen, erzählt Todd, nicht nur Stamm- und Gelegenheitskunden, sondern auch Vertreter von Vertriebsfirmen aus dem ganzen Land. »Es gab eine ständige Warteschlange, wie beim Arzt«, erinnert sie sich. So gesund war die Musikindustrie einmal.

Ihr Niedergang um die Jahrtausendwende traf mit lokalen Problemen zusammen. Neue Hausbesitzer verdreifachten die Ladenmiete. Die Straße wurde saniert, monatelang saß man auf einer Baustelle, die Schaufenster verschwanden hinter Staub. Am Ende wollte Nick Todd verkaufen, und eine Zeitlang schien es ausgemacht, dass Spillers schließen würde... Dann schlugen seine Töchter vor, den Laden zu übernehmen. Beide hatten schon jung im Laden ausgeholfen, und sie glaubten, am neuen Standort würden sie es schaffen, in einer labyrinthischen, an The Hayes grenzenden Einkaufspassage.

»Einfach der Windung der Passage folgen«, sagt Todd zu einem Kunden am Telefon. »Ja, einfach weitergehen. Weiter. Weiter.« Kurz nach dem Umzug 2010 kamen Nachfahren von Henry Spiller, dem Gründer, vorbei, um dem neuen Standort ihren Segen zu geben. Einige alteingesessene Kunden meckerten trotzdem. »Man sollte meinen, wir wären auf den Mond gezogen«, sagt Todd. Zur Besänftigung der Stammkunden lässt sie es zu, dass sich eine Staubschicht bildet, wo immer es geht. »Da wir gerade von Stammkunden sprechen...«

Breitbeinig hat sich ein Mann in mittleren Jahren vor dem Tresen aufgebaut, als wollte er so schnell nicht wieder verschwinden. »Ich bin jeden Tag hier«, bestätigt Neil Gibbs, Buchhalter in einer nahe gelegenen Bank. »Kommt mir auch so vor«, erwidert Middleton, bevor sich beide in einer intensiven Fachsimpelei über die Gitarrenarbeit der Smashing Pumpkins verlieren. Es sei der Austausch, der Spillers so besonders mache, sagt Gibbs später. »In den Ketten besteht die einzige Konversation in dem Satz ›Bitte Ihre PIN eingeben‹.«

Auch der Angestellte Middleton hat Erfahrung mit Ketten. Er arbeitete für die Kette Zavvi, bevor sie einging, und für die Kette Virgin Megastores, bevor die zu Zavvi wurde. Und obwohl Middleton ein wenig dünnhäutig auf diesen Werdegang reagiert, der ihn als einen Todesengel der Plattenläden erscheinen lässt, bestätigt er, dass einen die großen Läden nicht gerade ermutigen, zwanzigminütige Gespräche mit Kunden zu führen.

Die Mittagszeit ist vorbei, und wieder klingelt das Telefon. »Gerade sind acht Kartons angekommen«, sagt Ashli Todd. »Würde mich wundern, wenn Purpur nicht dabei ist... Ein großes in Purpur? Kein Problem. Und die mittlere Größe geben Sie zurück?«

"Es ist verdammt harte Arbeit, einen solchen Laden am Leben zu halten"

Sie geht in den Keller, ihr Warenlager. Eigentlich seien die T-Shirts nur für die Mitarbeiter gedacht gewesen, erzählt sie, aber »die Kunden fanden Gefallen an ihnen«. Also begann Spillers, sie für 12,99 Pfund das Stück zu verkaufen. »Geschäft ist Geschäft. Wir verkaufen Spillers-Einkaufstaschen, -Kaffeebecher, sogar -Strampler. Nicht weil wir stillos wären, sondern weil die Kundschaft es will und wir die Gewinnspanne bestimmen. Wenn wir den Preis eines Albums senken müssen, um mit Amazon mithalten zu können, dann verhindern diese Sachen« – sie wedelt mit einem purpurfarbenen T-Shirt in Groß – »dass wir untergehen.«

Später schlüpft Todd auf eine frühe Nachmittagszigarette aus dem Laden, vor dem sie auf einen Mann mit klobiger Brille trifft. Er heißt Chill (»oder Richard, wenn du meine Mutter bist«) und betreibt hier in der Gegend einen Club. Ashli Todd wirft einen Blick auf die Konzertkarten, die er ihr in Kommission mitgebracht hat und die, wie die T-Shirts, ein wichtiges Zusatzgeschäft bringen. Zudem kurbeln sie bequem die Verkäufe an: Kurz nach zwei betritt ein Student den Laden, um Karten für ein Wild-Beasts-Konzert zu kaufen, und verlässt ihn wieder mit Vinyl von Tom Jones, das verführerisch neben der Theke stand.

Zwei andere Studenten, Lauren und Alex, beide 19, stöbern die Regale durch. Nein, sagen sie, ziemlich entrüstet über die ihrem Alter geschuldete Vermutung, sie zögen es nicht vor, ihre Musik im MP3-Format zu bekommen. »Weil man für sein Geld einen Gegenstand mit nach Hause nehmen will«, sagt Lauren. Grundsätzlich seien sie schon Freunde digitaler Musik. Ein Streaming-Dienst wie Spotify erleichtere es, neue Künstler zu entdecken oder sicherzugehen, dass man ihre Musik wirklich mag, bevor man sie kauft.

Steve Taylor, der neben uns eine neue Kanne Tee zubereitet, findet nicht, dass Download- oder Streaming-Dienste Plattenläden in den Ruin trieben. »Unser Problem ist eher, dass Onlinehändler Ware billig über die Kanalinseln ins Land bringen können.« Auf einem Schild an der Wand sei deshalb zu lesen: »Wir zahlen Mehrwertsteuer«, und Todd erklärt mir die Anspielung auf das versteckte Schlupfloch, das es gerissenen Onlinehändlern wie Amazon ermöglicht, die Konkurrenz zu unterbieten, indem sie ihre Importe über Jersey oder Guernsey führen.

Glücklicherweise, hat Todd heute in der Zeitung gelesen, soll dieses Schlupfloch bald geschlossen werden.

Zum Feiern ist freilich keine Zeit – es ist drei Uhr nachmittags, und der Laden füllt sich. Eine Teilzeitkraft verstärkt jetzt das Team, ein 21-Jähriger mit wilden Locken namens Owain Lewis. Und plötzlich ist das Geschäft proppenvoll. »Es gibt keine Regel«, sagt Todd. »Wir können einen wirklich miserablen Dienstag haben und dann einen sensationellen Freitag... Die Unvorhersehbarkeit macht die Personalplanung zu einem Albtraum.« Doch scheinen ihre Mitarbeiter überaus glücklich zu sein. Middleton unterhält sich mit einem Kunden über die Version eines von ihm geschätzten Albums in rotem Vinyl. Lewis hat gerade die obskure Platte einer walisischen Dub-Reggae-Band für sage und schreibe 35 Pfund verkauft. »Es ist eine großartige Arbeit«, sagt Taylor. »Aber wenn du keine Musik magst oder es nicht magst, andere für Musik zu begeistern, dann kannst du es lassen.«

Kurz vor Ladenschluss kommt Mr. Spencer herein, ein Stammkunde. Der Mann, früher bei der Royal Air Force, frequentiert Spillers seit 1971. Er holt ein kleines Notizbuch aus seiner Tasche, um seine Wünsche für diese Woche durchzugehen, und während sich die Platten auf dem Tresen stapeln, spricht er leise über seine Leidenschaft für den Laden. »In der RAF war ich die ganze Zeit weg, aber ich habe mich immer darauf gefreut zurückzukommen – hierher zurückzukommen. Spillers ist ein einzigartiger Laden. Er ist... er ist... «

Unfähig zu beschreiben, was genau Spillers ist, beißt er die Zähne zusammen. Wie würde er sich fühlen, wenn es den Laden nicht mehr gäbe? »Ich wäre am Boden zerstört«, sagt er sanft. »Am Boden zerstört.«

Die Geschäftszeit vergeht wie im Flug. Euros Childs bringt die versprochenen Alben vorbei. Unglaublicherweise erwirbt ein Kunde, den keiner kennt, die neu positionierte Flamin’-Groovies-CD – zum ersten Mal nach sieben Jahren!

Zum Ladenschluss braucht Ashli Todd eine Dreiviertelstunde, bis sie alle Kunden draußen hat. »Es ist verdammt harte Arbeit, einen solchen Laden am Leben zu halten«, hat sie mir zuvor gesagt. »Wenn es nicht mehr geht? Wir sind keine Dummköpfe. Wir werden nicht unser Leben opfern, nur um den Laden bis in alle Ewigkeit am Laufen zu halten. Wenn es nicht mehr geht, geht es nicht mehr. Wir werden es probieren, solange wir können, und wirklich stolz darauf sein, dass wir es versucht haben. Aber ich liebe ihn. Ich liebe ihn.«

Halb sieben. Für heute schließt sie Spillers zu.

Im Original erschienen im britischen Guardian. Aus dem Englischen von Michael Adrian