Das Schwarzbuch Börse ist eine Pflichtlektüre für professionelle Investoren und Privatanleger. Jahr für Jahr prangert die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) darin »Skandale, Missstände und Pleiten« bei börsennotierten Unternehmen an. Dieses Jahr traf es zum Beispiel die Klinikkette Marseille, die Kredite an den Großaktionär Ulrich Marseille und seine Gattin vergeben hat. Das Geld, meint die SdK, könne das Unternehmen selbst gut gebrauchen.

Der Einwand ist berechtigt. Genau wie zahlreiche andere Kritikpunkte der SdK, etwa am Geschäftsgebaren der Fluggesellschaft Air Berlin oder der Baumarktkette Praktiker. Und trotzdem blieb bei der Lektüre des Schwarzbuchs, das im Februar erschienen ist, ein ungutes Gefühl zurück. Handelt es sich tatsächlich um die Kritik unabhängiger Aktionärsschützer? Oder verfolgen SdK-Mannen eigene Interessen – etwa weil sie privat auf fallende Kurse der Unternehmen gewettet haben?

Zwischen 2006 und 2008 übte die SdK harsche Kritik am Zahlungsdienstleister Wirecard und am Flugzeugmotorenbauer Thielert. Später stellte sich heraus, dass Verbandsvertreter an dem Kursverlust der Aktien verdienten. Es kam zu umfangreichen staatlichen Ermittlungen. Im März dieses Jahres verurteilte das Landgericht München I den Ex-Vorstand der SdK Markus Straub im Fall Thielert wegen Marktmanipulation zu einer Freiheitsstrafe sowie zur Zahlung einer Geldstrafe.

Der Skandal hat die Glaubwürdigkeit der Aktionärsschützer erschüttert. Der traditionsreiche Verband mit 12.000 Mitgliedern, der 1959 in München gegründet wurde, wird heute skeptisch beäugt. Bei jeder Äußerung schwingt der Verdacht mit, sie könne mit Interessenkonflikten behaftet sein. Für die kritisierten Manager und Unternehmer ist das wunderbar: Wenn sie wollen, können sie mit Verweis auf die Verbandshistorie neuerdings problemlos Zweifel an den SdK-Argumenten säen.

Aus diesem Grund ist der Vertrauensverlust nicht nur ein Problem für die SdK, sondern für alle Anleger. Denn in der Sache, das räumen selbst Kritiker ein, haben die Aktionärsschützer meist recht – selbst wenn sie bisweilen übers Ziel hinausschießen. »Die SdK hat in den vergangenen Jahren auf etliche Missstände hingewiesen, die sonst niemand thematisiert hätte«, sagt ein ehemaliges hochrangiges Mitglied, das wegen interner Konflikte bereits vor einigen Jahren ausgetreten ist. Auch Außenstehende erklären – wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand –, dass man die SdK wegen Fehlern Einzelner nicht pauschal kritisieren solle.

Ob im Schwarzbuch Börse oder auf Hauptversammlungen: SdK-Vertreter prangern geschönte Bilanzen, hohe Boni und Missmanagement an. Sie sorgen damit für mehr Aufklärung und Transparenz. Sie greifen ein, auch mit juristischen Mitteln, wenn Anleger benachteiligt werden – etwa durch mickrige Zwangsabfindungen im Rahmen eines »Squeeze-Out«, bei dem Kleinaktionäre aus dem Unternehmen gedrängt werden.

Der Verband spielt eine wichtige Rolle für den Anlegerschutz in Deutschland, ist Frühwarnsystem und Pannenhilfe zugleich. Nur, dass dem System derzeit keiner so richtig traut. Den 50 ehrenamtlichen SdK-Sprechern, die derzeit wie jedes Jahr auf die Hauptversammlungen der deutschen Konzerne ausschwärmen, dürfte vielerorts Skepsis entgegenschlagen – nicht nur von Managern, sondern auch von den Anlegern selbst.

Beirren lassen sich die Vertreter der SdK davon bisher nicht, wie die ersten Versammlungen des Jahres gezeigt haben. Beispiel Volkswagen: SdK-Chef Hansgeorg Martius kritisierte vergangene Woche die Berufung von Ursula Piëch , Gattin von Großaktionär und Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch, ins oberste Kontrollgremium. Dort säßen nun »zu wenige unabhängige Vertreter«. Auch sonst macht der Verband weiter wie bisher – und lässt beispielsweise prüfen, ob Besitzer griechischer Anleihen gegen den Schuldenschnitt vorgehen können.