Der Verlust an Trivialität ist dramatisch. Die selbst gewählte Seriosität des deutschen Gegenwartsfilms widerspricht der Sehnsucht nach Spektakel, nach brüllendem Gelächter, nach Jahrmarkts-Schock – alles Grundwesenszüge des Kinos. Negiert wird der böse, kreischende Anteil filmischen Erzählens, jener kreativ explosive Todestrieb, der stets auch zu herrlich "schlechten" Filmen führte. Und zum klassischen deutschen Unterhaltungskino gehörte immer eine provozierende Unbeschwertheit und "Falschheit" in jeder Faser. Die Lügen des alten Heimatkinos waren noch raffiniert und zugleich unbefangen. Aber seit 1990 ist dem deutschen Kino weitgehend jedwede Naivität verloren gegangen. Im Rausch der akademisierten Veredelung von formalen und inhaltlichen Absichten.

Man spürt förmlich, wie der Rand der Branchen-Luftblase zu brennen beginnt, man ahnt, dass es Zeit wäre, das Ruder herumzureißen und neben dem Staatskino ein gewissenloseres, lustbetonteres, schmutzigeres Filmen entstehen zu lassen. Tief drunten, im Unbewussten der Branche, ist vielleicht das seit der Wende allzu durchorganisierte, allzu durchkanonisierte, verschulte Verhältnis zu jedweder ausufernden Fantasie schon als eigentliches Problem erkannt. Allenthalben zu viel Struktur, zu wenig Dschungelleben.

Die heißeste, triefendste, nachgerade verzweifeltet-schönste Kinoleidenschaft findet sich bei uns heute in den Cinephilen-Blogs. Von deren Kenntnis und geschmacklichem Enthusiasmus können die deutschen Filmhochschulen nur träumen. Dort, im Web, tragen die deutschen Filmgötter allerdings ganz andere Namen als in der offiziellen Verlautbarungskultur: Es sind Regie-Ekstatiker wie Will Tremper, Alfred Vohrer, Rolf Olsen, Zbyněk Brynych, Eckhart Schmidt und Klaus Lemke. Hier ist das Reich des Verbotenen, das einst auch noch in Grünwalder Fernsehserien hausen durfte und das nun mit Stumpf und Stiel in der Förderkultur ausgerottet wird. Und wenn sich in dieser Hinsicht doch einer was traut, gibt’s gleich mächtig auf die Mütze: So wie vor zwei Jahren, als Oskar Roehlers Jud Süß im Wettbewerb der Berlinale lief, mit seiner lobgesangswürdigen Frechheit der Gudrun-Landgrebe-Tobias-Moretti-Szene am Fenster: "Fick mich, Jude!", angesichts des brennenden Berlins. Das Hauptstadt-Premierenpublikum maulte natürlich lautstark. Unter denen, die den Film dann gegen die preußische Oberlehrerei verteidigten, war vor allem Michael Althen, jener Kritiker, der dem deutschen Film am tiefsten ins Auge geschaut hat.

Von allen wilderen, spekulativeren Momenten war es bei uns immer nur ein kleiner Schritt zu deren kunstvoller Sublimierung: zu Fassbinder, Sirk, Ophüls, zu Fritz Langs Indienfilmen, ja selbst zu Veit Harlans Übermelo Opfergang – denn dort im Hochamt der Artifizialität war der deutsche Film immer ganz und gar bei sich. Diese großen Geister rufen nun auch Barbara zu: "Komm her, du bist doch eine von uns!" Petzold übersetzt die Künstlichkeit der alten Studio-Grandezza unplugged ins freie Feld. Dabei raunen alle Naturdämonen des deutschen Heimatfilms mit, die in seinen Orten hausen, in der Heide, in der Brandung des Meeres, im Wind, in den kargen Bauten. Das, wofür Barbara von den Oberlehrern belobigt wird, nämlich sein Umgang mit DDR-Hinterlassenschaften, erledigt er unterwegs. Mit Petzolds Yella (2007) – bildet der Film eine Art Mini-Chorus. Beide stimmen den Gruftgesang der Verlierer des zerstörerischen Aufbaus Ost an – sind dabei aber zutiefst inspiriert vom amerikanischen B-Movie.

Und auf einem anderen Blatt dieses Kinojahrgangs streift Ulrich Köhlers Hauptfigur in Schlafkrankheit durch das neue Afrika, findet das originale "Grauen" des irren Kurtz wieder – aber ganz anders. Der Film kommentiert stillschweigend die weltweite Political Correctness und mündet in ein tiefes Fremdsein, in eine verheerende Einsamkeit. Vielleicht ist gerade in diesem Sinn all unsere Bedeutungs- und Themenfilmerei wieder nur eine Lüge. Der Selbstbetrug einer Gesellschaft – inklusive ihrer Künstler –, die ein bereits zu Tode gentrifiziertes Land partout ins neue globale "Gute" hinüberretten möchte, inklusive Frauenquote, Nichtraucher-Verordnung und Relevanzkino. Da log der deutsche Heimatfilm in den Fünfzigern ehrlicher.