Von Südwest nach Nordost

Diese Tour beginnt in Lissabon , wo man beim Festival Rock in Rio unter anderem Bruce Springsteen und den noch größeren Stevie Wonder sehen kann (25. Mai bis 3. Juni). Dann fahre man nach Aranjuez: Im Schatten des königlichen Palastes findet das Aranjuez Musica Antigua Festival statt (Juni und Juli). Barcelona ist immer einen Umweg wert (auch wenn man im September dorthin sollte, zum Merce-Straßenfestival am 24. September). Nun wende man sich nordwärts, dann erreicht man rechtzeitig (am 28. Juni) das Pyrotechnik- und Weinfestival in Bordeaux (welch großartige Kombination – auch wenn wir durch diesen Nord-Schlenker das Festival von Avignon verpassen, das am 7. Juli beginnt). Von jetzt an geht es ostwärts: In München findet vom 29. Juni bis zum 24. Juli das Tollwood Festival statt (ökologisch korrekt, mit allen Arten populärer Musik). Dann nach Polen : Fußball-EM (8. Juni bis 1. Juli)! Während im Stadion von Breslau die Nationalteams gegeneinander antreten, wird drumherum in der schönen Stadt ein Kulturfest gefeiert. Weiter nach Norden, Riga , wo vom 11. bis zum 14. Juli das Festival der Frühen Musik stattfindet. Schließlich nach Finnland : In Savonlinna, inmitten der Seenplatte, werden zum 100. Mal Opernfestspiele gefeiert; uraufgeführt wird in dieser Stadt, die übrigens auch die legendäre Handy-Weitwurfweltmeisterschaft beherbergt, Free Will, die erste Oper, die im Internet entstand.

Von Süd nach Nord

Wir starten in Athen , denn dort, im gewaltigen Theater von Epidaurus, gibt es, vom 9. Juni bis zum 18. Juli, allen Krisen zum Trotz, ein großes Theaterfestival. Am 10. Juli sollten wir dann in Palermo eintreffen – rechtzeitig zum Santa Rosalia Festival, welches zu Ehren der Schutzheiligen dieser nicht immer ausreichend geschützten Stadt gefeiert wird – fünf Tage mit Tanz, Theater, Umzügen. Dann rasch nach Norden, zum Ravenna Festival, bei dem unter anderen Riccardo Muti und das Jugendorchester der Stadt auftreten werden. Nun geraten wir in den Bereich der Hoch- und Hochpreiskultur: Ein Abstecher nach Salzburg muss sein, denn dort beginnt am 20. Juli, opulenter denn je, das Festival schlechthin. Und aus dem herrlichen Salzkammergut führt der Weg ins schrundige, dicht besiedelte Westdeutschland: In die Industriedenkmäler des Ruhrgebiets ist schon vor Jahren die Kultur eingezogen, Ruhrtriennale heißt das große Fest, das am 17. August beginnt und das nun drei Jahre lang von dem Komponisten Heiner Goebbels geleitet wird. Auch diese Tour endet in der klaren Luft des Nordens, im Nationaltheater Oslo , wo zu Ehren des größten Theaterdichters des Landes gefeiert wird: das Ibsen-Festival (23. August bis 9. September).

Von Nordwest nach Südost

In Irland geht diese Reise los, und zwar am längsten Tag des Jahres: Das Midsummer Festival von Cork (21. Juni bis 1. Juli) bietet Musik, Tanz, Comedy, Storytelling, Lagerfeuer. Dann nach Schottland , zum vielleicht vielfältigsten Festival überhaupt, dem Edinburgh Fringe (5. bis 29. August): Eine ganze Stadt verwandelt sich in ein System von teilweise winzigen Bühnen und überfüllten Theaterhöhlen. Wenn wir uns beeilen, erreichen wir London noch rechtzeitig, um die letzten Tage der Olympischen Spiele (27. Juli bis 12. August) zu erleben; die Spiele sind in ein üppiges Kulturprogramm eingebettet. Dann weiter nach Berlin, wo bei den Young Euro Classics die Jugendsymphonieorchester dieser Welt auftreten (bis zum 12. August) und beim Festival Tanz im August (11. bis 26. August) unzählige Kompanien aus aller Welt gastieren. Anschließend halten wir uns südwärts, dann haben wir die Chance, den Grünen Hügel zu Bayreuth noch während der Wagner-Festspiele (25. Juli bis 28. August) zu erreichen (allerdings verpassen wir, wenn wir diesem Zeitplan gehorchen, die Festwochen zu Wien, und das ist sehr schade; dieses Fest dauert vom 10. Mai bis zum 18. Juni und hat unter vielen anderen die Choreografin Constanza Macras zu Gast). Unsere Reise endet im serbischen Guca, wo vom 8. bis zum 12. August die wildesten, furchterregendsten Blasmusikensembles des Kontinentes sich treffen, um nicht zu sagen: aufeinanderprallen. Dorthin muss man reisen, wenn man wissen will, wie Europa wirklich klingt.

Recherche: Julia Daumann