DIE ZEIT: Herr Westerwelle , dreißig Prozent der Wähler in Frankreich haben für europafeindliche Parteien der Rechten und Linken gestimmt , besonders viele Jungwähler. Wie bedrohlich ist das?

Guido Westerwelle: Ich teile die Sorge, die in der Frage liegt. Aber krisenhafte Zeiten in Europa haben immer wieder, und nicht nur in Frankreich, antieuropäische Populisten auf den Plan gerufen. Daraus ist bisher keine wirkliche Bedrohung für Europa geworden. Meist wurden solche politischen Strömungen in wenigen Jahren wieder auf Normalmaß zurückgestutzt. Die Menschen erkennen, dass vermeintlich simple Antworten auf Krisen gar keine Lösungen bieten.

ZEIT: Sie warnen vor einer Renationalisierung. Was ist damit gemeint?

Westerwelle: Nehmen Sie Menetekel wie den Versuch der letzten dänischen Regierung, an der deutsch-dänischen Grenze wieder permanente Grenzkontrollen einzurichten . Die Reisefreiheit ist eine europäische Errungenschaft. Es wäre ein schwerer Schaden, sie wieder infrage zu stellen.

ZEIT: Gilt diese Kritik auch für den Vorschlag von Innenminister Friedrich , nationale Grenzkontrollen bis zu 30 Tagen wieder möglich zu machen?

Westerwelle: Wir müssen aufpassen, nicht die falschen Botschaften zu senden. Für mich sind Reisefreiheit und Freizügigkeit in Europa nicht verhandelbar. Was vor Generationen nur ein Traum war, haben wir verwirklicht: Schengen macht das gemeinsame Europa für seine Bürger im Alltag erlebbar. Der Fall der Schlagbäume, diesen entscheidenden Schritt der Integration, dürfen wir sicher nicht dem Wahlkampfgetöse opfern. Wir brauchen die richtige Balance zwischen Freiheit und Sicherheit. Deshalb ist es unsere Aufgabe, die Außengrenzen Europas so zu sichern, dass nationale Alleingänge schlicht überflüssig sind.

ZEIT: In Spanien , Griechenland , Italien wächst der Zorn auf das »deutsche Spardiktat«. Grund zur Sorge?

Westerwelle: Ich bin derzeit viel in Europa unterwegs, um die Behauptung zu widerlegen, Deutschland setze auf Sparsamkeit und sonst nichts. Wir setzen auf Haushaltsdisziplin, weil man eine Schuldenkrise nicht bekämpfen kann, indem man das Schuldenmachen erleichtert. Wir setzen aber gleichzeitig auf Wirtschaftswachstum durch bessere Wettbewerbsfähigkeit. Es gibt einen fundamentalen Unterschied zur Opposition in Deutschland: Sie glaubt immer noch, dass man Wirtschaftswachstum durch neue Staatsschulden kreieren kann. Wir haben doch gesehen, dass das nicht funktioniert.

ZEIT: Aber Ihre Politik funktioniert auch nicht. Die Spanier erleben gerade , dass durch mehr Haushaltsdisziplin keine Arbeitsplätze entstehen.

Westerwelle: Deswegen ist es auch richtig, dass die spanische Regierung nicht nur spart, sondern auch auf Strukturreformen setzt. Aber das kann doch nicht innerhalb von Wochen wirken!

ZEIT: Hat die Art, wie wir die Debatte über die Krise geführt haben, zur Verbitterung beigetragen?

Westerwelle: Ich wünschte, ich könnte Ihnen aus vollem Herzen widersprechen. Aber leider haben Sie recht. Der Ton macht die Musik. Diese Klischees, wonach die Griechen mit einer Flasche Retsina und Oliven unterm Baum liegen, während die Deutschen schwer arbeiten, die sind doch an Albernheit nicht zu überbieten. Auch der Satz, jetzt werde in Europa Deutsch gesprochen...

ZEIT: ...vom Unionsfraktionschef Volker Kauder ...

Westerwelle: ...war anders gemeint, ist aber schief angekommen. Der vermeintliche Herrschaftsanspruch, der in solche Worte hineingelesen wird, ist für Menschen in anderen Ländern verletzend.

ZEIT: Aber Sie haben doch selbst auch Sprüche geklopft: In Deutschland dürften keine Renten gekürzt werden, während wir für die Griechen zahlen...

Westerwelle: Ich will nicht ausschließen, dass ich mich auch nicht immer nur geschickt geäußert habe. Aber für mich ist die mit Abstand wichtigste politische Entscheidung, die ich als Außenminister getroffen habe, die klare proeuropäische Ausrichtung als Antwort auf die Krise.