Der deutsche Film wirkt trotz seines stetig zunehmenden formalen Könnens in der überwiegenden Masse wie eine Palette von Besinnungsaufsätzen. Der Ton der Filme scheint sich anzugleichen. In der Inszenierung regieren der flach gehaltene Ball, möglichst wenig Filmmusik und das Diktat von (oft grandioser) Authentizität in Schauspiel und Kameraführung. Im Einzelnen ist das imponierend – doch in der Menge ergibt sich ein irritierend monotoner Eindruck. Zu viel Kunst, zu viel gute Absicht? Nicht unproblematisch für die notwendigen Alleinstellungsmerkmale all solcher Filme auf dem Markt.

Der Mainstream, Film als Spaß, Film als herrlich künstlicher Glanz, Film als Spannungsexplosion, als direkte, triviale Verführung ist demgegenüber fast eine einsame Unternehmung geworden. Nur noch ein dünner Obelisk der zielgerichtet kommerziellen Filmherstellung steht in der Landschaft, umgeben von Niemandsland. Jenseits dessen blinkt das Festland des von Fördergeldern begießkannten deutschen Relevanzkinos. Und aus Publikumsperspektive gesehen, zeichnet sich so im Nebel das "Grauen" (inspiriert von dem delirierenden Colonel Kurtz aus Joseph Conrads Buch Herz der Finsternis, 1979 von Coppola als Apocalypse Now verfilmt) eines seltsam gleichförmigen Branchengesichts ab. In den indifferenten Arthaus-Regalen verschwinden ja zig deutsche Filme pro Jahr wie in einem Dunkelsack. Früher machte es Spaß, gegen ein kommerziell plattnasiges teutonisches Filmproduzieren à la Zwei Supernasen auf dem Weg zur Hölle aufzubegehren. Heute muss man vielleicht die trivialeren Formen des deutschen Kinos verteidigen, denn sie wirken wie eine bedrohte Tierart.

Die Gutmeinenden

Alle unterstützenden Maßnahmen der Branche meinen es gut. Von der Deutschen Filmakademie tapfer übertüncht, existiert dennoch ein tiefer Riss im German-Moviemaking-Gewese. Der Streit tobt entlang der oberflächlichen Frontlinien "Kommerz" gegen "Filmkunst". Hinter vorgehaltener Hand wird mit Schaum vor dem Mund über die Filme der anderen geschimpft. In Seminaren zur Urteilsbildung fragte die Akademie: "Was ist ein guter Film?" Das Resultat war eine Kategorienliste, vergleichbar mit jener ältlichen Meisterwerks-Ideologie der oben erwähnten FAS -Kritik. Barbara ist nun glücklich nominiert . Stoßseufzer. Erleichterung. Aber daneben wurden grandiose Leistungen – vor allem in den missachteten Lustspielen! – völlig ignorant übersehen.

Es fällt auf, dass die offizielle deutsche Branche auf unbehaglichste Weise die Nähe zur Berliner Republik sucht: Peer Steinbrück wird von der Filmakademie eingeladen, um Parteiprogramm-gestählten Konsensgeschmack öffentlich über Michael Ciminos Deer Hunter zu legen, über ein gewaltiges, zutiefst ambivalentes Werk der Filmgeschichte, das nichts weniger nötig hat, als mit der Brille des Pazifismus betalkt zu werden. Und entlarvend sind ja auch schon lange all die Filmpremieren-Anwesenheiten der Berliner Politiker, denn sie weisen stets sofort auf die tödliche Schwäche ebendieser Filme hin: auf ihre unverzeihliche Nähe zum korrekten Gesellschafts- oder Geschichtsverständnis. Und auf ihr selbst auferlegtes Gewichtigkeitspathos.

Klar, wir erleben gerade eine Art dickflüssige Zeitströmung, in deren kulturellem Meinungsbrei Un-Gewichtiges, Bescheideneres schnell unterzugehen droht. Einer dieser Breiproduktions-Menschen erhob sich mal während der Hofer Filmtage nach einer Vorführung und warf das – aus seiner Sicht – gnadenlose Verdikt in den Raum: "Filme, die Deutschland nicht braucht!" Dies ist aber ein hohes Lob. Denn Deutschland "braucht" inzwischen vielleicht genau die Filme, von denen die Branche und die Kritik denken, dass es sie nicht benötige. Jenseits aller Eventhuberei könnte das Schönste, das Beiläufigste, das Zweckfreieste, das Befreiendste liegen. Aber wie soll das zustande kommen, wenn im Gremieneinklang nur gefördert wird, "was Deutschland braucht"?

Das deutsche Filmwesen ist ein Streichholzgebäude von Rücksichtnahmen, eine Balance-Skulptur aus gegenseitigem Lob, verbal umsäuselt von Dutzenden von Preisverleihungen und Laudatios. Die internationalen Erfolge der letzten Jahre haben eine trügerische Selbstsicherheit aufgebaut. Man könnte nun langsam wieder sagen: Lasst die Wunden offen klaffen! Geht aufeinander los! Streitet euch! Sagt, was und wo es wehtut! Die Antwort darauf ist momentan ein Gähnen. Klaus Lemkes und Doris Dörries Anmerkungen haben nicht einmal mehr Ärger provoziert, sondern lediglich den fast neurotischen Ironiefaktor der Hauptstadtpresse beflügelt. Die einen sind zu satt für Aufregung oder Analyse. Die anderen, meist jüngeren Branchenmitglieder schweigen zu ihrer Gesamtsituation weniger aus Furcht denn aus Zeitmangel, weil sie ständig ums nackte Überleben kämpfen. Sie wissen: In einer künstlich derart überhitzten Branche kommen pro Jahr höchstens fünf von hundert potenziellen Mitkonkurrenten durch. Jahr für Jahr wird der viel zu kleine deutsche Markt aus den Filmschulen heraus mit einer Regie-Absolventenschwemme geflutet. Die Situation ist umso absurder angesichts beständiger Rufe aus den Produktionsfirmen und Sendern, dass man den Gürtel finanziell enger schnallen müsse.

Den Filmstudenten einer deutschen Hochschule rief neulich ein hoffnungsvoller Funktionär zu: "Ich verspreche Ihnen, Sie werden im Taxi immer hinten sitzen!" Wie erreicht man das? Indem man immer weniger Geld für immer mehr Filme ausgibt. Doch auf dem Verleihmarkt ist kein Platz mehr. Egal, wir machen weiter so. Und weil das deutsche Filmerleben so verdammt hart ist, vergibt der Verband der Filmschaffenden neuerdings einen "Fairness"-Preis für die nettesten Dreharbeiten. Welcome to the German future! Nicht dass daran das Geringste auszusetzen wäre. Aber wahre Leidenschaft sieht anders aus.

Filmemachen aus niederen Beweggründen

Es muss vielleicht sogar etwas wie eine neue "Vision" von möglicher Massenware her. Wo sind weltweit boomende Genres wie Fantasy im deutschen Film? Nicht existent. Trotz mindestens einem halben Dutzend erstklassiger hiesiger Romanautoren auf diesem Gebiet. Trotz einer deutschen Fantasy- und Horror-Tradition, die wie der Nibelungenschatz darauf wartet, gehoben zu werden.