Ein Arbeitsleben lang hat Attilio Befera das Schattendasein eines Staatsdieners geführt. Jetzt, mit 65 Jahren, steht der Chef der italienischen Steuerbehörde im Rampenlicht. 80 Prozent der Italiener halten ihn laut Umfragen für einen Helden, seitdem Befera neuerdings spektakuläre Razzien gegen Steuersünder organisiert. Doch es gibt nicht nur Applaus. Seine Mitarbeiter mussten mehrere Briefbomben entschärfen, die an ihren Chef adressiert waren. Darüber redet der oberste Steuerfahnder im Land nicht gern. Lieber erzählt er, wie er aus den Italienern, die nach Schätzungen seiner Behörde jährlich mindestens 128 Milliarden Euro am Fiskus vorbeischwindeln, ein Volk von braven Steuerzahlern machen will. »Meine Arbeit«, sagt Befera, »geht jetzt erst richtig los. Denn jetzt ist Italien ein anderes Land.«

Aber keiner weiß, wie lange das so bleiben wird . Denn die Macht jener Regierung, die das Land in einem atemberaubend schnellen Tempo verändern will und den Steuereintreiber Befera zu Höchstleistungen anspornt, ist eigentlich nur geliehen. Regierungschef Mario Monti und sein Kabinett parteiloser Experten sollen im Frühling 2013 wieder abtreten und bis dahin ein gigantisches Reformprogramm stemmen. Das ist ihre einzige Existenzberechtigung, denn der Wirtschaftsprofessor Monti wurde nicht gewählt, wird aber von einer breiten Parlamentsmehrheit gestützt. Noch hält diese Mehrheit, aber zunehmend behandeln die Politiker den Professor wie einen Buchhalter, den sie jederzeit entlassen können. Dabei soll er für sie eine Arbeit erledigen, die sie sich selbst nicht zutrauen: Die horrende Staatsverschuldung von fast zwei Billionen Euro abbauen und gleichzeitig die Wirtschaft ankurbeln.

Befera und seine 15.000 Steuerfahnder versuchen Geld aufzuspüren, das dem Staat teilweise systematisch vorenthalten wurde. 13 Milliarden Euro haben sie im vergangenen Jahr sichergestellt, gut ein Zehntel des vermuteten Schatzes. 2012 soll es mehr werden. Fieberhaft gleichen die Fahnder die Daten über die Haushaltsführung der Steuerzahler mit deren Steuererklärung ab. Immobilienbesitz mit Hauspersonal, teure Autos, hohe Gasrechnungen, sogar ein Boot? Wer auf großem Fuß lebt, aber kleine Steuern zahlt, gerät ins Visier. Zuletzt gingen die Fahnder gegen 20 Goldschmiede auf der berühmten Brücke Ponte Vecchio in Florenz vor. Mit Blaulicht und Sirene wie bei der Verbrecherjagd. Befera schwört darauf, wegen der abschreckenden Wirkung.

Die Signora hatte die Steuer einfach vergessen. Jetzt zahlt sie

»Bis vor Kurzem galten Steuerbetrüger nicht als kriminell, sondern als besonders schlau«, sagt Befera. »Dann kam die Krise . Und damit der Wunsch der Bürger nach Steuergerechtigkeit.« Früher hätte sich kein Politiker getraut, mit der Jagd auf Steuersünder um Wähler zu werben. Für Silvio Berlusconi war Steuerhinterziehung ein Akt der Notwehr von Bürgern gegen einen feindlichen Staat. Seit Mario Monti regiert , haben sich die Verhältnisse geändert. »Wir erleben eine Kulturrevolution«, so Befera. Damit diese auch langfristig Früchte trägt, soll der Fiskus bürgerfreundlicher werden. Schnellere Rückerstattung an ehrliche Steuerzahler, verständlichere Formulare – für Letzteres hat die Steuerbehörde einen bekannten Sprachforscher engagiert.

Befera setzt auf Kommunikation. 50.000 Briefe hat er verschicken lassen, in denen Verdächtige auf »Unstimmigkeiten« hingewiesen wurden. 35.000 Bürger antworteten, darunter eine Dame, die dem Fiskus systematisch Jahreseinkünfte von drei Millionen Euro verschwiegen hatte. »Was wollen Sie machen?«, fragt Befera und lächelt verschmitzt. »Die Signora hatte das Geld einfach vergessen.« Jetzt zahlt sie, wie viele andere. Täglich erleben die Italiener, dass sich der Wind im Land gedreht hat. Plötzlich tippt der Bäcker unten im Haus einen Kassenzettel, was er zuvor stets versäumt hatte. Plötzlich gibt es auch im Restaurant eine Rechnung, die diesen Namen verdient, genauso wie beim Automechaniker und beim Zahnarzt.

Die Steuerpolitik ist nur ein Teil des anspruchsvollen Modernisierungsprogramms der Regierung Monti. Dessen dringlichste Aufgabe ist es, das Vertrauen der Märkte zurückzuerobern. Kaum im Amt, nahm sich das Expertenkabinett auch das Rentensystem vor. Im Land mit der ältesten Bevölkerung Europas wurde das Renteneinstiegsalter angehoben. »Wir wissen, dass wir den Menschen Opfer abverlangen«, sagte Arbeitsministerin Elsa Fornero damals – und brach in Tränen aus . Was bei der 63-jährigen Wirtschaftswissenschaftlerin zunächst als Ausdruck des Mitleids und der Menschlichkeit interpretiert wurde, kreiden Fornero inzwischen viele als Krokodilstränen an. Denn nun schickt sie sich an, die nächste Hürde zu nehmen: die Reform des Arbeitsrechts.